Trojaner der Pharmaindustrie

Herbert Hasenbein 18.06.2003

Das Pharmaunternehmen Novartis bewegt Kranke mit Lockangeboten dazu, die medikamentöse Behandlung auf die firmeneigenen Produkte einzuschwören

Novartis ist das gesundgeschrumpfte Konglomerat zweier traditionsreicher Unternehmen, vormals Ciba und Geigy, mit Sitz in Basel. "Um eine positive Bilanz zu ziehen, braucht es nicht immer Gewinn," heißt es auf der Schweizer Homepage des Konzerns.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Von den Vereinigten Staaten aus sollen Wohltaten ausgestreut werden. Angefangen hat es mit der Wirksubstanz Imatinib gegen eine Form von Blutkrebs. Der Handelsname ist Glivec. Das Therapieregime für einen Kranken kostet in den USA jährlich etwa 27.000 US Dollar. Weil diese Summe für viele unerschwinglich ist, will das "Patient Assistance Program" (GIPAP) helfen, dass minderbemittelte Kranke in den Genuss der Therapie kommen.

Über soviel Menschenliebe lohnt es zu berichten, sagten sich Stephanie Strom und Matt Fleischer-Black von der New York Times. Ihr Bericht mündete allerdings in mühsame Recherchen und ist kein Lobgesang. Denn was auf den ersten Blick wie menschenfreundliche Großherzigkeit wirkt, entpuppt sich beim genauen Hinsehen als Trojaner, mit dem Potenzial, das Gesundheitssystem grundlegend zu verändern.

Die Journalisten fanden heraus, dass die Nutznießer überwiegend in Mittel- und Südamerika sowie Indien beheimatet sind. Inder allein stellen 40 Prozent und damit das Hauptkontingent. Verteiler ist The Max Foundation, eine familiäre Selbsthilfegruppe, die bis dahin nichts mit Krebskranken, sondern nur mit Aids zu tun hatte. Novartis gab das Startkapital von 1 Million US-Dollar und einen ähnlich hohen Betrag im Folgejahr. Die Verteilung ist wenig transparent, statt dessen unprofessionell und vielfach unlogisch. Simultan machte Novartis in Neuseeland, Südkorea und Hongkong Lust aufs Präparat und bezahlte zweifelhafte klinische Prüfungen, die nach außen hin der Zulassung dienten.

Zum Abschluss der Studien stellte Novartis unmissverständlich klar, dass es jetzt ans Bezahlen geht, weil die weitere langjährige Behandlung regulär eingekauft werden müsse. "Für die 49 ärmsten Länder hat Novartis 9.500 potentielle Kranke geschätzt. Seit zwei Jahren profitieren davon 11 Personen," recherchierten die Journalisten. In Indien kam denn auch das wahre Gesicht der Baseler Menschenfreunde zu Tage: "Sie (die Leute von Novartis) haben uns gleich zu Beginn erklärt, dass sie das Programm beenden, sollte ein generisches Präparat vertrieben werden," wird ein Onkologe vom Kidwai Memorial Institute of Oncology in Bangalore zitiert.

Der Misserfolg in den Vereinigten Staaten hat eine einfache Erklärung. Viele amerikanische Krebsspezialisten sehen in Glivec ein Mittel der zweiten Wahl und empfehlen, die Krankheit solle mit Interferon angegangen und erst bei ausbleibendem Erfolg auf den neuen Stoff umgestellt werden.

Was ist Besonderes am Vorgehen von Novartis?

Das Motiv des Pharmaunternehmens erschließt sich aus der deutschsprachigen Webseite:

Novartis lanciert eine Inseratenkampagne in der Schweiz. Ihr Ziel ist es, Patientinnen und Patienten, Aerztinnen und Aerzten, Politikerinnen und Politikern sowie der Oeffentlichkeit aufzuzeigen, mit welcher Leidenschaft und Vision wir uns dafür einsetzen, die besten Gesundheitsprodukte anzubieten.

Traditionell werden Arzneimittel in der Ärzteschaft beworben. Das führte in Deutschland zur inzwischen verbotenen übermäßigen Bemusterung, weil die kostenlose Dreingabe an Ärzte den Pharmaunternehmen Nachfolgerezepte einbrachten. Dazu kommt die Betreuung der Ärzte als VIPs: kostenfrei sind feine Essen im Kollegenkreis und Reisen mit Frau Gemahlin oder Freundin an die Costa Brava oder nach Florida, wo vor oder nach dem Golfspiel die Treue zur Firma und ihren Präparaten unter der Bezeichnung Fortbildung gepflegt werden. Seitdem auch diese Art des Postmarketings zunehmend in Verruf gerät, schreiben die Ärzte fleißig Berichte über ihre Patienten. Sie verordnen die teueren neuen Präparate zu Lasten der Krankenkassen und bekommen für anonymisierte Protokolle je nach Zielvorstellung des Herstellers zwischen 100 und 1000 Euro als Aufwandsentschädigung, obwohl es sich doch um eine Provision handelt.

Die kostenlose Abgabe von Arzneimitteln oder die Kompensation mit anderen Mitteln ist demnach nichts Neues. "Essen, Schmeicheleien und Freundschaft," betitelte der Herausgeber des British Medical Journal kürzlich seinen Kommentar und verwies auf 16 Möglichkeiten der Einflussnahme, die von Pharmafirmen praktiziert werden.

Inzwischen reift auch bei den Unternehmern die Erkenntnis, dass die allgemeine Kostendämpfung die Haus- und Fachärzte zum Spielball der Gesundheitsverwaltung gemacht haben. Hinzu kommt das neue Unbehagen vieler Ärzte. Sie finden sich durch eine kürzlich im British Medical Journal publizierte Analyse bestätigt, wonach wissenschaftliche Ergebnisse, die von Pharmafirmen gesponsert werden, immer das Präparat des Herstellers ins beste Licht rücken. Da im Vorfeld der Arzneimittelzulassung die wissenschaftliche Bewertung meistens mit dem Auftrag des Pharmaunternehmens gekoppelt ist, bedeutet die Zulassung keinen Qualitätsbeweis. Vielmehr entstehen objektive Bewertungen erst später, aus der Konkurrenz zwischen den Anbietern oder bei unerwünschten Nebenwirkungen wie im Falle von Lipobay.

Für die forschende pharmazeutische Industrie bleibt die Triebkraft unverändert, nämlich der möglichst profitable Verkauf neu entwickelter Medikamente. Die Zeit dafür ist patentrechtlich knapp bemessen. Warum erst die Fachärzte von der Wirksamkeit überzeugen und darauf hoffen, dass die Hausärzte geduldig nachziehen? Novartis geht den direkten Weg: "Patienten und Patientinnen", so die Webseite und mehrfache Äußerungen der Verantwortlichen, werden als mündige Kranke gehätschelt und sind nunmehr die wichtigste Zielgruppe.

Das vertraute Beispiel sind die Selbsthilfegruppen. "Pharmazeutische Unternehmen glauben, dass Patienten, denen die Wirksamkeit von Arzneimitteln nahe gebracht wird, den Verkauf ankurbeln. Um ihre Ansprüche durchzusetzen, begrüßen die Selbsthilfegruppen die finanzielle Unterstützung und andere Hilfen von den Pharmaherstellern," charakterisiert Andrew Herxheimer vom UK Cochrane Centre die Situation.

Was machen, wenn es keine Selbsthilfegruppe gibt? Die smarte Antwort von Novartis ist das "Patient Assistance Program". Hinzu kommt als Plattform die Webseite, die länderspezifische Beschränkungen überspielt. Auch in Deutschland, wo die Bewerbung über die Medien unzulässig ist, kann das Lesen der für den amerikanischen Konsumenten bestimmten Informationen nicht unterbunden werden. Novartis schaltet vorsorglich den Disclaimer, der alle Verantwortung auf den Webseitenbesucher abwälzt.

Abbildung Glivec_Disclaimer: Der Disclaimer lockt, weil er deutlich macht, dass die Freiheit des Konsumenten in den USA grenzenlos ist (Ausschnitt aus der Webseite von Novartis).

Wo geht es hin?

In Deutschland gründet sich die medizinischen Versorgung seit 130 Jahren auf das Solidarprinzip. Mit dem Vorgehen und der Argumentation von Novartis wird die Arzneimitteltherapie zum Konsumartikel. Die Umwertung hat vielfältige und unkalkulierbare Auswirkungen. Das könnte zum italienischen Modell führen, in dem der Staat die Minimalversorgung sicherstellt und das Mehr an Wünschen auf die Kranken abwälzt.

Der Abbau des Solidarprinzips nach dem Novartis-Konzept macht die Kehrseite deutlich. Wie soll der von den Journalisten der New York Times befragte Inder aus Neu Dehli, der jährlich 4.800 US Dollar verdient, monatlich 2.000 US Dollar für Glivec aufbringen? Die neue Entwicklung wirft tiefgreifende sozialpolitische und ethische Fragen auf.

http://www.heise.de/tp/artikel/14/14969/1.html
Kommentare lesen (36 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS