"Wenn es nötig ist, bringen sie uns um"

Nick Luethi 12.05.2003

Chefredakteure und Verantwortliche von CNN, BBC und Al-Jazeera diskutieren über die journalistischen Folgen des Irak-Kriegs

Anlässlich der zweiten Bieler Kommunikationstage haben Nik Gowing, Hauptprogrammgestalter BBC, Ibrahim Helal, Chefredakteur von Al-Dschasira und Tony Maddox, CNN-Vizepräsident für Europa, Nahost und Afrika, den Versuch einer ersten Bilanz der TV-Kriegsberichterstattung nach dem Ende der Kampfhandlungen im Irak unternommen. Die Bilanz ist ernüchternd - die Aussichten ebenso. "A fresh set of risks" würde folgen, prognostizierte Maddox stellvertretend für sämtliche drei Diskutanten.

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Nik Gowing, Hauptprogrammgestalter BBC skizzierte in seinem einleitenden Beitrag anlässlich eines Panels im Rahmen der zweiten Bieler Kommunikationstage, worauf sich Medienschaffende in Zukunft gefasst machen müssen. Das Ringen um die Informationshoheit zwischen Medienunternehmen auf der einen und Regierungsstellen auf der anderen Seite habe eine neue Qualität erreicht. Es sei zwar schwierig zu belegen, aber die Hinweise - nicht zuletzt aufgrund der jüngsten Erfahrungen - verdichteten sich: "Wenn es nötig ist, bringen sie uns um", so BBC-Anchorman Nik Gowing.

Als drastisches Beispiel zeigte Gowing Aufnahmen eines ARD-Teams, das in Afghanistan einer britischen Spezialeinheit über den Weg lief, was letzteren überhaupt nicht zu gefallen schien. Einer der Soldaten erklärte ohne Umschweife: "Put that camera down or I gonna shoot you". Als weiteres Beispiel für die Tendenz, dass Krieg führende Parteien die Medienschaffenden vermehrt als zulässiges Angriffsziel betrachten, nannte Gowing die gezielte Bombardierung des Al-Dschasira-Büros in Kabul. In einem Schreiben erklärte damals das Pentagon, dass auch in Zukunft Ziele von militärischer Bedeutung angegriffen würden; was zu bedeuten hat: Das Büro von Al-Dschasira in Kabul war für das Pentagon von militärischer Signifikanz. Im Irak-Krieg wiederholte sich das (Bombenzensur oder "Kollateralschaden"?).

Trotz Toten: "Embeds" ein Erfolg

Tony Maddox stellte mit einem gewissen Erstaunen fest, dass trotz intensiver Vorbereitung verhältnismäßig viele Journalisten im Verlaufe des Kriegs gegen den Irak den Tod fanden. Mit dem Konzept des "Embedding" an sich habe dies jedoch wenig zu tun. Aus den Reihen der eingebetteten Journalisten seien weniger Todesopfer zu beklagen gewesen, als bei jenen, die auf eigene Faust im Kriegsgebiet unterwegs waren.

Während der Wettlauf gegen Militär und Regierungsstellen mitunter tödlich endet, ist der Wettbewerb mit anderen Medienunternehmen in ökonomischer Hinsicht von überlebensentscheidender Bedeutung. In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Wettbewerb zwischen den TV-Stationen verschärft. Im arabischen Raum - und im Zusammenhang mit der Berichterstattung zum Irak nun auch weltweit - hat der sechs Jahre junge Sender Al-Dschasira wesentlich zu dieser Entwicklung beigetragen.

Ibrahim Helal machte auf Minne und spielte in der Diskussion den Konkurrenzaspekt herunter (Konkurrenz für Al-Dschasira). Er zeichnete das Bild einer altruistischen Medienschar. Während des Krieges gegen den Irak habe schon deshalb keine Konkurrenz zwischen den verschiedenen TV-Stationen geherrscht, weil die Fragen der Medienschaffenden anlässlich der Pressebriefings wesentlich interessanter gewesen seien als die Antworten der Befehlshaber.

Dass es sich hierbei höchstens um eine Scheinharmonie und wishful thinking handelt, zeigten die weiteren Ausführungen der drei TV-Männer. So war man sich einig, dass bei Live-Übertragungen in außergewöhnlichen Situationen (sprich: Krieg) Sekunden darüber entscheiden, welchen Sender Millionen von Zuschauer gerade anzappen. Neben der Geschwindigkeit ist die Auswahl der Bilder ein weiterer zentraler Faktor im Ringen um Einschaltquoten.

Ibrahim Helal verteidigte ein weiteres Mal die Entscheidung von Al-Dschasira, auch Kriegsgefangene und Opfer der "Coalition Forces" (auf Al-Jazeera "Invading Forces" genannt) gezeigt zu haben. CNN-Vizepräsident Tony Maddox seinerseits kritisierte dieses Vorgehen als moralisch verwerflich, was Helal wiederum mit dem Hinweis auf die CNN-Berichterstattung anlässlich der Kriege in Jugoslawien konterte. Als es darum gegangen sei, die Serben als "bad guys" zu brandmarken, habe CNN keine Skrupel gehabt, bosnische Opfer zu zeigen. Der Vergleich hinkt insofern, da Maddox bereits zuvor erklärt hatte, dass sich CNN zu Kriegsbeginn entschieden habe, auf dem US-Kanal des Networks gewisse Rücksichtnahmen auf die Befindlichkeit der Nation walten zu lassen. "Wir sind eine TV-Station mit Hauptsitz in einer Krieg führenden Nation", so Maddox sinngemäß.

http://www.heise.de/tp/artikel/14/14777/1.html
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