Das Hollywood-Heldendrama im Irak

17.04.2003

Selbst die filmreife Befeiung der Jessica Lynch aus den Händen der bösen Hussein-Schergen scheint anders verlaufen zu sein, als dies uns das Pentagon und manche hörigen Medien berichtet haben

An Gerüchten, Falschinformationen oder Propaganda herrscht seit dem 11.9. kein Mangel. Ein guter Teil stammt auch aus offiziellen Kanälen der britischen und amerikanischen Regierungen und ihren Geheimdiensten, die auch nicht davor zurückscheuten, beispielsweise gefälschte Beweise für die angebliche Massenvernichtungswaffen im Irak zu verwenden. Zahllose falsche oder irreführende Meldungen gab es auch im Krieg gegen den Irak. Jetzt scheint auch eine Episode, die eigentlich für den Krieg nebensächlich war, aber ein großes Medienecho in den USA gefunden hat, zunächst vom Pentagon gut frisiert dargestellt worden zu sein: die Befreiung der jungen und hübschen Jessica Lynch aus der Hand der bösen Iraker. Das verwundert nicht weiter, lässt aber die Glaubwürdigkeit noch ein Stück weiter sinken, wenn die US-Regierung und das Weiße Haus tatsächlich mehr auf strategische Kommunikation(sverfäschung) oder Psychologische Operationen als auf Wahrheit setzen - und dabei systematisch eben auch die "freien" Medien, die das eigentlich wissen sollten, und die US-Bevölkerung täuschen.

Ende März kam es nach einem überraschenden Kriegsbeginn und einer wohl vergeblichen Shock-and-Awe-Bombardierung zur "Enthauptung" des Irak-Regimes, zu unerwarteten Schwierigkeiten. Alle hatten schließlich erwartet, dass mit der totalen militärischen Überlegenheit des US-Militärs der Widerstand nicht nur schnell einknicken würde, sondern sich die gegnerischen Kämpfer scharenweise ergeben würden, während das Volk jubelnd die Befreier begrüßte. Doch dann verschwanden die meisten Soldaten mitsamt der Führungsspitze einfach, zudem gab es unerwartet harten Widerstand von meist kleinen Gruppen in den Städten.

Doch dann stellten sich wieder Erfolge ein, Städte konnten plötzlich über Nacht ohne nennenswerten Widerstand eingenommen worden und es kam zu einem Einsatz von Spezialtruppen mit einem glücklichen Ende, mit dem sich direkt an Hollywood-Filmen mit ihren Helden und Schurken anschließen ließ: Saving Private Lynch. Der Krieg fand in dieser Geschichte nicht mehr verwirrend mit zahllosen Darstellern und Reportern an vielen Schauplätzen ohne erkennbare Handlungsstruktur mit Anfang und Ende statt. Jetzt gab es ein Drama mit persönlichen Schicksalen, das sich spannend und mitfühlend erzählen ließ. Am 1. April - aber das sollte wohl nicht wirklich eine Bedeutung haben - konnte das Pentagon von einer dramatischen Aktion berichten, die dann die vorläufige Wende einleiten sollte.

Das Bild mit seiner Kommentierung. "The Iraqi family that provided vital information in the rescue of POW Army Pfc. Jessica Lynch, rest at Camp Liberty, Iraq, April 3. The family was welcomed by Marines, who greeted them with food, clothing and an American flag. U.S. Marine Corps photo by Sgt. L.A. Salinas."

Bei dem Drama ging es, besser hätte es nicht kommen können, um eine junge, hübsche Frau (Überlebensvorteil Schönheit?). Die 19jährige Jessica Lynch, die bei einer Wartungseinheit arbeitete, war am 23. März verletzt und gefangen worden. Noch am Boden mit Wunden und einen gebrochenen Bein hatte sie sich "heldenhaft" gewehrt und auf die Gegner geschossen, berichtete man im Pentagon. Sie wurde in ein Krankenhaus in Nasirija gebracht und dort von "mehr als 40 mörderischen Killern" bewacht. In der Dunkelheit flogen in der Nacht vom 1. April die Männer verschiedener Spezialeinheiten mit Hubschraubern ein und drangen nach heftigem Schusswechsel ins Krankenhaus ein, wo sie nicht nur Lynch fanden, sondern auch einen Haufen an dort deponierten Waffen. Brigadegeneral Vincent Brooks kommentierte: "It was a classic joint operation done by some of our nation's finest warriors who are dedicated to never leaving a comrade behind." Ausschnitte von der Aktion zeigte man stolz in einem Video, das mit einer Nachtsichtkamera aufgenommen wurde.

Um die Story noch etwas für die Medien auszubauen, wurde nach der glücklichen Rettung der Schönen Näheres über den Informanten mitgeteilt. Man wurde sogar außergewöhnlich redselig, was sonst nicht die Sache der Militärs ist. Aber man hatte ja auch Erbauliches und zugleich Spannendes zu berichten: "New heroes have surfaced in the rescue of Army Pfc. Jessica Lynch." Eine irakische Familie, so teilte man mit, habe "alles für die Rettung riskiert". Der Informant, ein 33jähriger Rechtsanwalt, hatte, nach den Mitteilungen vom Pentagon, seine Frau im Krankenhaus besucht, die dort als Krankenschwester arbeitete, und dann von einem befreundeten Arzt erfahren, dass es hier eine amerikanische Gefangene gab. Heimlich sollen sie dann losgezogen sein, um sie zu besuchen. Als sie durch den Türspalt blickten, sahen sie, wie ein brutaler Wächter die junge Frau ins Gesicht geschlagen hat: "Mein Herz stand still", soll er erzählt haben. "Ich wusste, dass ich ihr zu ihrer Rettung helfen musste. Ich beschloss, zu den Amerikanern zu gehen und es diesen zu sagen." Irgendwie aber soll er zuvor noch, als ihre Wächter darüber sprachen, ihr ein Beim zu amputieren, ihr zugeflüstert haben: "Hab keine Angst." Lynch habe daraufhin gelächelt.

Damit die Story noch besser ausbeutet werden konnte, soll derselbe Mann, dessen Identität das Militär zu seinem Schutz nicht verraten wollte, auch noch gesehen haben, wie die "Tiere" den Körper einer Frau durch die Straßen als Strafe dafür geschleift hätten, dass sie den Befreiern zugewinkt hatte. Das diente dann auch zur Erklärung, warum die Befreier anfangs gerade im Süden von Schiiten nicht so begeistert wie erwartet empfangen worden sind. Der tapfere und gute Iraker, den man auch zum Kontrast gegenüber den Bösen benötigt, ließ sich durch die brutale Szene nicht abhalten, zu den Amerikanern zu gehen. Die schickten ihn zurück, um die Lage unauffällig auszukundschaften.

Während er seine Beobachtungen machte, man konnte es schon damals nicht recht glauben, soll eine der berüchtigten Todesschwadronen in einem Haus gewesen sein, es geplündert und sein Auto beschlagnahmt haben. Wie durch ein Wunder konnten seine Frau und seine Tochter aber bei Nachbarn unterschlüpfen. Den Guten darf schließlich nichts passieren, um das Happy Ende nicht zu stören.

Sehr konsistent wurde die Story, die ganz nach psychologischer Kriegsführung und Propaganda schmeckte, allerdings nicht von Sergeant Joseph Chenelly erzählt, der bei den Marines für die Pressearbeit zuständig ist. Zwei Tage lang ging der gute Mann von Nasirija nach Chenelly, der jetzt möglicherweise direkt neben dem irakischen Informationsminister und einigen anderen hohen Märchenerzählern aufs Podest gestellt werden darf, dann durch die Straßen, in denen der Häuserkampf tobte, zum Krankenhaus und zurück, schaute immer mal wieder zu Lynch ins Zimmer und konnte, zusammen mit dem Arzt, der im Laufe der Geschichte zu seinem Freund wurde, die geplante Operation hinauszögern, bei der sie nach seiner Auskunft gestorben wäre.

Schließlich schlich sich der Mann wieder zu den amerikanischen Soldaten und gab diesen 5 Zeichnungen, die er zusammen mit seiner Frau vom Krankenhaus angefertigt hatte, sowie allen Angaben zu den Bewachern und deren Wachwechsel. Dann fand die Befreiung statt, Lynch wurde gerettet und in ein Krankenhaus nach Deutschland gebracht. Der tapfere Informant wurde natürlich auch mit seiner Familie gerettet und an einen sicheren Platz gebracht. Und zum Abschluss durfte der neue Held auch die Amerikaner noch loben udn Hussein verdammen: "Iraq is not a safe place while Saddam Hussein is in power. He kills the Iraqi people whenever he wants. I believe the Americans will bring peace and security to the people of Iraq."

Am Dienstag berichtete nun CNN, dass die üblichen "sources" (auch oft als "officials" bezeichnet), die natürlich nicht genannt werden wollen, nun sagten, dass es eigentlich ein für die CIA arbeitender und vom Geheimdienst bezahlter Iraker gewesen sei, der die entscheidenden Informationen geliefert habe, die zur Befreiung von Lynch führten. Das ist zwar auch noch gut, aber nicht mehr so schnulzig wie die Geschichte des todesmutigen Irakers, der ganz ohne Eigeninteresse sein Leben für die schöne Amerikanerin riskierte.

Dieser CIA-Spitzel soll mit einer versteckten Videokamera das Krankenhaus erkundet haben, um so den Spezialeinheiten die notwendigen räumlichen Informationen zu beschaffen. Das Video habe erst andere Informationen bestätigt, die man aus anderen Quellen erhalten habe, beispielsweise von einem Iraker, der den US-Soldaten erzählt haben soll, dass Lynch sich in dem Krankenhaus befand. Man vertraute aber diesen Informationen nicht wirklich. Als die Soldaten der Spezialeinheiten dann ins Krankenhaus eindrangen, soll dieses - aber das ist schon die altbekannte Geschichte - "weitgehend verlassen" gewesen sein. Das wird auch von der Washington Post bestätigt. Weitgehend heißt hier: niemand. Vorher hatte man dies allerdings noch anders erzählt. Aber egal: das ist schon lange her und das Gedächtnis der Menschen bekanntlich kurz.

Gestern ist schließlich noch eine andere Version aufgetaucht. Die britische Times schreibt, Ärzte aus dem Krankenhaus hätten ebenfalls erzählt, dass es keinerlei Widerstand bei der heroischen Befreiungsaktion gegeben habe. Dafür aber sollen die Spezialeinheiten sicherheitshalber vier Ärzte und zwei Patienten mit Handschellen gefesselt haben. Der eine Patient, gelähmt und am Tropf hängend, war wohl besonders gefährlich. Am Tag vor der "Befreiung" habe sogar ein Krankenwagenfahrer Lynch, die eigentlich in ein anderes Krankenhaus verlegt werden sollte, zu den US-Truppen fahren wollen, sei aber beschossen worden. Der Arzt Harith al-Houssona, der sie behandelt haben soll, sagte, die Amerikaner hätten Märchen erzählt.

Dafür gibt es hier noch einmal eine andere Rettungsstory. Harith will nämlich am 1. April, als die irakischen Soldaten Nasirija verlassen und Lynch als Pfand mitnehmen wollten, sie in einem anderen Teil des Krankenhaus versteckt haben. Die übrigen Ärzte sollen ihnen gesagt haben, dass sie wahrscheinlich gestorben sei. So also wurde vielleicht ihr Leben gerettet. Übel aber soll es Abdul Razaq von der Krankenhausverwaltung ergangen sein, der sich zu seinem Schutz im Zimmer von Lynch versteckt haben. will. Die US-Soldaten sollen ihn mitgenommen und drei Tage in einem Gefangenenlager im Freien festgehalten haben.

So wäre also nicht nur die Geschichte des heldenhaften Informanten ein wenig stark vom Pentagon zurecht gebogen werden, um ein schönes Drama zu bieten, das die patriotischen Medien einfach übernehmen konnten, sondern auch der Einsatz scheint nicht so arg heldenhaft gewesen zu sein. Über solche Einzelheiten der Jessica-Lynch-Befreiungsoperation verraten auch dieses Mal die "sources" nichts. CNN scheint es auch nicht weiter interessiert zu haben. Dagegen berichten die Iraker und machen daraus ihre eigene Heldengeschichte. Und die Medien stehen dazwischen ...

Vielleicht erfahren wir dann bald Näheres und dann wirklich der Wahrheit Gemäßes, wenn tatsächlich ein Hollywoodfilm über die verwegene Befreiung von Jessica Lynch in die Kinos kommen sollte - vielleicht gesponsert vom Pentagon, wenn man dort nicht gleich eine eigene Produktion startet, falls bis dahin noch Bush-Rumsfeld-Wolfowitz an der Macht sein sollten. Auch wenn der Film noch ein wenig Zeit braucht, so hat Jessica doch schon ihre eigene, wenn auch noch karge Fan-Website. Playboy oder so wird auch schon warten ... Der irakische Arzt meinte übrigen, Jessica habe sehr viel Angst gehabt und sei ein wenig "einfach" gewesen, nicht sehr gebildet: "Aber sie war sehr, sehr nett, mit einem hübschen Gesicht und blonden Haaren."

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