Invasion von Robotersonden auf dem Mars

29.05.2003

Teil II: "Happy Face" heißt Mars-Express mitsamt Beagle-2-Lander herzlich willkommen

Auf dem Roten Planeten tummeln sich schon seltsame Gestalten und Gegenstände. Mal versuchen monolithen- oder pyramidenartige Gebilde sich von der rötlichen, aber keineswegs monotonen Mars-Landschaft abzuheben, ein anderes Mal ringt ein finster dreinschauendes Gesicht um Aufmerksamkeit und starrt gen Himmel. Jetzt bringt sich eine weitere Kuriosität wieder in Erinnerung. Was der "Mars Global Surveyor"-Orbiter dank der Leistungsfähigkeit der "Mars Orbiter Camera" (MOC) bereits 1999 und kürzlich nochmals zur Erde funkte, nährt die Hoffnung, dass der "War of the Worlds" endlich passé ist. Für das fröhliche Lachen des so genannten Happy Face on Mars gibt es nur eine Erklärung. Planet Mars und seine Bewohner heißen den irdischen Abgesandten "Mars Express" und alle weiteren Raumsonden, die er im Schlepptau hat, herzlich willkommen.

So soll Beagle-2 auf dem Mars gelandet sein. Bild: ESA

Hoffentlich sind die kleingewachsenen und grün- respektive grauhäutigen Marsbewohner nicht mehr so dünnhäutig, ungeduldig und feindselig wie sie zur Zeit von "War of the Worlds" einmal gewesen waren - oder wie deren Nicht-Artgenossen von der Erde heute noch sind. Denn die Terraner der Postmoderne - und davon darf getrost ausgegangen werden - würden nämlich nicht so ohne weiteres eine außermarsianische Invasion von Robotersonden hinnehmen. Aber genau eine solche steht dem Roten Planeten und den dort ansässigen Bewohnern alsbald bevor.

Nicht von schlechten Erd-Eltern

Ende dieses Jahres, Anfang nächsten Jahres und in den folgenden Jahren, wenn eine ganze Armada irdischer Kapseln, Rovern und Fluggeräten dem Mars die Aufwartung macht, wird die Geduld der kleinen, grünen Männchen (oder Weibchen oder wie auch immer ...) auf jeden Fall auf eine harte Probe gestellt. Denn was da aus Richtung des von der Sonne aus gesehen dritten Planeten des Solarsystems im Verlaufe der nächsten zehn Jahre alles so reintrudelt, muss auf Außenstehende in der Tat wie eine Invasionsflotte wirken.

So ganz unberechtigt sind derlei Befürchtungen nicht. Bildeten die Viking-Sonden und die Pathfinder/Sojourner-Roboter noch die Vorhut (Der erste Teleroboter auf dem Mars - und wir waren dabei, so überwachen die Späher Mars Global Surveyor (1996) und Mars Odyssey (2001) als Spione vor Ort den Roten Planeten unablässig mit elektronischen Argusaugen und funken ununterbrochen Daten zur Erde. Die orbitalen Agenten haben Mars fest im Visier; der Weg für die eigentliche Flotte ist bestens geebnet und die Invasion des Mars bis in kleinste Detail vorbereitet, woran die so genannte International Mars Exploration Working Group, in der Raumfahrtspezialisten rund um den Globus schon seit einigen Jahren die Eroberung des Mars koordinieren, einen nicht unerheblichen Anteil hat.

Nicht allein deswegen dürfte es den benachbarten Aliens fürwahr angst und bange werden, sondern vor allem aufgrund der Größe und Vielseitigkeit der künftigen terranischen Flotte. Sie dürfte ihnen zusätzlich das Fürchten lehren. Was da nämlich einschwebt, ist nicht von schlechten Erd-Eltern: Zuerst kommt Mars Express (Weihnachten 2003) , dann treffen im Januar 2004 der erste japanische Mars-Orbiter Nozomi, ungefähr im gleichen Zeitraum die Mars-Exploration-Rover-Mission mit ihren zwei mobilen Rovern ein, die auf dem erdnahen Planeten über eine Fläche von der Größe mehrerer Fußballfelder rollen.

2005 erreicht sodann der primär nach Wasser suchende Mars Reconnaissance Orbiter den Mars-Orbit, ab 2007 schließlich kommt im Rahmen der so genannten Scout-Missionen eine ganze Flotte kleiner und relativ billiger Marssonden, bevor dann frühestens ab 2009 der "Smart Lander" mitsamt Long-range Rover, ein großes, fahrbares Labor mit sechs Rädern zur Erkundung des Mars landet. Und bis zum Jahr 2011 sollen weitere geplante Expeditionen losdüsen, wobei das absolute Highlight fraglos der Mars Sample Return Lander sein dürfte, ein Landeroboter, der auf dem Mars Bodenproben sammelt und diese zur Erde zurückbringt. Und dies sind - jenseits aller europäischen und asiatischen Mars-Ambitionen und sieht man einmal von "Mars Express" ab - nur die angedachten NASA-Missionen.

"Green-Men-in-Black-Truppe?"

Auch wenn alle diese terrestrischen Abgesandten nicht in kriegerischer Mission unterwegs sind, laufen sie - wie viele Vorgänger zuvor - dennoch Gefahr, als ungebetene Gäste bzw. "Roboter non grata" abgewiesen zu werden. Die Vergangenheit lehrte den irdischen Raumschiffen, dass der Rote Planet ein guter Ort ist, um Schiffbruch zu erleiden. Fakt ist: Von den seit 1960 Richtung Mars gestarteten 31 unbemannten Raumschiffen verirrten sich sage und schreibe über die Hälfte im Wüstensand oder im Marsorbit bzw. auf dem Weg dorthin.

"Gräben" auf dem Mars, aufgenommen von Mars Odyssey 2001. Bild:Nasa

Kann dies Zufall sein? Haben da womöglich nicht irgendwelche dubiosen finsteren außerirdischen Mächte ihre Hände im Spiel gehabt? Gibt es auf dem Mars vielleicht auch eine Art "Task Force" zur Abwehr von außermarsianen, unerwünschten Invasoren, sozusagen eine "Green-Men-in-Black-Truppe", möglicherweise sogar mit einem grünhäutigen Will-Smith-Plagiat als Hauptprotagonisten?

Zugegebenermaßen war die Taktik unserer planetaren Nachbarn immer schon ein wenig undurchsichtig. Erst machten sie in der Vergangenheit mit den Bau eines breiten Kanalsystems, deren linienartige Struktur Giovanni Virginio Schiaparelli bereits 1877 entdeckte, absichtlich auf sich aufmerksam. Kurz darauf ergriffen sie die Offensive und überfielen die Erde in einer ausgesprochen schlampig organisierten Nacht- und Nebelaktion, bei der der Mikroben-Faktor auf dilettantische Art und Weise völlig außer Acht gelassen wurde, wovon sich seinerzeit nur ein gewisser Herbert George Wells infizieren, oder besser gesagt: literarisch inspirieren ließ.

Hoffnungsschimmer am roten Mars-Horizont

Etwas plump wirkt auch der Versuch der Einheimischen, uns vom Mars mittels eines "eingemeißelten" zornigen Gesichts abzuhalten. Gewiss, einladend sieht die grimmig dreinschauende künstliche Nachbildung eines Menschenantlitzes beileibe nicht aus; eher abschreckend, so als wollte uns die Marsianer signalisieren: Hütet Euch davor, den Mars zu betreten! Dennoch drängt sich nunmehr der Eindruck auf, als verfolgten die Mars-Bewohner seit einigen Jahren hehre Ziele, als wünschten sie den interplanetaren Schulterschluss und ein Ende des spannungsgeladenen Dualismus.

Aktuelles NASA-Bild vom Galle-Krater

Es gibt einen Hoffnungsschimmer am roten Mars-Horizont. Einen Hoffnungsschimmer, der sich zwar schon 1999 abzeichnete (Das Herz auf dem Mars), der aber kürzlich wieder in Gestalt eines Fotos an Konturen gewonnen hat.

Das Objekt auf dem Bild, das bereits 1999 der Mars Global Surveyor aufnahm und kürzlich ein weiteres Mal fotografierte, gereicht seinem Namen Happy Face wahrlich zur Ehre, offenbart sich doch dem Betrachter ein lächelnder Smily, ein symbolischer Willkommensgruß an die Erde und dessen Bewohnern.

Während derweil seriöse Wissenschaftler dieses kunstvoll angefertigte Gesicht als eindeutigen Beweis einer neuen Friedensära zwischen den Völkern des dritten und vierten Planeten unseres Sonnensystem bewerten, wittern Skeptiker hinter dem vielsagenden Lächeln einen Hinterhalt. Uns Erdlingen solle, so deren Vermutung, der Eindruck vermittelt werden, als sei das bittere bilaterale kriegerische Kapitel ("War of the Worlds") schlichtweg nur noch Vergangenheit. In Wahrheit jedoch seien die feindseiligen ETs auch weiterhin an einer Kolonisierung der Erde interessiert.

Das legendäre "Face on Mars", das von Viking 1 am 31. Juli 1976 gemacht wurde. Bild: Nasa

Andere wiederum vermuten hinter dem Gebilde nichts anderes als eine marketing-wirksame Aktion einer ganz bestimmten Süßwaren-Firma, die mit dieser Fälschung versteckt Werbung für ein ganz bestimmtes Produkt machen will. Für den Smily verantwortlich sein könnte aber auch nach Ansicht einiger Experten die FIFA, die über den Umweg der NASA und mithilfe von fingierten Daten gezielt Werbung für die nächste Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland machen will, was angesichts der Soccer-Müdigkeit der US-Amerikaner ja fast schon wieder nachvollziehbar ist. Immerhin lässt sich die Ähnlichkeit zwischen dem "Happy Face" und einigen wichtigen Elementen, aus dem das offizielle Emblem der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 "geschnitzt" ist, nicht ganz von der Hand weisen.

HRSC-Kamera als 3-D-Lupe

Wie dem auch sei - sobald "Mars Express" kurz vor Weihnachten in die Umlaufbahn des Roten Planeten einschwenkt, kann die Sonde das Geschehen auf der Mars-Oberfläche noch viel genauer unter die Lupe nehmen. Dann könnten sich derlei wilde Spekulationen endlich in Luft auflösen und die Wissenschaftler wieder aufatmen, sofern die sieben Instrumente des Orbiters in Aktion treten, mit denen während der angedachten vierjährigen Mission eine Reihe von Fernerkundungsexperimenten durchgeführt werden sollen, um neue Erkenntnisse über die Zusammensetzung und Geologie der Oberfläche des Mars und die Bestandteile seiner Atmosphäre zu gewinnen.

Hierbei ist die am DLR-Institut für Planetenforschung in Berlin-Adlershof entwickelte gerade mal 20 Kilogramm schwere Stereokamera HRSC (High Resolution Stereo Camera), die von Astrium in Friedrichshafen gebaut wurde, fraglos das wichtigste Instrument, können die Forscher doch mit ihr erstmals die Mars-Planetenoberfläche dreidimensional und in Farbe abbilden. Da die räumliche Auflösung der Stereobilder bisherige topographische Daten der Marsoberfläche bei weitem übertrifft, kann die Kamera Details mit einer vertikalen Genauigkeit von 10 bis 40 Meter "in 3D" analysieren.

Zusätzlich enthält die Kamera ein ultrahochauflösendes Teleobjektiv. Mit diesem Super Resolution Channel (SRC) ist die Abbildung von zwei bis drei Meter großen Objekten möglich. Damit lassen sich beispielsweise Felsbrocken in der Größe einer Garage sowie Sedimentschichten erkennen. Ziel ist die hochauflösende Kartierung der Marsoberfläche, wobei mindestens 50 Prozent in einer Auflösung von 20 Meter pro Bildpunkt oder besser erfasst werden sollen.

Die beiden kameraeigenen hochauflösenden Stereoköpfe basieren auf dem Scanner-Prinzip: Durch die Anordnung seiner neun Zeilensensoren quer zur Flugrichtung nimmt jeder dieser Sensoren aufgrund der Vorwärtsbewegung des Orbiters denselben Bildstreifen auf der Marsoberfläche nacheinander Zeile für Zeile auf. Dabei bildet jeder Sensor dasselbe Objekt auf der Oberfläche unter einem unterschiedlichen Blickwinkel ab. Am Boden werden dann aus fünf dieser Bildstreifen dreidimensionale Bilder erzeugt. Die verbleibenden vier der neun Zeilensensoren sind mit speziellen Farbfiltern für die Aufnahme multispektraler Daten versehen.

Happy-Face als gutes Omen für Mars-Express

Ob es sich bei diesem marsgeologischen Phänomen tatsächlich nur um eine zufällige geologische Formation, genauer gesagt um den so genannten Galle-Krater handelt, wie die US-Raumfahrt-Behörde uns dies weismachen will, ob das auf dem neuen MGS-Bild breiter erscheinende "Happy-Face"-Grinsen wirklich auf die Nachwirkungen des Marswinters - verursacht von Kohlendioxid-Frost, das den Boden überzieht - zurückzuführen ist, darf bezweifelt werden.

Nein, eine andere Erklärung scheint viel plausibler und naheliegender: Der 215 Kilometer Durchmesser große "Einschlagskrater" wirkt deshalb um eine Nuance fröhlicher, weil die Mars-Menschen an dem "Happy Face" rumgewerkelt, es gleichsam verschönert haben. Die Modifikation an dem Objekt, das Mars Global Surveyor bereits 1999 aufnahm und vor kurzem erneut fotografierte, sollte demzufolge als gutes Omen gedeutet werden. Die "Happy-Face"-Botschaft könnte positiver nicht sein.

Ja, der Mars und seine Bewohner heißen "Mars-Express" und alle weiteren Missionen, die noch zum Roten Planeten starten werden, welche die europäische Sonde sozusagen im Schlepptau hat, herzlich willkommen. Danke für die Einladung. Passt also auf, wir kommen! In friedlicher, rein wissenschaftlicher Mission. Mit einem europäischen Gesandten der Extraklasse.

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