Veni vidi wiki?

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WYSIWYG-Editoren fürs Web sind heute gang und gäbe. Der HTML-Editor FrontPage ist Bestandteil von Microsoft Office, die Gratis-Dreingabe "Frontpage Express" wurde dagegen mysteriöserweise eingestellt. Mozilla bzw. Netscape verfügt über den leistungsfähigen "Composer", und Webdesigner arbeiten mit ausgereiften Werkzeugen wie Macromedias Dreamweaver. Echte Hacker dagegen editieren natürlich den HTML-Quelltext von Hand, wobei auch hier professionelle Texteditoren die Arbeit erleichtern. Die Trennung zwischen Browser und Editor bleibt stets gewahrt.

Von einem Web, in dem jeder die Worte des anderen korrigiert, sind wir noch weit entfernt. Wer veröffentlichen will, braucht Webspace, kollaboratives Arbeiten ist erst mit kostenpflichtigen Werkzeugen oder mit viel technischem Können möglich. So hatte sich das Doug Engelbart nicht vorgestellt: Statt den "kollektiven IQ" zu erhöhen, wächst mit dem Netz vor allem der Informationsmüllberg und begräbt wertvolle Ideen unter sich.

Wikis bilden dagegen die Antithese zur bunten aber letztlich inhaltsarmen Spielwiese. In nüchterner Verpackung versprechen sie meist kein WYSIWYG, sondern nur eine vereinfachte Syntax gegenüber HTML. Doch der Wikitext bietet auch Vorteile: Formatierungsfehler lassen sich schneller korrigieren, das Ergebnis entspricht fast immer den Erwartungen und funktioniert auf allen Plattformen gleichermaßen.

Wikis haben jedoch das Interesse nach leistungsfähigen Browser-Editoren neu entflammt. Die Browser-Hersteller und Drittlieferanten haben den Bedarf erkannt, auch angesichts der im kommerziellen Umfeld sehr verbreiteten Content-Management-Systeme, die nicht so offen sind wie Wikis, aber ähnliches leisten. Und so gibt es bereits die ersten WYSIWYG-Wikis. SeedWiki bietet zum Beispiel Gratis-Wikis an, die das sogenannte "ActiveEdit"-Control verwenden. Das ist ein ausführbares Windows-Program, das nur im Microsoft Internet Explorer funktioniert. IE-Nutzer können SeedWiki-Seiten damit bequem in WYSIWYG-Form editieren, allen anderen offenbart sich HTML-Code. Das liegt daran, dass ActiveEdit keinen Wiki-Text produziert, sondern HTML - so müssen Nutzer ohne Microsoft-Browser sich mit dem von anderen produzierten, teilweise sehr redundanten HTML-Code herumschlagen.

Jüngere Versionen des Mozilla-Browsers bringen dagegen ihren eigenen "Rich Text Editor" namens MIDAS mit. Der ist noch instabil und unvollständig, etabliert aber einen offenen Standard, dem andere Open-Source-Applikationen folgen können. Auch hier ist das Problem, dass die Rich-Text-Editoren HTML produzieren, was es schwierig macht, im gleichen Wiki WYSIWYG- und Plaintext-Bearbeitung zu ermöglichen.

Die prinzipielle Leistungsarmut browser-interner Texteditoren wirkt ebenfalls kontraproduktiv. Ein einfaches Texteditorfenster in Mozilla kann z.B. weder durchsucht noch gespeichert werden. Zu allem Überfluss scheitert der freie Browser unter Linux daran, Text aus der Zwischenablage einzufügen, der länger als 4000 Bytes ist. Das Problem ist seit Oktober 2000 bekannt und macht es unmöglich, effektiv mit externen Editoren zu arbeiten. Es erscheint bei so grundsätzlichen Problemen fast gewagt, über WYSIWYG-Wikis nachzudenken.

Die Mozilla-Erweiterung MIDAS ermöglicht das Bearbeiten von Texten in WYSIWYG-Form direkt im Browser

Währenddessen demonstriert der MacOS-Editor Hydra noch mutigere Funktionalität. Er erlaubt es mehreren Usern, gleichzeitig einen Text zu bearbeiten. Änderungen der jeweils am Text aktiven Nutzer werden unterschiedlich farblich hervorgehoben. Das Programm ist ein schönes Werbeprojekt für Apple, denn es nutzt dessen neue Netzwerktechnik Rendezvous, die ans Netz angeschlossene Rechner sofort erkennen und logisch konnektieren soll. Dokumente in einem solchen Netz sollen mit Hydra komfortabel in einer Arbeitsgruppe bearbeitet werden können. Doch als reine Mac-Technologie bleibt Hydra den meisten Nutzern vorenthalten.

Hydra, ein MacOS-Programm, ermöglicht das Bearbeiten von Dokumenten durch mehrere Benutzer in Echtzeit. Die jeweiligen Farbcodes im Text kennzeichnen den entsprechenden Benutzer in der Liste

Der GNU-Editor Emacs bietet in einer X-Window-Umgebung ähnliche Funktionalität, allerdings bei weitaus weniger Komfort. Bis sich die Wikis parallel bearbeiten lassen, wird wohl noch einige Zeit verstreichen.

Wann kommt der Wiki-Editor?

Aufgrund der notorischen Schwächen von browser-integrierten Lösungen scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis ein speziell für das Bearbeiten von Wikis zugeschnittener Editor entwickelt wird. Emacs erlaubt es im WikiMode, lokale Dateien im Wiki-Stil miteinander zu verknüpfen, hat aber nichts mit dem Editieren auf einem gemeinsam genutzten Wiki-Web am Hut.

Auf Wikipedia ist schon seit längerem eine Diskussion über einen dedizierten Wiki-Editor im Gange. Bisher gibt es immerhin schon einen "Offline-Reader" namens WINOR [http://meta.wikipedia.org/wiki/WINOR], mit dem sich der Inhalt der Wikipedia-Datenbank anzeigen lässt. Programmiert wurde er von Magnus Manske, der auch schon die Wikipedia-Software der zweiten Generation entwickelt hatte. Ein solches Leseprogramm ist nützlich, um Wikipedia und andere Wikis z.B. auf CD-ROM herauszugeben.

Der Kulteditor Emacs verfügt über einen "Wiki-Mode", mit dem sich ein kleines Wiki auf dem eigenen Rechner simulieren lässt, um die eigenen Dokumente besser zu organisieren

Es wäre begrüßenswert, wenn sich die verschiedenen Wikis auf einen Standard für die Text-Syntax verständigen könnten - tatsächlich wird es wohl darauf hinauslaufen, dass Wikipedia als größtes Wiki den Standard definiert. Ebenfalls nützlich für Programmierer von externen Editoren wäre der Export der Wiki-Funktionalität als Web-Service: Derzeit muss ein Wiki-Texteditor einen realen Benutzer simulieren und entsprechende Eingaben an den Server schicken, ändert sich die Benutzerschnittstelle nur leicht, funktioniert der Editor nicht mehr. Web Services z.B. auf XML-Basis kapseln nur die programmnotwendigen Daten in maschinenlesbarer Form und vereinfachen deshalb die Entwicklung erheblich.

Pfadfinder

Wikipedia ist ohne diese fortgeschrittenen Entwicklungen bereits sehr erfolgreich. Doch ein elementares Problem ist noch nicht gelöst: Wie soll ein Leser zwischen einem gerade mit völlig falschen Behaptungen übersäten Text und einem sorgfältig geprüften, im Wikipedia-Sinne "brillanten" Artikel unterscheiden? Wenn dem Leser letztlich die Faktenprüfung überlassen wird, unterscheiden sich Wikipedia-Seiten nicht von anderen Google-Treffern. Wikipedia selbst kann dann niemals eine hohe Reputation aufbauen, weil die Glaubwürdigkeit eines Artikels zu jedem Zeitpunkt in Frage steht.

Vannevar Bush hat mit seiner Idee der Pfadfinder, die hochwertige Informationen suchen und diese austauschen, bereits einen Lösungsweg aufgezeigt. Doch das elementare Problem der Informationsbewertung wird im Internet typischerweise völlig unterschätzt. Wie schon 1945 drohen wir in der Informationsmenge zu versinken. Da liegt es nahe, zurück ans sichere Ufer zu schwimmen, sprich, sich auf "glaubwürdige" Quellen wie Mainstream-Medien zu verlassen.

Für Enzyklopädien wie Britannica, Brockhaus und Encarta besteht deshalb scheinbar keine Gefahr: Sie können darauf verweisen, dass Wikipedia ja nur ein Haufen von Amateuren ist, deren Artikel keinerlei Qualitätskontrolle durchlaufen haben.

Tatsächlich haben sich die Wikipedianer bereits ausführlich Gedanken über ein Zertifizierungs-System gemacht. Der Meta-Artikel Wikipedia Approval Mechanism listet verschiedene Vorschläge der Vergangenheit auf. Wikipedia-Gründer Larry Sanger schlug vor, jeder Autor mit entsprechender fachlicher Qualifikation solle einen Artikel in seinem Gebiet zertifizieren können. Diese Experten würden wiederum von einem Team von Moderatoren ausgewählt oder abgelehnt. Ein zertifizierter Artikel würde dann entsprechend hervorgehoben.

Ein anarchistischer Vorschlag lautete, Nutzer sollten von ihnen geprüfte Artikel schlicht auf ihrer Benutzerseite auflisten. Damit wäre jeder Nutzer in der Lage, an der Prüfung von Texten teilzunehmen, und wer geprüfte Artikel lesen wolle, könne dies durch das Navigieren auf den Seiten der Nutzer, denen er vertraut, ohne Weiteres tun.

Letztlich wurde keiner dieser Vorschläge implementiert. Zu viele Fragen blieben unklar: Was passiert, nachdem ein zertifizierter Artikel erneut bearbeitet wurde? Wie werden die Experten ausgewählt? Eine Idee, die jedoch die reine Diskussionsphase verlassen hat, ist das von Sanger gestartete "Sifter"-Projekt. Sifter hat oder hatte das Ziel, eine Kopie von Wikipedia zu schaffen, die nur qualitätskontrolliert Artikel enthält. Auch hier würden wieder - nach unklaren Kriterien ausgewählte - Experten bestimmte Revisionen eines Artikels zertifizieren und diese dann per Knopfdruck in das Parallelprojekt kopieren. Nach Larry Sangers erneutem Ausscheiden aus dem Projekt ist es darum sehr still geworden.

Es zeigen sich bei der Problematik gewisse Parallelen zur Free-Software-Szene. Das Debian GNU/Linux-Projekt bietet über 8700 sogenannte "Pakete" mit vorkompilierter Software oder Dokumentation an. Es genügt die Auswahl des Paketnamens, und das Paket wird heruntergeladen und installiert. Abhängigkeiten, also z.B. notwendige Plug-Ins, Dokumentation und Programmbibliotheken, werden automatisch aufgelöst, d.h. nachinstalliert. Pakete werden von sogenannten "Maintainern" verwaltet und durchlaufen verschiedene Phasen. Wenn eine neue Version eines Pakets entwickelt wurde, landet sie im "experimental" Bereich, wenn der Entwickler sie für testfähig hält im "unstable"-Bereich, wenn das Paket auf allen Plattformen zumindest ohne kritische Fehler funktioniert gelangt es in den "testing"-Bereich, und zu einem gewissen Zeitpunkt, wenn das Debian-Projekt alle Jubeljahre eine neue Version von Debian GNU/Linux herausbringt, wird der gesamte "testing"-Bereich als "stable" erklärt.

Dieser Prozess ist relativ langwierig, stellt aber eine gleichbleibend hohe Qualität der Pakete sicher. In jeder Phase findet ein "Peer Review" durch andere Entwickler und Tester statt. Die jeweils aktuelle "stable"-Version enthält relativ alte Pakete, die dafür aber funktionieren. Kritische Sicherheitsfehler werden auch rückwirkend korrigiert, d.h. in veralteten Programmversionen - angesichts des verfügbaren Quellcodes kein Problem.

Wikipedia lässt sich am ehesten mit der "experimental"- oder "unstable"-Phase eines Debian-Projekts vergleichen. Wer Wikipedia in der "instabilen" Version benutzt, kann am Schöpfungsprozess teilnehmen und erhält stets die aktuellsten Informationen, muss aber auch mit Fehlern rechnen. Ein Projekt wie "Sifter" würde dagegen eine oder mehrere neue Phasen schaffen.

Expertokratie

Das Problem mit einer solchen Sichtweise ist natürlich, dass eine Artikelzertifizierung kein rein mechanischer Prozess wie die Überprüfung eines Paketes auf seine Lauffähigkeit hin ist. Ob der Artikel über Abtreibung oder die christlichen Verbindungen zum Nationalsozialismus hoher Qualität ist, hängt nicht zuletzt von der Meinung des jeweiligen Beurteilers ab. Verlässt sich Wikipedia hier ausschließlich auf Experten im Sinne des universitären Status, wird dies auch durch die Artikelauswahl reflektiert werden. Es entsteht eine Mainstream-Enzyklopädie, die alternative Ansichten in manchen Fällen bewusst verschweigt. Womöglich ändert der eine oder andere Experte sogar eine problematische Passage, kurz bevor er die neueste Revision des Artikels zertifiziert.

Würde ein amerikanischer Politikwissenschaftler einen Artikel über CIA-Gedankenkontrolle zertifizieren oder so lange als "zu spekulativ" zurückweisen, bis der Text sich von den diskutierten Vorgängen distanziert? Würde ein katholischer Historiker eine hagiographische Diskussion tolerieren, in der die Historizität aller Heiligen massiv in Frage gestellt wird? Vor solchen Szenarien haben viele der zu anarchistischen Tendenzen neigenden Wikipedia-Mitglieder Angst. "Ein Bewertungsmechanismus wurde schon von Anfang an vorgeschlagen, und obwohl alles darauf hindeutet, dass Wikipedia wunderbar funktioniert, wird es wohl in alle Ewigkeit so weitergehen", heißt es deshalb auch auf der oben erwähnten Seite.

Ein denkbarer Ansatz wäre es, dass sich Pfadfinder zu Gruppen (Pfadfindervereinen?) zusammenschließen, die jeweils nach unterschiedlichen Regeln arbeiten und nach unterschiedlichen Kriterien Mitglieder aufnehmen. Ein loser Zusammenschluss von Pedanten könnte auf die Suche nach Tipp- und Rechtschreibfehlern gehen, ein striktes Mathematiker-Konsortium jeden Beweis genauestens überprüfen, ein virtueller Gärtnerclub sich um die Einhaltung der Namenskonventionen bezüglich Nutzpflanzen kümmern. Jede dieser Gruppen könnte Revisionen eines Artikels zertifizieren - enthält ein Artikel zertifizierte Revisionen, würde dies sichtbar gemacht. Nutzer könnten auswählen, welchen Gruppen sie vertrauen und entsprechende Sichtpräferenzen definieren, wobei in die Standardeinstellungen sicher nur die eher konservativen Teams aufgenommen würden.

Auch hier bleiben Fragen offen. Sollte z.B. jede Gruppe akzeptiert werden, oder sollten eindeutig politisch motivierte Teams von der Zertifizierung ausgeschlossen werden? Wikipedia hat für fast alle Fragen des Nutzerverhaltens Regeln und Konventionen definiert, es wäre wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch hier entsprechende Normen entstehen würden.

Mit Wikis lernen

Ob zertifiziert oder nicht, eine offene, prall mit Inhalten gefüllte Enzyklopädien, die offenkundig süchtig macht, mag ein guter Weg sein, Kinder und Jugendliche mit Informationen "anzufixen". Dem trockenen, meist didaktisch schwachen Unterricht steht im Wiki das autodidaktische Lernen und Entdecken gegenüber. Wer einen Artikel schreiben und damit ein Erfolgserlebnis erzielen möchte, muss sich Gedanken darüber machen, woher die Informationen kommen sollen. Einfaches "Copy & Paste" wird aus urheberrechtlichen Gründen gnadenlos rückgängig gemacht. Holprige Formulierungen werden dagegen oft schnell verbessert.

Viele Lehrer und Professoren haben bereits Schüler und Studenten auf die Wikipedia losgelassen. Dies äußert sich meist in einem sprunghaften Anstieg experimenteller Edits, die aber in der Regel nicht bösartig sind. Ein Experiment, das im Internet transkribiert wurde, führte Hanjo Iwanowitsch durch. Er ist Lehrer an der Beruflichen Schule des Kreises Ostholstein in Eutin und wollte einige Buchhandel-Azubis auf ihre Wiki-Fähigkeiten hin testen. "Ihre Aufgabe war es, ihr in den vorhergegangenen vier Schulwochen erworbenes Wissen über die Buchherstellung in Wikipedia-Artikel umzusetzen." Die entstandenen Artikel sind zwar meist kurz aber durchaus lesbar, einige Gruppen wie das "Team Einband" haben sich sogar Mühe gegeben, ausführliche Artikel zu schreiben. "Mit der Zeit arbeite man wie im Rausch", zitiert Iwanowitsch seine Schüler.

Die Seite Wiki in der Schule beschäftigt sich dagegen allgemein mit dem Einsatz von Wikis als Lern- und Lehrhilfe und gibt zahlreiche Praxistipps. Als Wiki-Software wird hier TWiki favorisiert, das jedoch die klassischen CamelCase-Links einsetzt (siehe Das Wiki-Prinzip).

Eine Sorge, die solche Experimente begleitet, ist die Offenheit der Wikis, die nicht den Zensurstandards in vielen Ländern genügt. Dabei sind die Schulstandards oft noch einmal separat von den für die Allgemeinheit geltenden gesetzlichen Regelungen; in US-Schulen werden bestimmte Bücher wie Huckleberry Finn z.B. regelmäßig verboten. Dass die Schulen im Bible-Belt nicht allzu froh darüber sein dürften, im Wikipedia-Artikel über die Klitoris ein buntes Farbfoto mit Zoom zu finden, versteht sich von selbst.

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Der ewige Pionier

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