Wachstum, Wachstum über alles

30.05.2003

Neues Wirtschaftswachstum Soll Deutschland wieder auf die Beine bringen, doch niemand macht sich Gedanken, was das langfristig bedeutet und wie es funktionieren soll

Mehr Wachstum! Am liebsten 3%, das nennt man dann "Boom". Politiker, Wirtschaftler, die Gewerkschaften, "echte" und "Hobby"-Experten fordern es. Auf der Strecke bleibt der gesunde Menschenverstand.

Wenn von Wirtschaftswachstum gesprochen wird, ist immer eine Steigerung des Bruttoinlandsproduktes BIP bzw. des Bruttosozialproduktes (BSP = BIP + Exportüberschüsse) gemeint - auch wenn längst nicht alle Wachstumsbefürworter sich dessen bewusst sind. Das BIP gibt in Euro gemessen an, wie viele Güter und Dienstleistungen wir produzieren. Zur Zeit sind es etwa 24.000 Euro pro Kopf und Jahr. Bei 3% erwünschtem jährlichem Wachstum (bezogen aufs Vorjahr) wären das 24.720 Euro im Jahr 2004, 25.460 Euro im Jahr 2005, 26.220 Euro 2006, 27.000 Euro 2007. In etwa 5 Jahren also 3.000 Euro MEHR als bisher.

Quantitatives und qualitatives Wachstum

Die Kritiker unbedingtem Wachstums verweisen auf den massiven Ressourcenverbrauch durch mengenmäßiges (quantitatives) Wachstum und auf die Begrenztheit der Ressourcen unserer Erde, die Begrenztheit der Zeit der Menschen, die gleichzeitig dieses Wachstum produzieren und konsumieren müssen und auch auf die Begrenztheit der materiellen Bedürfnisse eines sehr großen Teils der Bevölkerung. Und auch darauf, dass ein höheres Bruttoinlandsprodukt nicht gleichzeitig höhere Lebensqualität darstellen muss (Was ist Wohlstand?).

Die Wachstumsbefürworter verweisen auf "qualitatives Wachstum", also auf Wachstum durch Fortschritt, Weiterentwicklung. Aber erhöht qualitatives Wachstum allein das BIP? Nein. Ein Beispiel: Ein Computer, hergestellt im Jahr 1993, kostete z.B. 3000 DM, also etwa 1500 Euro. Entsprechend ging er mit diesem Wert ins BIP ein. Ein heutiger Computer ist Dank qualitativem Wachstum um ein Vielfaches leistungsfähiger, kostet aber auch nur 1500 Euro. Effekt dieses einen betrachteten Computers auf das BIP ist also gleich Null (und inflationsbereinigt sogar unter Null!). Eine Wirkung auf das BIP hat dieser Fortschritt (qualitatives Wachstum) also nur gehabt, weil neue Märkte erobert wurden und Millionen neuer Computer gebaut wurden, was aber Hand in Hand mit quantitativem Wachstum ging. Nur weil heute ein Vielfaches der Computer von 1993 verkauft werden, schlägt sich dies auf das BIP nieder. Damit sind wir aber wieder beim ressourcenverbrauchenden quantitativem Wachstum, welches die Wachstumskritiker bemängeln.

Das gleiche Szenario trifft auf andere Industriezweige zu, wie z.B. die Autoindustrie. Ein Neuwagen von heute ist technisch mit einem von vor 10 Jahren kaum mehr vergleichbar, doch sind die Preise der Autos nicht ähnlich gestiegen. Wenn aber die Preise gleich bleiben, muss ein mengenmäßiges Wachstum erfolgen, um Auswirkungen auf das BIP zu haben. Denn nur mit real gesteigertem Umsatz steigert man das BIP - was ja Sinn unseres Wirtschaftswachstums sein soll.

In den letzten 10 Jahren sind neue Märkte entstanden, die vorher nie denkbar waren: Die Bedienung dieser riesigen Märkte für Elektronik (Computer, Handys, Computerzubehör, Software, Internet usw.) führte zu einer riesigen Steigerung des BIP, verbrauchte aufgrund ihrer materiellen Eigenschaften aber Ressourcen in ungeheurem Ausmaß. Und was das Wichtigste ist: Sie ersetzten keine bedeutenden alten Märkte, deren Verschwinden ja das BIP geschmälert hätte. Die Elektronikmärkte sind jetzt nahezu gesättigt, fast jeder Haushalt hat Computer und Handy, selbst DVD-Player gehören fast zur Standardausstattung.

Wachstum! Wachstum bedeutet nicht, dass wir das Gleiche kaufen wie letztes Jahr, sondern es bedeutet, dass wir MEHR kaufen müssen als letztes Jahr. Es bedeutet also nicht, dass wir z.B. alle 3 Jahre unsere Technik ERSETZEN, sondern dass wir ZUSÄTZLICH zum Ersatz konsumieren müssen. Welche Märkte sehen die Wachstumsbefürworter in der nahen Zukunft (denn wir wollen ja JETZT mehr Wachstum) nur ansatzweise in ähnlichem Maße wachsen, wie die der Elektronikmärkte in den letzten Jahren?

Das Wachstum immaterieller Märkte

Das oben genannte Stichwort "DVD-Player" könnte die Hoffnung auf "kreatives Wachstum" schüren: "Die Fantasie der Menschen ist grenzenlos, also wird es immer neue Filme und Musik geben, die man kaufen und konsumieren kann". Zum einen gilt auch hier: Um Wachstum zu produzieren, muss man wertmäßig nicht nur das Gleiche wie im letzten Jahr kaufen, sondern mehr ausgeben als im letzten Jahr.

Der Konsum von Musik und Filmen ist aber mit Zeit verbunden, die man dafür braucht. Doch während diejenigen, die sich Dank Arbeit solche Dinge finanziell leisten können, keine Zeit dafür haben, haben die Arbeitslosen zwar die Zeit, aber nicht die finanziellen Mittel. Zudem konkurrieren "zeitverbrauchende" Güter miteinander: Wenn DVD- und Musikmärkte wachsen und mehr Zeit der Konsumenten in Anspruch nehmen, müssen Bücher-, Kino-, Fernseh-, Sport- und Freizeitmärkte schrumpfen, weil der Tag nur 24 Stunden hat. Wie groß wäre saldiert also die Auswirkung aufs BIP?

Hoffnung auf ein Wachstum dieser Märkte besteht nur, wenn die Konsumenten mehr Zeit haben. Bei Rufen nach "Rente erst mit 67" und "die Deutschen sollen 1-2 Stunden pro Woche mehr arbeiten" (Merkel) zur Zeit aber undenkbar.

Neues Wachstum müssen wir uns leisten können!

Ein weiterer Kritikpunkt am reinen Wachstumsdenken ist, dass wir, wenn unsere Wirtschaft im Ganzen um 3% wachsen soll, nicht nur 3% mehr erarbeiten oder die Produktivität um 3% steigern, sondern auch 3% mehr verdienen müssen, um unser Wachstum auch kaufen zu können. Wann gab es die letzten JÄHRLICHEN Einkommenserhöhungen über alle Branchen und Konsumentengruppen (Rentner, Staatsangestellte und Arbeitslose eingeschlossen!) um 3%?

Hoffen auf den Export

"Deutschland ist eine Exportnation." Wenn Deutschland mehr exportieren könnte, würde "das Ausland" die Steigerung des deutschen BSP bezahlen. Unsere Erde ist aber (noch?) ein Binnenmarkt. Was das eine Volk an Exportüberschüssen erwirtschaftet, muss ein anderes durch Importüberschüsse bezahlen. Das dauernde Handelsbilanzdefizit der USA der letzten Jahre ist ein Beispiel dafür, trug auf Seiten der USA aber auch zur immensen Verschuldung bei. Kurz- bis mittelfristig ist solch ein Szenario also denkbar, langfristig funktioniert es nicht, weil eine Nation, die mehr importiert als exportiert, diese Differenz (Außenhandelsbilanzdefizit) irgendwie bezahlen muss. Schließlich will der Exporteur seine Leistung doch bezahlt haben.

Auf der anderen Seite streben die meisten anderen Nationen der Welt ebenfalls Wachstum an und wollen deshalb ebenso lieber ex- als importieren. Vielleicht aber sollten die Vertreter der ewigen exponentiellen Wachstumstheorie ja für mehr Entwicklungshilfe in Form von Hilfe zur Selbsthilfe für die sogenannte "3. Welt" eintreten, damit diese sich deutsche Produkte endlich leisten kann?

Was bedeutet prozentuales Wirtschaftswachstum?

Das BIP der BRD betrug 1970 inflationsbereinigt ca. 750 Milliarden Euro. Ein Wirtschaftswachstum um 3% zu diesem Zeitpunkt entspricht also etwa 22,5 Mrd. Euro. Eine Steigerung des BIP um 22,5 Mrd. Euro, entspräche aufgrund des hohen Niveaus aber gerade mal ca. 1% des heutigen BIP. Um also eine Steigerung um 3% zu erzielen, müsste Deutschland heute auch das Dreifache produzieren, als 1970 für die gleiche Wachstumsrate notwendig gewesen wäre.

Langfristig Denken

Wir Bewohner des Landes, das sich Deutschland nennt, sitzen an einem reichlich gedeckten Tisch - von uns erarbeitet und von uns bezahlt. Und man zwingt uns als Gemeinschaft (niemand fragt uns, ob wir wollen! Alternativen werden keine angeboten!) unter Androhung des volkswirtschaftlichen Kollaps, nächstes Jahr einen Teller mehr zu essen - und natürlich zu produzieren und zu bezahlen.

Im übernächsten Jahr wird man uns zwingen, einen weiteren Teller mehr zu essen, also schon 2 Teller mehr als heute. Doch damit nicht genug. Man wird uns sagen: Weil wir letztes Jahr einen Teller mehr gegessen haben, müssen wir noch einen Bissen extra nehmen, denn das Wachstum des Vorjahres muss selbst mitwachsen. Das ganze nennt man exponentielles Wachstum und wird von den Wenigsten in Frage gestellt.

Es ist, als würden wir - je mehr wir essen - noch mehr Hunger bekommen und entsprechend mehr essen.

Und wenn dieser Teller MEHR des ersten Jahres unserem Wunschwachstum von 3% entspricht, so bedeutet es, dass wir in 23 Jahren das Doppelte von heute verspeisen (vielleicht nicht mengen- aber zumindest wertmäßig), erarbeiten und kaufen müssen. In ca. 94 Jahren das Sechzehnfache von heute und erneute 23 Jahre später das Zweiunddreissigfache, also 64 Billionen Euro im Vergleich zum heutigen BIP von 2 Billionen Euro. In weniger als 4 Generationen.

Also bei gleichbleibender Bevölkerungszahl etwa eine dreiviertel Million Euro pro Kopf. Natürlich inflationsbereinigt. JÄHRLICH! Oder sagt uns jemand heute, wann wir mit dieser langfristig offensichtlich tödlichen Spirale aufhören und warum ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt?

Aber langfristiges Denken ist spätestens seit der Erfindung von Optionsscheinen, Daytrading und "Wahlkampf" zu einem Spielfeld für realitätsfremde Träumer verkommen.

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