Franzosen-Bashing

Florian Rötzer 06.05.2003

McCarthy-Protokolle erinnern an frühere Säuberungsaktionen in den USA, während gegen Frankreich neue Beschuldigungen auftauchen, aber auch neue Gerüchte über den ehemaligen Informationsminister kursieren

Gerade wurden vom Senat die Protokolle von Vernehmungen veröffentlicht, mit denen Joseph R. McCarthy vor 50 Jahren hinter verschlossenen Türen angebliche Kommunisten, Homosexuelle und andere Verdächtige in der Hochzeit des Kalten Kriegs traktiert hatte. Es konnte zwar mit dieser Art der Hexenverfolgung niemand eines wirklichen Vergehens überführt werden, doch Hunderte von Menschen verloren durch vage Beschuldigungen ihren Job oder zumindest ihr Ansehen.

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Ähnlich wie die US-Regierung heute überall verdächtige Schläfer und Terroristen wittert, hatte McCarthy die Angst umgetrieben, dass Kommunisten aus dem damaligen Reich des Bösen die USA, ihre Behörden und ihre Kultur unterwandert hätten. Auch damals spielten die amerikanischen Medien patriotisch vielfach mit und wiederholten, was McCarthy, der möglicherweise von Schauprozessen der stalinistischen Art geträumt hat, so alles behauptete, während er das Land von allem Bösen säubern wollte. Der mit dem Sieg von Dwight D. Eisenhower und den Republikanern stark werdende McCarthy hatte seine Blütezeit 1953 und 1954, wurde aber dann vom Senat gezügelt und entmachtet. Die Erinnerung an die Hatz auf nicht ganz systemkonforme Intellektuelle und Künstler (Der neue Feind steht links. Und dreht in Hollywood Filme), die sich auch heute wieder unter republikanischer Führung und dem wiedergekehrten Geist des Kalten Kriegs andeutet, kommt zur rechten Zeit.

Kampagnen laufen nicht nur gegen prominente Schauspieler und Künstler, sondern auch gegen die Staaten, die sich den Kriegswünschen der Bush-Regierung nicht angeschlossen haben. Besonders verfolgt wird Frankreich. Gegen französische Produkte gibt es Boykottaufrufe, die man in der Online-Ausgabe der konservativen Washington Times in der Bannerwerbung ebenso oft sieht wie Aufrufe zum Protest gegen die unpatriotischen Schauspieler.

Die Washington Times, die auch genüsslich die vom Telegraph aufgedeckte angebliche Zusammenarbeit mit dem Irak-Regime ausgebreitet hatte, trägt nun ein weiteres Gerücht zum Frankreich-Bashing bei. Wie natürlich anonym bleibende Geheimdienstmitarbeiter berichtet hätten, soll die französische Regierung geflüchteten irakischen Regierungsmitarbeitern in Syrien Pässe ausgestellt haben, um in Europa untertauchen zu können. Damit hat man gleichzeitig noch einmal Syrien in den Blickpunkt gezogen. Auf das Land haben sich auch schon begehrliche Blicke auf höchster Regierungsebene als Fortsetzung für den amerikanischen Befreiungskrieg gerichtet. Allerdings hatte Außenminister Powell gegen den Widerstand mancher aus der US-Regierung gerade Syrien besucht und gesagt, dass er nicht glaube, das Land würde gesuchten irakischen Flüchtlingen Unterschlupf gewähren.

Irgendwelche Beweise werden nicht vorgelegt, das hatte man auch zu McCarthys Zeit nicht nötig. Pentagon, Außenministerium und Geheimdienste seien aber verärgert, so die Times, weil die Suche nach führenden Regierungsmitgliedern dadurch erschwert worden wäre. Mit den Pässen könnten sich die Irakis frei in der EU bewegen. Frankreich streitet die Beschuldigung ab und bezeichnet sie als Gerücht.

Die Washington Times hat aber auch eine Neuigkeit über den ehemaligen Informationsminister Mohammed Said Sahhaf beizutragen. Der hat von den Amerikanern in guter Comic-Tradition auch einen Spitznamen erhalten, der auch in der Überschrift der Zeitung auftaucht: "Comical Ali". Auch die von den Amerikanern gesuchten irakischen Frauen haben natürlich einenleicht einprägsamen, sie charakterisierenden Spitznamen erhalten. So heißt die eben festgenommene Huda Salih Mahdi Ammash, die am biologischen Waffenprogramm des Hussein-Regimes beteiligt sein soll und im medienwirksamen Kartenspiel der Meistgesuchten auf Platz 55 steht, "Mrs. Anthrax". Die noch flüchtige Rihab Taha heißt "Dr. Germ". Ihr Mann, der General Amer Mohammed Rashid, der sich unlängst gestellt hatte, läuft unter "Missile Man".

Sahhaf, der wegen seinen Leugnens der Realität vor laufenden Kameras weltweiten Ruhm gefunden hat (Erhält der irakische Informationsminister den Grimme-Preis?), habe sich nicht selbst umgebracht, wie Gerüchte sagten, sondern sei nach der Erzählung eines pensionierten irakischen Generals, der mit dem US-Verwalter Jay Garner zusammen arbeite, untergetaucht. Der nach diesem Informanten "naive" Informationsminister sei von Saddam des öfteren geschlagen worden und suche nun nach einer Möglichkeit, ins Exil zu gelangen. Eine Verwandte von ihm habe mit dem General Kontakt aufgenommen. Am liebsten wolle er nach Ägypten: "Er hat eine Menge Geld in einer Bank und liebt diese ägyptischen Frauen sehr."

In Ägypten wurde inzwischen ein 12minütiger Film mit dem Titel "Ich bin nicht Sahhaf" über den ehemaligen Informationsminister gedreht. Darin geht es um einen Mann, der den Informationsminister so bewundert, als er immer wieder im Fernsehen während der Pressekonferenzen auftaucht, dass er schließlich glaubt, er sei es selbst. Offenbar sah der Schauspieler auch tatsächlich Sahhaf ähnlich, angeblich hätten viele Menschen bei den Dreharbeiten auf der Straße geglaubt, es sei der wirkliche Informationsminister. Im Film, der immer einmal wieder Szenen aus dem Krieg zeigt, versucht seine Familie am Ende des Krieges den falschen Sahhaf den Amerikanern zu übergeben, um Belohnung zu erhalten. Die letzte Szene zeige einen amerikanischen Soldaten, der das Ölministerium bewacht. Für den libyschen Produzenten des Films ein Hinweis "auf das wirkliche Ziel dieses Krieges".

http://www.heise.de/tp/artikel/14/14738/1.html
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