Der ewige Pionier

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Einer der diesen Weg ahnte und bahnte ist Douglas Engelbart. 1945 war Engelbart auf den Philippinen als Radartechniker stationiert - und fand in einer Bibliothek des Roten Kreuzes, in einer Hütte auf Stelzen, einen Nachdruck des Artikels "As We May Think" im Life Magazine. Nach einigen Jahren als Elektroingenieur im renommierten Ames Research Center des NASA-Vorläufers NACA studierte er an der Berkeley-Universität, wo man zwar schon über Computer forschen konnte, jedoch noch keinen hatte.

1957 trat er dem Stanford Research Institute (SRI) bei und dachte mehr und mehr darüber nach, wie er als Ingenieur einen Beitrag zur weiteren Entwicklung der Menschheit leisten könnte. 1962 schließlich hielt er seine Visionen in dem Papier Augmenting Human Intellect fest. Die "Vergrößerung des menschlichen Intellekts" sei notwendig, da die Komplexität menschlicher Probleme in allen Bereichen exponentiell ansteige. "Eines der unmittelbar vielversprechendsten Werkzeuge", so Engelbart, "ist der Computer."

Unter direkter Bezugnahme auf Vannevar Bushs Arbeit nannte Engelbart verschiedene Charakteristika, die ein computerbbasiertes System zur Informationsorganisation aufweisen müsse. Er beschrieb ein bildschirmbasiertes Textverarbeitungs-System mit Hyperlink-Funktionalität, das über Tastatur und Lichtstift gesteuert werden konnte. Verweise auf andere Dokumente sollten an jeder Stelle jederzeit eingefügt werden können, die Textverarbeitung sollte über weitreichende Makro-Techniken verfügen, um Worte in Kurzform eingeben zu können - eine Funktion, die in den meisten heutigen Anwendungen nur in Form rudimentärer Auto-Vervollständigung existiert. Auch das Nachschlagen beliebiger Worte im Thesaurus oder Wörterbuch sollte möglich sein. Texte sollten auf einfachste Weise strukturiert und kategorisiert werden können.

Engelbart bekam die Finanzierung für ein Projekt unter seiner Leitung, das "Augmentation Research Center". In den nächsten Jahren entwickelte er mit einem 17 Mann starken kreativen Team die Hardware und Software, um das bisher rein fiktive System Wirklichkeit werden zu lassen. Fast alles musste von Grund auf neu erfunden werden. Im Dezember 1968 war es schließlich soweit. Auf der Joint Computer Conference in San Francisco, einem regelmäßigen Treffen von EDV-Enthusiasten, wurde das von Engelbart und seinem Team entwickelte "Online-System" (NLS) live vorgeführt. Dazu wurde ein großer Projektionsschirm verwendet, der abwechselnd oder gleichzeitig als "Split Screen" sowohl Engelbart mit Headset als auch den Bildschirminhalt des Testsystems zeigte. Der junge, charismatische Engelbart, der ohne große Schwierigkeiten im System navigierte und dabei Erklärungen lieferte, wirkte auf die rund 1000 Zuschauer wohl wie ein Besucher aus der Zukunft. Natürlich gab es auch den ersten Live-Absturz, aber der Neustart des NLS dauerte nur wenige Sekundenbruchteile und wurde wohl von den meisten Zuschauern gar nicht bemerkt.

Engelbart führte Dinge vor, die die Welt noch nicht gesehen hatte. Das von ihm konzipierte Textverarbeitungs-System war nun funktionsfähig. Es erlaubte das Adressieren und Verlinken von Dokumenten. Inhalte konnten dynamisch in sogenannten "Views" angezeigt werden: Unerwünschte Zeilen ließen sich "wegfalten", Listen mit Nummerierung versehen, Texte nach bestimmten Kategorien filtern usw. Auch klickbare Diagramme mit Links ließen sich schnell erstellen.

Viele dieser Funktionen sind in heutigen Textverarbeitungen nicht vorhanden, und selbst das einfache Einfalten von Absätzen ist in den meisten Editoren nicht möglich. Gesteuert wurde NLS mit einem Keyboard, einem Einhand-Keyset namens "Chord" und der ersten Maus, ein noch recht klobiges Holzgehäuse auf Rädern. Die Idee hinter der Maus stammte von Engelbart selbst, der auch ein Patent darauf erhielt, das jedoch nicht gegen Nachahmer zum Einsatz kam.

Schließlich demonstrierte Engelbart, wie zwei Nutzer in einer Telekonferenz (mit Video) am gleichen Text arbeiten können. Diese Art der Echtzeit-Kollaboration in Teams war ein Schlüsselelement seiner "Augment"-Strategie. Da huschten plötzlich zwei Mauszeiger gleichzeitig über den Schirm, einer von Engelbart, der andere von seinem Kollegen Bill Paxton, der ein paar Kilometer entfernt zugeschaltet war. "Mein Käfer ist stärker als Deiner", verkündete Engelbart grinsend und schob seinen Mauszeiger drohend in Richtung des zweiten. Neben dem gleichzeitigen Editieren wurde auch ein "Whiteboard" demonstriert, an dem beide Nutzer Zeichnungen erstellen konnten. Die Präsentation, die komplett im Netz ist, gilt heute als "Mutter aller Demos". Sie endete, wie sollte es anders sein, mit stehenden Ovationen.

Engelbarts ARC-Labor war die zweite Maschine im ARPANET, dem Vorläufer des Internet. Doch er war seiner Zeit weit voraus. Seine komplexen Ideen fanden in der Industrie nur wenig Anklang, und einfachere Ansätze wie Unix-Terminals setzten sich durch. Nach zahlreichen Abweisungen und weiteren Entwicklungsgenerationen seiner Software verlor Engelbart 1989 sein Labor bei McDonnell Douglas Corp., die keinen Praxiswert seiner Forschungen erkennen konnten.

Zusammen mit seiner Tochter gründete er das Bootstrap-Institut, das sich weiterhin für die Verwirklichung einiger Augment-Ideen stark macht und mittlerweile eine Schar loyaler Anhänger hat. Zu den Bootstrap-Ideen gehören Back-Links (also automatische Rückverweise auf auf diejenigen Seiten, die auf eine Seite zeigen), exakte Link-Adressierung (z.B. auf ein bestimmtes Wort in einem Absatz), indirekte Links, die auf den gerade aktuellen Link an einer bestimmten Position zeigen sowie implizite Links, also z.B. automatische erzeugte Links auf Wörterbuch- oder Enzyklopädie-Artikel. Engelbarts Institut entwickelte zur Realisierung dieser Konzepte das Open Hypertext System, einen offenen Standard. Bittere Ironie: Die OHS-Mailing-Liste ist von Spam-Nachrichten überflutet.

Tim, der Weber

Die Zukunft gehörte nicht den Visionen von Douglas Engelbart oder den ähnlich weitreichenden Xanadu-Ideen des Ted Nelson. Der Erfinder des WWW, wie wir es kennen, ist natürlich der Brite Tim Berners-Lee, der 1989 dem CERN-Labor nahe Genf das Papier Information Management einreichte. Basierend auf seinen früheren Arbeiten an einfachen Hypertext-Systemen schlug er ein dezentrales Seiten-Netz zur Informationsorganisation vor. Nach dem üblichen Streit um Forschungsgelder bekam er schließlich 1990 das Okay und entwickelte auf einer NeXT-Maschine den ersten Browser, der nun schon den Namen WorldWideWeb trug.

Der erste Web-Browser, WorldWideWeb, hier in einer späteren (farbigen) Version, war von Anfang an als WYSIWYG-Browser/Editor konzipiert

Doch der erste Browser war gleichzeitig auch ein Editor. Während er Dateien auf externen Rechnern wie gewohnt anzeigte, konnten lokale Dateien gleichzeitig auch bearbeitet werden, ohne dass der Nutzer irgendeinen Texteditor aufrufen musste - sie waren sofort im gleichen Programm veränderbar. Dank der leistungsfähigen NeXT-Benutzeroberfläche war WorldWideWeb ein WYSIWYG-Programm. "What You See Is What You Get", Änderungen in Schriftgröße und Stil wurden also sofort sichtbar, das Bearbeiten von HTML-Code war nicht erforderlich. Der Leser konnte sogar für verschiedene Seiten unterschiedliche Stilvorlagen verwenden und z.B. die Anzeigegröße einzelner Überschriften ändern.

Es sollte Jahre dauern, bis derart mächtige Software in die Hand von Normalsterblichen kam. Das lag nicht zuletzt an der softwaremäßig unterentwickelten DOS/Windows-PC-Plattform, für die derartige Anwendungen nur mit sehr hohem Aufwand entwickelt werden konnten. Zunächst erreichte das Web die meisten Nutzer als rein passives Erlebnis, ganz anders als von Berners-Lee geplant. Die Erstellung von HTML-Seiten blieb lange Zeit die Domäne von erfahrenen Computernutzern: Neben HTML-Kenntnissen war auch Serverplatz vonnöten. Studenten an Unis konnten Webseiten relativ leicht einrichten, indem sie einfach eine index.html-Datei in ihrem Benutzerverzeichnis anlegten. Für Nutzer von außerhalb blieb nur das Betteln nach Webspace oder die kostenpflichtige Miete. Mittlerweile gibt es kostenlosen Webspace an jeder virtuellen Ecke.

Das Bearbeiten von Inhalten durch Dritte war natürlich noch komplizierter. Dafür fehlten dem WWW auch Eigenschaften, die in theoretischen Modellen wie Xanadu längst vorgesehen waren, z.B. die "ewige Revisionsgeschichte" aller Seiten. Mit einigen technischen Änderungen hätte das Web schon von Anfang an wie Wikis funktionieren können - natürlich mit kontrollierbaren Zugriffsrechten. Doch die mangelnde Funktionalität der Browser und der Architektur selbst machte eine Notlösung wie Wikis erforderlich, die ja schon 1995 auf den Plan kamen (siehe Teil 1). Einzig allein das von Berners-Lee geleitete W3C hält die Browser-Editor-Idee noch pro forma aufrecht: Der experimentelle Browser Amaya erinnert an WorldWideWeb, ist aber so instabil wie das Adjektiv "experimentell" vermuten lässt.

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