Dr. Norton im Ausverkauf - 3x täglich

30.04.2003

Wie Spammer den Ruf anderer Firmen ruinieren

"Dr. Norton" war einst Spezialist für PCs mit Bauchweh. Heute verursacht sein Name selbst Bauchgrimmen und kommt gleich nach "$$$", "Penis", "Tax" und "Mortgage" in jeden Email-Filter.

Es ist schon interessant, mit welcher absoluten Penetranz sich US-Unternehmen auf .de-Adressen stürzen, um diese mit Werbung zuzumüllen. Dass Werbung für einen Flohmarkt am Osterwochenende auf einem Wohnwagenparkplatz in Arizona per Massenmail gezielt an .de-Adressen versendet wird, kann man noch auf den berüchtigt niedrigen IQ solcher Trailerpark-Bewohner schieben. Doch auch sonst ist das volle Programm geboten, von Hypotheken auf US-Immobilien über US-Steuertricks bis zu billigeren Ferngesprächen innerhalb der USA "as seen on NBC, CBS and Oprah" wird fleißig in .de-Mailboxen gestopft, was schon in den USA keiner will und hier ganz bestimmt niemand brauchen kann.

Hinzu kommen die üblichen unseriösen Angebote von Heimarbeit, Schneeballsystemen, Brust- und Schniedelvergrößerungen. Hermaphroditen sind hier übrigens im Vorteil, denn mittlerweile gibt es auch kombiniertes "Penis- and Breast-Enlargement" im Doppelpack für 30% Rabatt.

Auch "Symantec" und "Norton" sind längst Standardkandidaten für Mailfilter. Der Grund: 3 bis 4 Mal täglich findet sich Werbung für diese Software zu Ausverkaufspreisen im E-Briefkasten und so mancher Email-User hat schon geflucht, wann Symantec denn nun endlich wirklich ausverkauft und pleite sei, damit diese dauernden Mails endlich aufhören. Einige haben bereits aus Protest ihren Norton Virenscanner entsorgt und sich eine andere Software zugelegt oder kaufen keine Symantec Software mehr. Es werden mittlerweile bereits auch die offiziellen Symantec-Pressemeldungen von Firewalls automatisch aussortiert, weil die beiden bösen Worte "Symantec" und "Norton" darin vorkommen. Schön für die Konkurrenz.

Norton Antivirus fliegt wegen Spam zugunsten von McAffee von der Platte

Urheber der Mailplage ist allerdings nicht Symantec, sondern der US-Spammerkönig George A. Moore, nicht zu verwechseln mit dem Filmer und Buchautor Michael Moore. Selbst mag Moore übrigens keinen Spam. Doch es dauerte lange, bis Symantec gegen das Treiben des Spammers einschreiten konnte. Und zwar, weil der auch noch Raubkopien verkaufte - Symantec hat also an der Rufschädigung durch den Spammer nichts verdient.

Vergleichsweise ist Moore allerdings noch harmlos, seine Mails nerven nur durch die irrsinnige Menge und ihre Blödheit, sprechen aber immerhin noch Klartext, wenn auch in HTML. Andere Spammer benutzen dagegen brutale Betreffs wie "Morddrohung" oder "Fristlose Kündigung" und werden immer dreister:

Jetzt ist Schluss! Ich kann einfach nicht mehr.
Wenn Du das liest bin ich schon weg.
Ich kann auch nichts dafür, wenn Du nicht merkst, was ich für Dich empfinde.
Habe Dir aber trotzdem noch was hinterlegt, um reinen Tisch zu machen:

Gehässig, wie wütende Frauen mitunter sein können, ist das Hinterlegte natürlich ein kostenpflichtiger Dialer auf italienischem Freewebspace.

Im Büro hat der Spam aber unter Umständen noch ganz andere Folgen: Nicht nur liest der Leiter der Nachbarabteilung den bei ihm in der Nacht eingelaufenen Sex-Müll (Täglich kalter Kaffee!) auch noch jeden Morgen laut den Kolleginnen vor, die mit so tollen Briefchen nicht protzen können oder zumindest das Zeug unkommentiert löschen. Nein, schon das Ansehen der HTML-Mail führt ja ungewollt zum Nachladen von auf Sex-Webservern gelagerten Grafiken und so irgendwann zum fetten Anpfiff seitens der Vorgesetzten, wenn die die Logfiles inspizieren. Der Dialer bleibt am Firmennetz zwar ohne direkte finanzielle Wirkung, kann aber ebenfalls Ärger machen, wenn den Angestellten das Installieren fremder Software verboten ist und dies beispielsweise mit dem Microsoft-Überwachungsprogramm SMS kontrolliert wird - ein Sexdialer wird vom Chef sicher nicht als für die Arbeit notwendige Software akzeptiert.

Briefbomben mit gefälschtem Absender

Noch infamer die Methode, den Müll unter den E-mail-Adressen Unbeteiligter zu versenden. Anfangs hatten die Spammer hierfür erklärte Spamgegner als Opfer gewählt, wie den Mailweiterleiter Bigfoot: Tonnenweise wurde mit Bigfoot-Adressen als Absender gespammt. Obwohl Bigfoot den Spammer dingfest machen konnte und gegen ihn vor Gericht gewann, war der Ruf erst mal ruiniert. Zudem waren hohe Kosten aufgelaufen.

Daher resignierte Bigfoot und öffnete selbst die Büchse der Pandora: Wer wollte, dass Bigfoot die eigene Email-Adresse nicht an "Email-Marketer" (also Spammer) weitergab, musste nun zahlen - wer weiter gratis vom Großfüßler profitieren wollte, wurde dagegen plötzlich zugespammt. Danach wurde eine Beschränkung für nicht zahlende Kunden auf 25 Mails täglich eingeführt, die üblicherweise bereits vom Spam komplett aufgebraucht wird. Wer zahlt, bekommt locker das Doppelte und Dreifache an Schrott in die Mailbox, kann sich dafür aber wiederum einen Mailfilter einschalten lassen, um die selbstgeschaffene Plage zu reduzieren.

Die Mailfilter haben es dabei in sich: Auch Web.de bietet inzwischen einen solchen, wobei dort Rückmeldungen der Kunden den Filter verbessern: Anfangs sortierte er schlichtweg alles Englischsprachige aus, wozu auch schon eine Mailadresse reichte , die auf t-online.de endete, inzwischen ist die Trefferquote hoch. Mail von Freunden, von denen man lange nicht gehört hat, landet trotzdem leicht mal im Orkus. Und die Spammer weichen nun gezielt auf gefälschte Adressen namhafter Firmen aus.

So fand sich eines Morgens in den Pressemeldungen über neue Oszilloskope von Agilent auch die Mail einer sarah_wilson@agilent.com, die wieder mal anbot, einem für den Sommer am Strand eine größere Beule in die Badehose zu zaubern, und das vermutlich nicht mit einem Oszilloskop. Der Erfolg: Agilent, ehemals die Messgeräteabteilung von Hewlett-Packard, wandert nun auch in die Mailfilter und die Konkurrenz wie Tektronix, LeCroy und Gould-Nicolet verkauft entsprechend mehr. Bei Preisen dieser Messgeräte um die 60.000 Euro ist der Schaden für Agilent also schnell um ein Vielfaches höher, als die Einnahmen des Spammers je sein werden. Bei der Briefpost würde es fetten Ärger geben, wenn Beate Uhse ihre Kataloge zur Tarnung plötzlich mit gefälschten Absenderangaben wie "Bundeskriminalamt" oder "Siemens" verschicken würde - bei Email ist es dagegen bei dem Müllmailern Standard.

Statt Buch: Müllmail

Nicht alle bösen Email-Marketer sind dabei im Ausland zu suchen. Adressmarketing.net alias Weserverlag.de bietet beispielsweise frech 500.000 deutsche Email-Adressen an, deren Inhaber angeblich Werbemails zugestimmt haben. Sowas tut aber kaum jemand und ganz bestimmt nicht gleich 500.000. Deshalb ist man mit der Definition von "zugestimmt" auch nicht besonders zimperlich:

Der Autor hatte vor gut einem Jahr Kontakt mit dem Unternehmen, als diese ein Buch über Ebay herausbrachten und er dieses besprechen wollte. Dabei hatte er in der Anfrage extra betont, dass seine Email nicht vermarktet werden dürfe. Adressmarketing.net war prompt empört, wie man denn so was nur von ihnen denken könne, so was würden sie doch niiiie tun und rief extra noch zurück, um abzuklären, wo die Buchbesprechung denn geplant sei. Ein Buch traf trotzdem nie ein, falls es überhaupt je eins gegeben hatte, lediglich Rechnungen - und später plötzlich jede Menge Mails über Gewinnspiele und Esoterik-Produkte, deren Absender alle angaben, die Adresse "ganz legal" bei Adressmarketing.net gekauft zu haben ...

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