No Sex!

20.04.2003

Das gilt in den USA nun auch für Wissenschaftler, die Forschungsgelder beantragen

Gute Zeiten für heilige Krieger. Schlechte Zeiten für Humanisten. Am Anfang des fundamentalistischen Kahlschlags, den die US-amerikanische Führungsspitze im Begriff ist zu führen, steht die Jungfräulichkeit. Schon mehrere Konferenzen der Vereinten Nationen blieben fruchtlos, weil die USA mit der sexuellen Enthaltsamkeit nationale und internationale Politik machen.

Weltweit soll Abstinenz zum Herzstück der Sexualerziehung gemacht werden, auch im Kampf gegen AIDS soll nicht mehr "safe sex", sondern "no sex" propagiert werden. Und die Propaganda hat schon eingeschlagen. Immer mehr junge Mädchen in den USA wollen mit dem Sex bis zur Ehe warten und protestieren gegen das Recht der Frau, sich für eine Abtreibung zu entscheiden. Umfragen zeigen, dass Jugendliche in solchen Fragen heute schon wesentlich konservativer sind als vor zehn Jahren

Organisationen, die öffentlich Kondome im Kampf gegen AIDS befürworten, müssen um ihre Finanzierung fürchten. Geld fließt dagegen den ultrakonservativen Gruppen und Organisationen zu, die "Abstinence Only" (und die Betonung liegt auf only) auf ihre Banner geschrieben haben. Abstinenzfinanzierung ist auch ein Weg, reaktionären Organisationen öffentliche Gelder zuzuschanzen. Als "rücksichtslos anti-schwul und anti-safe sex" bezeichnen Kritiker die Standpunkte des selbsternannten "mitfühlenden Konservativen" Bush zum Thema AIDS. Der "We're waiting"-Philosophie zufolge müssten homosexuelle Frauen und Männer, da ihnen die Ehe nicht erlaubt ist, ihr Leben lang auf das erste Mal warten.

"No Sex" - Das gilt einem Bericht in der New York Times zufolge nun auch für Wissenschaftler, die Forschungsgelder beantragen ("Certain Words Can Trip Up AIDS Grants, Scientists Say"). Gewisse "Schlüsselworte" müssten aus den Anträgen verschwinden, sollen die Forscher gewarnt worden sein, Worte, die meist um kontroverse Topoi wie AIDS und andere sexuell übertragbare Krankheiten kreisen. Es sind die Ausdrücke "Sexarbeiter", "Männer, die mit Männern schlafen", "Analverkehr" und "Nadelaustausch" darunter. Die Forscher zogen es vor, anonym zu blieben. Offiziell ist es nicht, dass die Anträge auf "gewagte Wörter" geprüft werden, doch Mitarbeiter der National Institutes of Health die ebenfalls anonym bleiben wollten, gaben zu, dass den Antragstellern in Gesprächen nahegelegt werde, so genannte "sensible" Ausdrücke zu vermeiden. Diese Art von politischer Kontrolle und Zensur soll unter der Bush-Regierung weitaus rigider geworden sein.

Einem Forscher, der Forschungsgelder für eine Studie über die Vorbeugung von HIV bei Prostituierten beantragte, wurde geraten, das Wort "Sexarbeiter" durch einen euphemistischeren Ausdruck zu ersetzen. Ein anderer Forscher wurde angewiesen, die Zusammenfassung seines Antrages zu "reinigen", damit sie keine Worte wie "schwul", "homosexuell" oder "transgender" enthalte. Anträge, die diese oder ähnliche Worte enthielten, würden automatisch aussortiert - und wahrscheinlich in den Giftschrank gesperrt. Der Wissenschaftler ist nun einigermaßen ratlos, wie er ein Projekt über HIV-Tests bei schwulen Männern beschreiben soll, ohne diese in der Zusammenfassung zu erwähnen.

"Wenn Menschen eingeschüchtert werden und anfangen, ihre Sprache zu vernebeln, dann vernebelt sich auch der Geist und die Wissenschaft", kommentiert Dr. Alfred Sommer von der Johns Hopkins University diese gefährlich bornierten Maßnahmen, welche entfernt an das Taliban-Regime erinnern.

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