Sicherer als auf der Straße

15.05.2003

Zur Studie der Universität Bonn zum Kontakt der Internet-User mit Cyber-Kriminalität und ein Gespräch mit dem Kriminologen Werner Ruether

In der Kriminologie sind Befragungen über örtliche Kriminalität eine der Standardmethoden um die sozialen Brennpunkte herauszufinden. Das Kriminologische Seminar an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn hat diese Praxis nun auf eine Online-Studie zu übertragen versucht.

Gut 1.400 Personen nahmen an der Umfrage teil. Die Mehrzahl entspricht dem Klischee des "Netizen": männliche, studierende Personen, die jeden Tag im Internet unterwegs sind. Auch wenn das Internet als weltweites Medium geschätzt wird, die große Mehrheit der Teilnehmer kam aus dem Bonner bzw. Kölner Großraum. Der Grund ist in einer typischen Eigenschaft von Online-Umfragen zu sehen: Ein Link auf der Hauptseite der Universität Bonn brachte innerhalb von 4 Tagen die Hälfte der Teilnehmer zusammen.

Die Studie hatte sich neben der "normalen" Internet-Kriminalität auch eines derzeit heiß diskutierten Themas angenommen: Spam, also unerwünschte Werbe-Emails. Wenig überraschend fühlte sich fast jeder Teilnehmer der Umfrage als häufig von Spam betroffen. Auch mit Hoaxes, also absichtlichen Falschmeldungen und Viren, hatte die Mehrheit der Befragten bereits zu kämpfen.

Auktionsbetrug gehört ebenfalls zu den bekannten Gefahren, scheint jedoch längst nicht so verbreitet zu sein, wie die Titelschlagzeilen manch eines Boulevardmagazins glauben machen wollen. Ein Fünftel aller Befragten glaubt, bereits einmal Opfer von "Hacking" geworden zu sein. Damit liegen Privathaushalte weit hinter den deutschen Großunternehmen zurück: Einer Studie von EDS und IDC aus dem Jahr 2002 zufolge sind bereits 51,7% der Großunternehmen Opfer von Cyber-Attacken unbefugter Dritter geworden.

Eine Besonderheit der Studie ist das Fünftel der Befragten, das bereits einmal Opfer von "Cyber-Stalking" geworden zu sein angab. Hierbei handelt es sich in der Mehrzahl von Frauen, denen im oder über das Internet hinterhergeschnüffelt wurde und die sich belästigt fühlten.

Trotz der starken Betroffenheit von Cybercrime fühlen sich die Netizens jedoch weitgehend sicher: Ein Vergleich mit einer normalen Sicherheits-Gefühl-Studie von 1999 zeigt, dass zwar die sich "sehr sicher" Fühlenden im Internet marginal weniger stellen, die sich "eher/etwas sicher" Fühlenden jedoch ein deutliches Plus gegenüber der Wohngegendbefragung aufweisen. Als Grund hierfür könnte man das bei den Teilnehmern ausgeprägte Fachwissen annehmen, welches sich tägliche Internet-User zwangsläufig aneignen.

An einem der interessantesten Punkte bohrt die Studie jedoch nicht weiter: 17,7% der Teilnehmer gaben an, bereits im Internet auf Kinderpornographie gestoßen zu sein. Doch die logische Folgefrage, ob die User Delikte im Internet schon einmal angezeigt hätten, stellte die Umfrage leider nicht.

Von nationalen Regularien, sprich verschärften Gesetzen, scheint wenig Faszination auszugehen: Nur ein gutes Drittel der Befragten (35,9%) sprach sich hierfür aus. Für mehr Aufklärung, technische Sicherung vor Cybercrime und internationale Normenvereinbarungen fanden sich hingegen deutliche Mehrheiten.

Empirische Erhebungen tragen zur Konstruktion von unterschiedlichen "Wirklichkeiten" bei

Zur Cybercrime-Studie stand Dr. Werner Ruether vom Kriminologischen Seminar der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Rede und Antwort.

An der Studie haben sich in erster Linie männliche Studenten aus dem Raum Köln/Bonn beteiligt.Inwieweit sind diese für die Nutzergemeinde repräsentativ?

Werner Ruether: Mit der (fraglichen) Repräsentativität sprechen Sie eines der methodischen Hauptprobleme der Onlineforschung überhaupt an. Dabei ist klar, dass man bei einer aktuellen Nutzerquote von gut 50% derzeit per Onlineforschung auf keinen Fall ein repräsentatives Bild der gesamten Bevölkerung erhält. Mit zunehmender Quote wird dies in Zukunft jedoch immer besser möglich sein. Derzeit kann man allenfalls Repräsentativität für die spezielle Gemeinde der Netzbürger anstreben; diese ist in ihrer Struktur wegen der besonderen Dynamik in diesem Feld jedoch einer ständigen Entwicklung und Veränderung unterworfen, sodass man nur schwerlich von "der" Grundgesamtheit ausgehen kann, an der man dann die Repräsentativität der eigenen Befragten-Population messen kann. Ich denke jedoch, dass wir mit unserer Teilnehmer-Struktur die Struktur einer speziellen Population von überwiegend studentischen, eher aktiven Netzbürgern aus dem hiesigen Raum ganz gut abbilden können, wobei aus meiner Sicht und beim derzeitigen Erkenntnisstand nichts Grundsätzliches gegen die Übertragbarkeit auch auf andere Räume spricht.

Gerade Studierende stehen in dem Ruf, es mit dem Urheberrecht nicht so genau zu nehmen, weshalb haben Sie diesen Bereich des "Cybercrime" bei Ihrer Studie nicht berücksichtigt?

Werner Ruether: Wir haben in unserer Studie neben der Opferbetroffenheit ansatzweise auch die Täterbetroffenheit als eine sicherlich empirisch hoch interessante Variable mit einbezogen. Allerdings handelt es sich hierbei um einen verständlich und bekanntlich hoch sensiblen Fragenbereich, welcher auch schon in der klassischen kriminologischen Dunkelfeldforschung als eher problematisch gilt. Daher erscheinen zum jetzigen Zeitpunkt der eher pilotartigen Forschung in diesem neuen Feld vor allem auch methodische Fragestellungen besonders interessant zu sein. Hierfür bietet die moderne Technik der Onlineforschung m.E. sehr gute Möglichkeiten, wie z.B. das zufällige Splitten von Frageversionen, die wir auch hinsichtlich einzelner "Täter-Items" in dieser 1. Bonner Online-Studie getestet haben. Die erhaltenen Ergebnisse sind hier eher unter methodischen und weniger unter inhaltlichen Gesichtspunkten interessant.

Halten Sie das erhöhte Sicherheitsgefühl im Cyberspace gegenüber dem in Wohngegenden für gerechtfertigt?

Werner Ruether: Ich halte es im direkten Vergleich mit den Ergebnissen aus der klassischen Forschung zum Sicherheitsgefühl zunächst einmal für plausibel. Denn aus den zahlreichen Bevölkerungsumfragen ist bekannt, dass die größten Unsicherheitsgefühle tendenziell verbreiteter bei den Frauen und bei den älteren Leuten vorhanden sind. Da genau diese beiden Bevölkerungsgruppen jedoch in der derzeitigen Netzpopulation (noch) deutlich unterrepräsentiert sind, ist es nicht verwunderlich, wenn die eingesetzten Standard-Indikatoren zur Messung des Unsicherheitsgefühls hier in dieser Population doch spürbar geringer ausschlagen.

Den Ergebnissen der Studie zufolge ist etwa jeder sechste Netizen mit Kinderpornografie in Kontakt gekommen, halten Sie dies für eine realistische Zahl?

Werner Ruether: Da mir hier zahlenmäßige Anhaltspunkte über die "Realität" auch nicht ansatzmäßig zur Verfügung stehen und es sich hier also für mich um ein wirkliches Dunkelfeld im wahrsten Sinne des Wortes handelt, fällt es mir somit auch schwer, den Realitätsgehalt dieser Zahl auch nur annähernd zu bewerten. Aber was ist schon "Realität"? Ohne jetzt allzusehr ins Philosophische zu geraten, muss man sich natürlich bei jeder empirischen Erhebung darüber im Klaren sein, dass man mit den unterschiedlich einsetzbaren methodischen Instrumentarien und Begriffen selbst auch jeweils ein Stück zur Konstruktion von unterschiedlichen "Wirklichkeiten" beiträgt.

Konkret zu dieser Frage der Bekanntschaft mit Kinderpornografie erscheint es mir denkbar und nicht ganz von der Hand zu weisen, dass ein bestimmter Prozentsatz von Befragten sich auf den zweiten Teil des Begriffes (Pornografie) konzentriert hat und somit die Quote möglicherweise als überhöht anzusehen ist.

Wenn auch die Zahlen des Kontakts mit Kinderpornografie überhöht scheinen mögen: Werden Sie im Falle einer Wiederholung der Studie auch auf die Frage eingehen, wie viele der Nutzer entdeckte Straftaten im Internet zur Anzeige gebracht haben?

Werner Ruether: Diesen Bereich haben wir in der Tat in der ersten Studie (allein aus Kapazitätsgründen) ausgeklammert. Er gehört zweifellos zu den unverzichtbaren Gegenständen einer weiteren empirischen Studie dieser Art. Dabei wollen wir uns nach dem jetzigen Stand der Überlegungen schwerpunktmäßig auf das Anzeigeverhalten konzentrieren. Ich verstehe Ihre Frage dabei so, dass Sie hier auch ein spezielles Erkenntnisinteresse haben und Sie ein derartiges Projekt weitgehend unterstützen. Dabei sind wir durchaus offen für weitere Anregungen von Ihrer Seite. Es erscheint mir grundsätzlich erstrebenswert, dass die 'communities' der kriminal-soziologischen Forscher auf der einen Seite und die der soziologischen Netzwelt-Forscher, die meines Wissens bisher untereinander relativ wenig Berührungspunkte erkennen lassen, in einen stärkeren gegenseitigen Austausch eintreten.

Die Teilnehmer ihrer Studie sprechen sich mit deutlicher Mehrheit gegen eine Verschärfung der Rechtslage und für einen breiteren Normenkonsens und bessere technische Aufklärung aus. Wen sehen Sie damit in der Pflicht, etwas zu bewegen?

Werner Ruether: Um Begriffe aus der klassischen Delinquenzforschung aufzugreifen, geht es in diesem sich rasant entwickelnden neuen (welt-)gesellschaftlichen Problemfeld in erster Linie um sogenannte primäre und sekundäre Präventionsstrategien. Für die immer wichtiger werdenden Aufklärungs-, Bewusstseinsbildungs- und Sozialisationsprozesse zu mündigen und selbstbewussten 'Netzbürgern' sind alle gesellschaftlichen Instanzen (Familie, Schulen, Hochschulen, Medien, Industrie, Wirtschaft u. a.) aufgerufen, wobei die repressiven und kontrollierenden Instrumente der Strafrechts-Instanzen (speziell hier) wirklich nur als 'ultima ratio' zur Regulierung eines gravierenden normativen Kernbereichs fungieren können. Wegen der grenzenlosen, globalen Struktur des Netzes sind hier selbstverständlich vor allem supra- und internationale Rechtsregelungen gefragt und sinnvoll (UN, EU, OECD u.a.).

Die Bezirksregierung Düsseldorf versucht, durch technische Eingriffe bei den Providern strafrechtlich relevante Seiten herausfiltern zu lassen. Sehen Sie für derartige "beabsichtigte Fehlfunktionen" eine Akzeptanz in der Bevölkerung gegeben?

Werner Ruether: Diese Thematik und die hiermit verbundene rechtliche Problematik ist mir selbstverständlich bewusst und ich habe persönlich großes Verständnis für die kritischen Positionen, die auch aus Ihrer Frage herausklingen. Hinsichtlich einer Akzeptanz in der Bevölkerung habe ich bei näherem Nachdenken doch meine großen Zweifel, welche sich aus empirischen Erfahrungen zur Thematik der "Videoüberwachung" ergeben. Meines Wissens gibt es speziell zur Frage der "Sperrungsverfügungen" keine größeren empirischen Untersuchungen, zumindest sind mir im Augenblick keine bekannt. Ich vermute aber auch stark, dass die wichtigen grundrechtlichen Probleme und Abwägungen, die hier zu vollziehen sind, kaum über ein Mehrheitsvotum anhand von Bevölkerungs-Umfragen zu lösen sind. Dennoch: Ausschliessen würde ich einen empirischen Zugangsversuch generell nicht.

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