Gärtner des Morgenlandes

25.05.2003

In Berlin beschäftigte sich eine Diskussionsrunde damit, wie die arabische Welt sich nach dem Krieg entwickeln könnte

Von außen erscheint die arabische Welt einerseits bedrohlich, andererseits eigentümlich statisch. Doch die Staaten des Nahen und Mittleren Ostens wie Nordafrikas befinden sich in einer historischen Umbruchsphase. Der Krieg im Irak hat diesen Prozess zugleich beschleunigt und verlangsamt, ihn in jedem Fall auf eine entscheidende Probe gestellt.

Volker Perthes, Nahost-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, hat mit seinem Buch "Geheime Gärten. Die neue arabische Welt" (2002) eine profunde Grundlage für eine neue Diskussion geschaffen. Wie kann die arabische Welt nach diesem Krieg aussehen? Welche Perspektiven eröffnen sich in der Region? Und welchen Beitrag können die EU, die deutsche Politik dabei leisten?

Diesen Fragen stellte sich ein Panel in der literaturWERKstatt, an dem neben Volker Perthes, Heidemarie Wieczorek-Zeul, Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, und Bahman Nirumand, ein in Berlin lebender Journalist und Autor aus dem Iran, teilnahmen. Es moderierte Thomas Sparr, Cheflektor des Siedler-Verlages.

Perthes baut seine Ausführungen in "Geheime Gärten" auf der These auf, dass die arabische Region im Strukturwandel begriffen ist. Die Tatsache, dass etliche Staatsführer aus Altersgründen entweder kurz vor dem Abdanken sind oder bereits Platz für die nächste Generation gemacht haben,, nimmt er als Ausgangspunkt für seine sozio-politischen Analysen und Prognosen: Bestimmend für die Entwicklung der kommenden Jahre dürfte seiner Meinung nach nicht die so genannte Zwischengeneration sein (also jene, die in den 70er Jahren aktiv geworden sind, den relativen Wohlstand des Ölbooms, aber auch dessen Einbruch erlebt, es aber bis heute nicht geschafft haben, in die erste oder zweite Reihe politischer Entscheidungsträger vorzurücken), sondern die "Generation der Söhne".

Aus den eigenen Reihen werden Vertreter einer frischgebackenen Elite rekrutiert, die im Gegensatz zur bisherigen Tradition keineswegs ausschließlich aus militärischen und zivilen Technokraten besteht, sondern aus welterfahrenen Geschäftsleuten mit hohem Bildungsniveau und last but not least Respekt vor Frauen. Dieser Generationswechsel, der in vielen Fällen auch einen Regimewechsel verspricht, stiftet Unruhe in einer Region, die zwar stets als Unruheherd beschrieben wird, aber bislang allein aufgrund der enormen Regierungskontinuität westlichen Politikern eine Stabilität sondergleichen garantierte.

Ob es dem islamischen Mainstream gelingen wird, sich in ein muslimische Pendant europäisch-christdemokratischer Parteien zu verwandeln - den Vergleich bemühen einige Führer islamistischer Parteien durchaus -, hängt nicht zuletzt von politischen Systementwicklungen ab

in erster Linie davon, wieviel Pluralität und politische Freiheit die einzelnen Staaten zulassen.

Bahman Nirumand verwies allerdings darauf, dass die arabischen Systeme sozialen Bewegungen durchaus Raum geben. Er stufte die mittlerweile seit gut 10 Jahren im Wachstum begriffenen Reformbewegungen seines Heimatlandes als überaus substantiell ein. Man habe längst begonnen, sich intensiv und sehr kritisch mit der eigenen Geschichte, der Gesellschaft, Religion und Staatsform zu beschäftigen. Diese intensive Auseinandersetzung führe zu einem wachsenden politischen und kritischen Bewusstsein, das den Kern der Reformbewegung ausmacht. Heidemarie Wieczorek-Zeul hakte an dieser Stelle ein und stellte darüber hinaus heraus, dass die Mehrheit der Universitätsbesucher im Iran Frauen sind - alles in allem Tatsachen, die in den seltensten Fällen von den westlichen Medien verbreitet werden und daher kaum Einlass gefunden haben in das Image, das sich die Welt von dem Außenseiter im Weltsystem macht.

So sehr Perthes vor diesem Hintergrund dafür plädierte, dass der Weg zur Demokratisierung der arabischen Region über die Unterstützung bestehender sozialer und reformatorischer Bewegungen, also von innen, ausgehen müsse, so ließ er doch auch durchblicken, dass der Dritte Golfkrieg auch etwas Gutes mit sich gebracht habe: Er stehe nun als der Beweis für die Schwäche autokratischer Systeme. Er habe gezeigt, wie hilflos und allein ein autokratisches System im Falle einer "Invasion" dasteht, aber auch wie schnell es in sich zusammenzubrechen kann.

Das sind Lektionen, die die US-Amerikaner allerdings erst postum lernen müssen. Denn dass sie wenig Gedanken darauf verschwendet haben zu eruieren, wie die Zeit nach dem siegreichen Krieg aussehen würde, wurde, so Perthes, durch zahlreiche sich nach und nach offenbarende Fehleinschätzungen deutlich: Man habe gehofft, dass, wenn die Infrastruktur des Landes erhalten bleibt, auch die Verwaltungsstruktur ohne weiteres unbeschadet den Krieg übersteht und man danach einfach nur die Figuren auf dem Verwaltungsschachbrett austauschen müsse. Diese naive Erwartung, die natürlich nicht erfüllt werden konnte, habe gezeigt, dass die USA offenbar keine Ahnung davon hatten, wie eine Diktatur strukturiert ist. Auch habe man falsch eingeschätzt, wie sich das irakische Militär verhält. Man hatte damit gerechnet, dass es beim Wiederaufbau maßgeblich beteiligt sein würde. Tatsache ist, dass es sich, wie auch das Regime selbst, nach dem Krieg verflüchtigt hat [Vgl. Die Vaporisierung der Diktatur (http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/mein/14574/1.html)].

Nüchtern wurde die Situation im Irak von allen Experten als Anarchie beschrieben - ohne Aussicht auf eine baldige Besserung. Daher plädierten alle Anwesenden vor alle dafür, das US-amerikanische Experiment zu unterstützen. Die Aufgabe der EU bestünde nicht zuletzt darin, sich für die Vervollständigung des Friedensprozesses in Palästina einzusetzen - schließlich, so Perthes, verleihe der Konflikt autokratischen Regimen enormen Auftrieb und nicht zuletzt Legitimität.

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