Rechts und links kann man doch verwechseln

14.04.2003

Polizeiermittlungen gegen Cartoonisten Gerhard Seyfried

Eins muss man unserer Polizei lassen, sie hat gute Augen. Dagegen ist die Behauptung, sie sei mit Arbeit völlig überlastet, nur dummes Gerede. Das beweist nun ein Fall in Berlin, wo das keineswegs überlastete, sondern intellektuell offenbar eher überforderte Landeskriminalamt ein Ermittlungsverfahren gegen den bekannten links-alternativen Comic-Zeichner Gerhard Seyfried eingeleitet hat. Nach Angaben des Cartoonisten, der im letzten Bundestagswahlkampf das populäre Ströbele-Plakat entworfen hat, wird ihm die "Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen" vorgeworfen. Und den Anlass liefern seine beiden Diagramm-Posterbeilagen zu Mathias Bröckers' Buch "Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9", das aus seiner Telepolis-Serie The WTC Conspiracyhervorgegangen ist.

Dabei muss man Seyfried eigentlich dankbar sein. Schließlich hat er den satirischen Versuch unternommen, die höchstkomplizierte Verknüpfung verschiedenster Weltverschwörungstheorien anschaulich darzustellen. Da angeblich auch alte und neue Nazis unter den Verschwörern sein sollen, sieht man auf dem Poster dann fast schon logischerweise ein kleines SS-Emblem und auch ein winzig kleines Hakenkreuz. Wer letzteres allerdings auf Seyfrieds Online-Seiten entdecken möchte, braucht dazu die äußerst guten Augen eines Berliner Polizisten.

Obwohl die Diagramme eindeutig satirische Cartoons sind, es dabei also im gesetzlichen Sinne um schützenswerte Kunstwerke handelt, und der Künstler zudem bekanntlich alles andere ist als ein Neo-Nazi oder Nazi-Sympathisant, wirft man ihm jetzt gleichsam Werbung für den Faschismus vor. Komisch, aber leider wahr. Und ein Vorgang, der verdächtig an Ernst Jandls kleines Gedicht "Rechts und links" erinnert: "manche meinen/lechts und rinks/kann man nicht/velwechsern./werch ein illtum!"

Ein Illtum, den die Polizei allerdings schon einmal im vergangenen Herbst (Rechner wegen Satire im Web beschlagnahmt) begangen hat, als sie in einem Zweitausendeins-Laden die Diagramm-Posterbeilage wegen der Darstellung verfassungswidriger Symbole beschlagnahmt hat. Außerdem ist damals fast gleichzeitig der PC eines Website-Betreibers in Süddeutschland beschlagnahmt worden, der ein Link auf die Diagramme gelegt hatte. Nach einer Anhörung hat der Beschuldigte noch am gleichen Tag seinen Rechner jedoch zurückerstattet bekommen. Und mit diesem Happyend im schwierigen Kampf gegen den internationalen Faschismus sind bestimmt auch die zuständigen Polizeibeamten zufrieden gewesen, die wenigstens an diesem Tag ja mal richtig doll was zu tun gehabt haben.

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