New Economy: Kinderhandel

Michael Klarmann 12.06.2003

Mit Reportagen und Hintergründen zum globalisierten Kinderhandel will terre des hommes aufrütteln

"UN-Experten vermuten, dass der Menschenhandel inzwischen fast so lukrativ geworden ist wie der Handel mit Drogen - die niedrigste Schätzung liegt bei 7 Milliarden Dollar Gewinn jährlich", schreibt Claudia Berker im Buch "Getäuscht, verkauft, missbraucht". Ein Großteil der Ware jenes Marktes seien Kinder, die als Adoptivkinder, Bettler, "Klaukinder", Drogenkuriere, Arbeits- und Sexsklaven gehandelt würden. Die "Sklaven", von denen es heute mehr gebe als während des Sklavenhandels im 18. Jahrhundert, seien derweil kein "kostbares Gut", sondern "Massenware (...), leicht ersetzbar und dementsprechend von geringem Wert."

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Berker - Pressesprecherin von terre des hommes Deutschland - und Mitherausgeber Hans-Martin Große-Oetringhaus wollen mit ihrem Buch aufrütteln. Für sie hat "der Handel mit Kindern alarmierende Ausmaße angenommen. Er stellt eine der verabscheuungswürdigsten Menschenrechtverletzung überhaupt dar und zerstört alljährlich das Leben unzähliger Mädchen und Jungen. (...) Kinder sind keine Ware," stellen sie fest - und fordern es zugleich. Denn natürlich wissen sie, dass Kinder längst eine Ware sind. Und über jene New Economy wollen sie mittels der im Buch publizierten dreizehn Reportagen verschiedener Autoren sowie Hintergrundinformationen informieren - und weisen auf angeblich zivilisierte Nutznießer hin:

Nicht nur die Präsenz gehandelter Kinder selbst ist es, die das Problem auch in europäischen Haushalten sehr real werden lässt

International vertriebene Produkte wie Fußbälle, Schokolade, Teppiche oder Schmuck werden teilweise mit Hilfe von Kinderarbeitern erzeugt, die zuvor an die diversen Produktionsstätten verkauft worden sind. (...) Armut ist die Wurzel des Kinderhandels. (...) Die Globalisierung hat außerdem die operativen Bedingungen für einen weltweiten Menschenhandel geschaffen (...).

Die Profiteure des variationsreichen Handels reichen je nach Region von den Eltern der Kinder über Mafiabanden bis hin zu den Behörden. Und nicht nur in Afrika oder Asien werden Kinder von der Erwachsenenwelt ausgebeutet. Verkaufte albanische Kinder etwa arbeiten in Italien oder Griechenland als Schuhputzer oder Bettler, rumänische "Klaukinder" - und weniger deren "Besitzer" - tauchen in Deutschland in abfällig bis hetzerisch formulierten Polizei- und Medienberichten auf. Kinderlose Paare und Päderasten nutzen kommerzielle Adoptionsanbieter. Auch werden von Osteuropa aus Mädchen zwecks Prostitution oder Heirat ins sich erst kürzlich selbst Humanität attestierende "alte Europa" verkauft. Und Missio warnt: "Im Internet kann sich der (europäische und US-amerikanische; mk) Pädophile schon vor seiner Reise (nach Sri Lanka und Thailand) ein Kind auswählen."

Die in "Getäuscht, verkauft, missbraucht" enthaltenen Reportagen und geschilderten Schicksale erschüttern. Da geht es etwa um das Mädchen Taye in Nigeria, das in die Fänge einer geheimen Sekte geriet - diese brachte Menschenopfer - und als Arbeitssklavin endete. Schleuser, die Taye angeblich befreien wollten und nach England brachten, belegten das Kind vor der Abreise indes mit einem Voodoozauber, der es wiederum ihnen gefügig machen sollte. Das Mädchen kam zwar später frei, doch "dass sie eine Zukunft hat, glaubt sie immer noch nicht," schreibt Birgit Schwarz. Denn "täglich rechnet sie damit, dass der Voodoozauber seine Wirkung zeigt."

Aberglaube, moralische Vorstellungen und traditionelle Sitten begünstigen oft den Kinderhandel. In Südafrika etwa werden Mädchen innerhalb des Landes als meist rechtlose Hausangestellte verkauft. Gaben arme Eltern im westlichen Afrika ihre Kinder zu Verwandten, um ihnen eine bessere Zukunft zu ermöglichen, zahlen heute kommerzielle Vermittler den oft ahnungslosen Eltern geringe Geldsummen - und verkaufen die Kinder dann als Haushaltshilfen.

In Afrika rekrutieren Armeen nicht nur Kindersoldaten, wozu Hans Hielscher im Buch schreibt, es sei "die wohl schlimmste Art des Kindesmissbrauchs" (vgl. Wenn die Elefanten kämpfen, leidet das Gras). Manchmal kaufen Armeen auch Kinder. Das indische System der Schuldknechtschaft indes bringt Eltern dazu, ihre Kinder zwecks Tilgung der Schulden als Arbeitskräfte abzugeben. Dabei müssen diese dann Kredite zu Zinssätzen von bis zu 170 Prozent im Jahr abarbeiten, oder sie werden einfach verkauft - etwa an die Teppichindustrie, wogegen Rugmark protestiert.

Der Welthandel stützt sich im Zuge der Globalisierung auf die Billiglohnarbeit in den Entwicklungsländern. Das ist es, was die von Krisen geschüttelten Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas nebst Rohstoffen noch zu bieten haben.

Zu jenen neuen "Rohstoffen" gehören auch Neugeborene, etwa in Bolivien, wo Hospitalangestellte, Behörden und manchmal auch Eltern mit Babys handeln. "Rohstoff" wären demnach zudem thailändische Sexsklavinnen. Hans-Martin Große-Oetringhaus beziffert, wie wenig den Händlern ein solches Menschenleben indes wert ist. "5.000 Bath, also etwa 125 Euro, zahlen sie den Eltern der Mädchen." Ein Freier zahle später für eine Stunde im "Massagesalon (...) 100 Bath, mit Sex das Doppelte. Der Preis für eine Nacht beträgt 1.000 Bath." Da das "Inlandsangebot" aber nicht ausreiche, werde "illegale 'Importware' aus Burma, Laos, Kambodscha und Südchina" ins Land geholt.

Claudia Berker, Hans-Martin Große-Oetringhaus (Hrsg.): Getäuscht, verkauft, missbraucht. Reportagen und Hintergründe zum weltweiten Kinderhandel. Rotpunktverlag in Kooperation mit terre des hommes; Zürich 2003, 230 S., 19,80 Euro

http://www.heise.de/tp/artikel/14/14989/1.html
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