Gib dem Shakespeare Zucker

Michaela Simon 11.05.2003

Sechs Affen an der Tastatur

Sie heißen Elmo, Gum, Heather, Holly, Mistletoe und Rowan und man traut ihnen zu, ein Sonett von William Shakespeare in die Tastatur zu tippen, obwohl sie von dem größten Dichter aller Zeiten noch nie gehört haben.

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Die Autoren bei der Arbeit

Vorausgesetzt sie hätten unendlich viel Zeit und unendliche viele Freunde und Tastaturen, würden sie, so geht die Mär, wohl auch die gesamten Werke des genialen Mannes produzieren. Der Nobelpreisträger George Wald hat geschrieben: "Die Zeit ist die Heldin der Geschichte. Mit genügend Zeit kann alles passieren. - Das Unmögliche wird wahrscheinlich, das Unwahrscheinliche wird sicher." Dass Affen Shakespeare produzieren, ist ein beliebtes philosophisch-mathematisches Gedankenspiel, das u.a. von Richard Dawkins und Thomas Huxley vorgebracht wurde, um die Evolution durch natürliche Selektion plausibler zu machen. Auch Stephen Hawking meinte, dass, wenn die Affenhorde nur groß genug sei, sie wahrscheinlich aus reinem Zufall eines von Shakespeares Sonetten tippen würden. Leicht gesagt ist dies eine Behauptung, die allerdings nur irgendwann eventuell aufgehen könnte, wenn man von einer unvorstellbaren großen Zahl von Universen ausgeht, die alle mit Affen bevölkert sind.

Wenn jedes Proton im beobachtbaren Universum ein tippender Affe wäre (etwa 10 hoch 80 insgesamt) und sie würden 500 Buchstaben in der Minute tippen (schneller als die schnellste Stenotypistin) und das 20 Milliarden Jahre lang, dann würden alle Affen zusammen 5mal 10 hoch 96 Versuche starten, die richtigen Buchstaben zu finden. Man bräuchte zusätzlich 3mal 10 hoch 46 Universen, um überhaupt eine Chance auf Erfolg zu haben.

Warum aber in ferne Universen streifen, liegt der Affe doch so nah? Elmo, Gum, Heather, Holly, Mistletoe und Rowan haben sich, um der Theorie auf die Beine zu helfen, in Klausur begeben und in vier Wochen an einem Computer fünf Seiten geschrieben. "Notes towards the Complete Works of Shakespeare" heißt das in limitierter Auflage erschienene Werk, das für einen Spottpreis von umgerechnet 40 Euro zu haben ist.

Die Seiten darin sind fast ausschließlich mit dem Buchstaben S bedruckt, erst am Schluss kamen einige kreative Wagnisse in Form der Buchstaben A, J, L und M hinzu.

Die Wissenschaftler über ihr Tun, welches halb Experiment, halb Performance gewesen sei:

Es sieht so aus, als hätten wir versucht, die Wahrheit der Theorie zu testen, in Wirklichkeit unterstreicht das Experiment die Unzuverlässigkeit menschlicher (wissenschaftlicher) Hypothesen. Tiere sind nicht einfach Metaphern für menschliches Streben. Man kann die Affen nicht auf einen zufälligen Prozess reduzieren. Der Witz bei der Sache (wenn es denn einen gibt) liegt nicht darin, dass wir Geld für die Affen verschwenden, sondern darin, wie viel Interesse diese theoretische Idee auf sich zieht - vor allem in der Computer- und Mathematikwissenschaft.

Manch einer mag es übertrieben finden, 3600 Euro an Forschungsgeldern auszugeben, um zuzusehen wie Affen auf eine Tastatur scheißen, und zwar im wörtlichen wie im übertragenen Sinne, aber wenn wir ehrlich sind, ist schon für weitaus absurdere Experimente Geld ausgegeben worden.

http://www.heise.de/tp/artikel/14/14771/1.html
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