Von New Media zu We Media

26.05.2003

In Wien fand die erste internationale Blogger-Konferenz statt

Ganz im Zeichen des Weblog-Hypes stand die von der Donauuniversität Krems initiierte Konferenz Blogtalk am 23. und 24. Mai. Die Panels waren international besetzt. Diskutiert wurden neben den Warblogs und Anwendungen in der Wirtschaft auch Grundsatzfragen. Etwa, ob und wie sich hier eine neue Kommunikationskultur entwickelt.

Dan Gillmor, Technologie- und Business-Kolumnist der San Jose Mercury News (die Tageszeitung des Silicon Valley) referierte zum Thema "Weblogs und Journalismus". Er skizzierte eine Bewegung von den "Old Media" über die "New Media" hin zu "We Media. Durch die einfache Technologie der Weblogs wird es jedem, der Zugang zum Web hat, ermöglicht zu publizieren. War der Journalismus früher eine Art Vorlesung (lecture) so würde er sich mittels der neuen Technologie ehe in Richtung "Konversation" oder "Seminar" entwickeln. An die Adresse seiner Branchenkollegen (inklusive sich selbst) gerichtet, bemerkte Gillmor ironisch: "Deine Leser wissen immer mehr als du selbst".

Als Beispiel für den "Journalismus von morgen" schilderte der Amerikaner eine Episode mit Joe Nacchio, damals noch CEO von Qwest. Dieser verfiel auf einer Elite-Veranstaltung mit Esther Dyson in Selbstmitleid und "jammerte" dem Publikum etwas über die Schwierigkeiten vor, sein Telekommunikationsunternehmen zu führen. Als Gillmor die Aussagen in Echtzeit mit einem Wireless-Tool in sein Weblog postete, erhielt er postwendend einen Hyperlink zu einer Yahoo-Finanzseite von einem anderen webloggenden Journalisten. Daraus ging hervor, dass Nacchio mehr als 250 Millionen Dollar aus Aktienverkäufen mitgenommen hatte, just zu der Zeit, als seine Firma eben ins Trudeln geriet. Gillmor griff die neue Info in seinem Blog auf, was auch den Anwesenden - darunter etliche Venture-Kapitalgeber - nicht verborgen blieb. "Poor Joe Nacchio" schlug daraufhin eisige Kälte entgegen. Nacchio hatte einen ersten Eindruck davon bekommen, "dass der Journalismus von morgen ein wenig schneller ist als gewohnt."

Auch in anderen Fällen hätten Weblogger viel früher als die Mainstream-Medien Fakes und sonstige Lügen entlarvt oder auch nur interessante Neuigkeiten bereits längst verbreitet, bevor noch ein klassischer Journalist, die Sache aufgegriffen hatte. Selbst im politischen Bereich scheint die Weblog-Sphäre etwas bewirken zu können. So hätte Trent Lott, ein amerikanischer Politiker mit rassistischem Background, lange Zeit von den klassischen Medien unbehelligt seine Kampagnen durchführen können. Erst Webloggers hätten auf die fragwürdigen Einstellungen hingewiesen. Schließlich wäre der Druck so groß geworden, dass sich Trent Lott aus hohen politischen Funktionen zurückziehen musste.

Mit den Möglichkeiten der neuen Technologie würden sich auch ganz Modelle der Medienproduktion entwickeln, so Gillmor. Beispiel: Das südkoreanische Online-Magazin OHMY News. Mehr als 80 Prozent des Content würde dort von Otto Normalverbraucher produziert. Jeder Bürger kann bei diesem Magazin seine Geschichten einreichen. Angesichts solcher Entwicklungen wird so mancher honorar-abhängige Journalist eine Gänsehaut bekommen.

Aber vielleicht ist das eben der Lauf der Zeit. Zum Trost: Hier die witzige Parabel, mit der Jose Luis Orihuela, Professor an der Universität von Navarra, sein Referat beim Wiener Blogtalk einleitete. Als Gutenberg die Druckerpresse erfand, wurden plötzlich Hunderte Mönche, die ihr Leben dem Abschreiben von Büchern gewidmet hatten, in den deutschen Klöstern arbeitslos. "Was taten sie?", fragte Orihuela. Seine Antwort: "Manche begannen zu denken. - Manche aber begannen Bier zu brauen." Bis ins 19. Jahrhundert wurden zahlreiche leckere Biersorten in den Klöstern hergestellt und die ehemaligen Schreiber fanden ihr Auskommen in den klösterlichen Brauereien.

Wie auch immer, Orihuela fasste in 10 Paradigmen die Entwicklungen in der E-Communication zusammen, die durch neue Technologien wie Blogs befördert würden.

  1. Erstens würde sich das Gewicht zum User hin verlagern.
  2. Zweitens verlaufe eine Bewegung "von Medien zum Inhalt",
  3. drittens von "Monomedien zu Multimedia" (z.B. neue Blogs, die Bilder und kleine Filme integrieren),
  4. viertens von "periodischem Erscheinen zu Echtzeit",
  5. fünftens von "Knappheit zu Überfluss",
  6. sechstens von "Redaktions-vermittelt zu direkt",
  7. siebtens von "Distribution zu Zugang" (soll heißen, der User sucht, surft, navigiert und entscheidet),
  8. achtens von "Einweg-Kommunikation zu Interaktivität",
  9. neuntens von "linear zu Hypertext" (die Pathways werden vom Blogger entwickelt),
  10. und zehntens von"Daten zu Wissen".

Tatsächlich scheint sich jetzt über die simple Technik der Weblogs, die es jedem auch ohne Kenntnis von HTML oder anderen IT-Tools ermöglichen, rasch sein eigenes Format aufzubauen, eine Vision zu realisieren, die bereits zu WWW-Anfängen immer wieder beschworen wurde. Jeder kann eigene Inhalte und Meinungen ins Web stellen. Und es zeichnet sich eine neue Community-Kultur im Web ab. War es früher etwa einem Professor einfach zu kompliziert, eine eigene Homepage zu gestalten, so kann er heute in wenigen Minuten sein eigenes Weblog online stellen. Sein Wissen bleibt nicht mehr auf die kleine Studierstube beschränkt, dem Fachpublikum oder seinen Studenten vorbehalten. Im Fall von Trent Lott war der Rechtsprofessor Glenn Reynolds einer der ersten, der in seinem Weblog auf die rassistische Vergangenheit des Republikaners aufmerksam machte. Andere Weblogger verlinkten die Story und trugen so zur Verbreitung bei, bis dies auch in den Redaktionsstuben der Mainstream-Medien ein Thema wurde.

Spätestens seit Google "blogger.com" gekauft hat, wird die neue Welt des Bloggens auch in der IT-Branche ernst genommen. Ein ausführliches Dossier zum Thema Blogs und "wie unbemerkt und mitten unter uns sukzessive eine neue Form des Kommunizierens entsteht" legte Marion Flugléwicz-Bren vor. Die Präsentationen der Referenten findet man hier, zudem gibt es einige der Vortragstexte und live gebloggte Botschaften von den Teilnehmern über die Referenten.

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