Soldatische Traditionspflege in Mittenwald

04.06.2003

Vor 60 Jahren zogen deutsche Gebirgsjäger eine Blutspur durch Griechenland, heute ermittelt die Staatsanwaltschaft

Wie jedes Jahr an Pfingsten versammeln sich Wehrmachtsveteranen und Bundeswehrsoldaten der Gebirgsjägertruppe im bayrischen Mittenwald, um den Gefallenen zu gedenken. 50 Jahre lang trafen sie sich ungestört, mittlerweile aber regt sich Protest: Antifaschisten veranstalten am 7. Juni ein Hearing zu den Kriegsverbrechen der NS-Gebirgsjäger und bringen die Entschädigungsforderungen der Opfer auf die Tagesordnung. Die Organisatoren der Proteste gehen davon aus, dass sich in Mittenwald zahlreiche NS-Kriegsverbrecher treffen werden. Die Staatsanwaltschaft hat gegen Angehörige der NS-Gebirgstruppe die Ermittlungen wieder aufgenommen.

Cover der Zeitschrift für die Mitglieder des Kameradenkreises der Gebirgstruppe

Nahe der österreichischen Grenze, umgeben von steilen Bergen und stillen Gewässern, liegt das Örtchen Mittenwald. Dort treffen sich jedes Jahr an Pfingsten Wehrmachtsveteranen und Bundeswehrsoldaten, um am "Ehrenmal der Gebirgstruppe" auf dem Hohen Brendten der "gefallenen und vermissten Kameraden" zu gedenken. Die Veranstaltung mit Gottesdienst und Gebirgsmusikkorps gilt als größte soldatische Feier in Deutschland.

Der Traditionsverband Kameradenkreis der Gebirgstruppe, der die Versammlungen organisiert, hat rund 8.000 Mitglieder. Zu den Prominenteren zählt Edmund Stoiber, ehemaliger Kanzlerkandidat und bayerischer Ministerpräsident. In einem Grußwort an die Kameraden hatte er laut dem TV-Magazin Monitor auf einem der letzen Treffen gesagt:

"Als bayrischer Ministerpräsident, der seinen Grundwehrdienst bei den Gebirgsjägern abgeleistet hat, bin ich natürlich besonders stolz auf diese spezifisch bayerische Truppe und ihre Leistungen in Vergangenheit und Gegenwart."

Kriegsverbechen an 50 Orten

Die Leistungen in der Vergangenheit - dazu gehören Massaker, standrechtliche Erschießungen, Raub und das Schänden von Frauenleichen. Schwerste Kriegsverbrechen der Gebirgstruppe sind für rund 50 Orte in Europa belegt. Im September 1943 ermordeten Gebirgsjäger der Wehrmacht auf der griechischen Insel Kephalonia mindestens 4.000 italienische Kriegsgefangene, nachdem der Duce Benito Mussolini abgesetzt worden war und das einst verbündete Italien einen separaten Waffenstillstand mit den Alliierten geschlossen hatte. Kein einziger der deutschen Soldaten wurde dafür bestraft. Vor dem Nürnberger Militärtribunal stand nur der spätere wehrpolitische Sprecher der FDP, Hubert Lanz. Unklar ist indes, ob der frühere General, der das XXII. Gebirgskorps befehligte, wegen Kephalonia oder anderer Kriegsverbrechen zu zwölf Jahren Haft verurteilt wurde.

Knapp einen Monat zuvor hatten die Gebirgsjäger im nordgriechischen Dorf Kommeno 317 Männer, Frauen und Kinder erschossen. Die unter dem Kommando des späteren Bundeswehrgeneraloberst Reinhold Klebe stehende 12. Kompanie des Gebirgsjägerregiments 98 ermordeten Zivilisten und gaben das Dorf dem privaten Raubzug frei. Klebe wies vor der Staatsanwaltschaft München von sich, dass er den Befehl erteilt habe. Sein Vorgesetzter, Oberstleutnant Josef Salminger, geriet im Oktober 1943 in einen Hinterhalt der Partisanen und starb bei Klisaru in Nordgriechenland. Danach, zwischen dem 1. und 4. Oktober 1943, soll der in München lebende Alois Eisl mit seiner Truppe als Sühnemaßnahme 18 Dörfer zerstört haben. Wer nicht floh, wurde umgebracht. Im Epirusgebiet unterstützte die 1. Gebirgsdivision außerdem die Geheime Feldpolizei bei der Deportation griechischer Juden in Joannina. Auch in Lyngiades ermordeten die Truppen 80 Menschen, in Skines 146 Männer und 2 Frauen und in Camerino 98 Bewohner.

Die Leistungen in der Gegenwart - Edmund Stoiber dachte dabei sicher an die Einsätze der Gebirgsjäger innerhalb der SFOR und KFOR im früheren Jugoslawien und der ISAF in Afghanistan und weniger an die Videoaufnahmen mit gestellten rassistischen Morden, Vergewaltigungen und antisemitischer Gewalt. Soldaten des Gebirgsjägerbataillon 571 aus Schneeberg/Westerzgebirge hatten die Filme gedreht. Auch Offiziere sollen daran beteiligt gewesen sein.

Die Täter sollen zur Rechenschaft gezogen werden

Dieses Jahr an Pfingsten veranstalten der Arbeitskreis "Angreifbare Traditionspflege" und die "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten (VVN/BdA) am traditionellen Stationierungsort der 1. Gebirgsdivision in Mittenwald ein Hearing zu den Kriegsverbrechen der Gebirgsjäger.. Dabei steht Griechenland im Mittelpunkt. Die Gebirgsjäger sollen mit den Überlebenden der Massaker konfrontiert werden.

"Die Traditionspflege stellt die Würdigung schwerster Verbrechen dar", so Ulrich Sander, der Sprecher der VVN-BdA. Deshalb soll eine Debatte über das Traditionsverständnis deutscher Soldaten angeregt werden. Auf den Treffen und in den Publikationen würden die Kriegsverbrechen teilweise offensiv geleugnet und über die Opfer der Gebirgsdivision falle kein Wort, so die Kritiker. Auf dem Hearing sprechen Christina Dimon, eine Überlebende des Kommeno-Massakers, Amo Pamploni aus Italien, Widerstandskämpfer und Überlebender von Kephalonia, der Wehrmachtsdeserteur Ludwig Baumann und mehrere Historiker.

Thema werden nicht nur die Verbrechen der Wehrmacht sein, sondern auch die der SS - und es wird um die Entschädigungsfrage gehen. So wird Argyris Sfountouris, der als kleiner Junge das Massaker in Distomo überlebte, über die offenen Entschädigungsklagen gegen die Bundesrepublik Deutschland berichten. Bislang weigert sich die Bundesregierung, eine Entschädigung für die über 50.000 Kläger aus Griechenland zu zahlen. Neben den Entschädigungsforderungen geht es aber auch darum, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen.

Unser Interesse ist, dass deutsche Soldaten wegen Kriegsverbrechen endlich vor ein deutsches Gericht gestellt werden - das hat es, so weit wir wissen, noch nie gegeben.

Die Historiker des Arbeitskreises vermuten, dass NS-Kriegsverbrecher sich auch dieses Jahr in Mittenwald treffen werden. "Als es ab 1968 Ermittlungsverfahren wegen Kriegsverbrechen gegen ehemalige Angehörige der Gebirgstruppen gab, nutzten die Betroffenen die Pfingsttreffen, um ihre Aussagen und ihre Verteidigungsstrategie untereinander abzusprechen. Mit großem Erfolg", so der "AK Angreifbare Traditionspflege".

"Es wird dauern"

Das könnte sich jetzt ändern. Der Arbeitskreis hat weitergeforscht und nun Anzeige und Antrag auf Wiederaufnahme des Ermittlungsverfahrens wegen Mord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegen namentlich bekannte Angehörige der 12. Kompanie des Gebirgsjäger Regiment 98 gestellt. Den Staatsanwaltschaften in München, Wien, Ludwigsburg und Dortmund überreichten die Historiker eine Liste von über 150 Personen, die in Griechenland Massaker verübt haben sollen. "Wir wissen nicht, wie viele von denen noch leben, wir haben bislang nur ein Dutzend ausfindig machen können", sagt Klein.

Die Staatsanwaltschaft könne das sehr viel schneller recherchieren, aber die zuständigen Stellen seien personell unterbesetzt, die Ermittlungen verliefen schleppend und bislang sei noch keine Anklage erhoben worden, kritisiert Klein. Im Fall Kommeno wird derzeit nur geklärt, wer von den aufgelisteten Personen noch lebt. "Zur Zeit führt die Polizei noch Vorermittlungen", sagt Joachim Eckert, Oberstaatsanwalt in München. Wann entschieden wird, ob das Ermittlungsverfahren, das 1972 mit der Begründung des "Beweismangels" eingestellt worden war, wieder aufgerollt wird, ist unklar: "Es wird dauern", so die Einschätzung des Oberstaatsanwaltes.

Weil Historiker und Journalisten neue Zeugen und historische Belege vorlegten, wurden die Ermittlungsverfahren wegen den Erschießungen auf Kephalonia im September 2001 wiederaufgenommen. So sind bei den Ermittlungen in den Sechziger Jahren keine Tatverdächtigen aus der damaligen DDR vernommen worden.

"Ich ermittele mit Hochdruck und arbeite jeden Tag zehn Stunden", sagt der Oberstaatsanwalt Ulrich Maaß. Er ist Leiter der Nordrhein-westfälischen Zentralstelle zur Verfolgung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen und ermittelt im Fall Kephalonia. Über 4.000 Personen aus Kanada, Belgien, den USA, Österreich, Italien und anderen Ländern müsse er ausfindig machen und befragen. Allein in der früheren DDR habe er mittlerweile 25 Zeugen ermittelt und vernommen.

Bei zehn ehemaligen Offizieren, die in Deutschland leben, könne es zu einer Anklage kommen, aber frühestens im nächsten Jahr, so Maaß. Dann müsste der Fall aber erst an die zuständigen Staatsanwalten in Süddeutschland weitergeleitet und von diesen angenommen werden. "Es erscheint möglich, dass es in etwa 5 Fällen zu einer Anklage kommen könnte," formuliert der Staatsanwalt vorsichtig.

Das juristische Problem: Totschlag ist längst verjährt, jetzt muss den Tätern Mord nachgewiesen werden. Dafür muss zum Beispiel Heimtücke oder Grausamkeit vorliegen. Laut Staatsanwalt Maaß fallen die belegten standrechtlichen Erschießungen unter das Kriterium Grausamkeit.

Nicht nur in der Justiz kommen Steinchen ins Rollen. Auch vor Ort, in Mittenwald gerät einiges ins Wanken: Edmund Stoibers Diktum von der "unangreifbaren Traditionspflege" stimmt nicht mehr. Auf ihren Treffen mit Schweinsbraten, Knödel, Bier und Blaskapelle prosteten sich die Gebirgskameraden fünfzig Jahre lang ungestört zu und gaben sich militaristischer Gefühlsduselei hin. Letztes Jahr wurde zum ersten Mal in die bayerisch-deutsche Idylle gepiekst. Antifaschisten demonstrierten gegen die Traditionspflege der Gebirgsjäger und wollten eine Gedenkminute zu Ehren der ermordeten Menschen in Griechenland, Italien, Frankreich, Polen, Jugoslawien und anderen Orten abhalten. Die alten und jungen Kameraden reagierten ungehalten, mit Fäusten und Krückstöcken vertrieben sie die Kritiker aus der Kneipe. Ein Großaufgebot der Polizei nahm 56 der Demonstranten vorübergehend in Gewahrsam. Die Kundgebung im Zentrum Mittenwalds wurde verboten.

Dieses Jahr erwarten die Veranstalter des Hearings rund 150 Teilnehmer. Bis Anfang des Jahres stießen die Organisatoren auf "nackte Ablehnung" bei Stadtverwaltung, Polizei und Parteien, so Ralph Klein. Mittlerweile bemühe man sich um eine formal korrekte Abwicklung der Protestaktionen, wenn auch mit Auflagen. In der Sache aber stoße man immer wieder auf Feindseligkeiten, zum Beispiel wenn man die ablehnenden Äußerungen von Mittenwälder Repräsentanten in der Lokalpresse lese, sagt Klein.

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