Linke Ansprüche und deren Wirklichkeiten
testcard, Periodikum für Popkultur, blickt hinter die Fassaden linker Mythen
Nicht nur die Literatur, auch die Popkultur ist ein weites Feld - erst recht, wenn testcard diskurs-theoretisch und hintergründig "Linke Mythen" analysiert. Einerseits wird dabei auf 300 eng bedruckten Seiten den inneren Mythen der Bewegung(en) nachgespürt. Schlimmer indes sei die "Pop-isierung" von außen. Linke Symbole - Che Guevara, der RAF-Stern oder das Peace-Zeichen als T-Shirt-Motiv - ersetzen als Teil der Popkultur eben nicht das Wissen, wieso oder wofür gekämpft wurde oder wird. Das "System" also ein Geschichtsklitterer und inhaltsloser Vermarkter?
Geht jene Frage nicht zu weit und haben nicht die Bewegung(en) - testcard widmet sich subkultureller Strömungen seit etwa 1950 - selbst immer ihre eigene Mythen erzeugt? Etwa, dass Reggae der Soundtrack einer schwarzen Befreiungsbewegung ist, die indes in ihren Ursprüngen und teilweise auch heute noch kaum Platz hat für Frauen und Emanzipation sowie obskure religiöse und homophobe Aussagen vertritt. Und beschwor die Linke nicht ebenso und beschwört immerfort die von ihr geschätzte Solidarität, die das "System" dank einer Ellebogenmentalität nicht zu kennen scheint?
Wenn man über linke Verlage redet, darf man nicht vergessen, dass man auch linke Distribution braucht (...). Und über den linken Buchhandel muss ich brutal sagen
Der Begriff Mythos kommt aus dem griechischen, Stichworte: Mythologie, Göttersagen. Da drängt sich förmlich der Verdacht auf, kommunistische und sozialistische Staaten und "Systeme" haben die größten aller linken Mythen kreiert. Indes arbeit Sebastian Schäfer im Beitrag über Popmusik in der DDR Widersprüche zwischen Subkulturen und Staat heraus. Äußerten sich etwa die Machthaber der DDR anfangs noch abfällig über Jazz oder Rock'n'Roll und kopierten dabei fast das einstige NS-Jargon über amerikanische Musik, wurde um 1960 auf "Tanzmusikkonferenzen" versucht, eine Jugendkultur zu planen, um Menschen "im sozialistischen Sinne zu erziehen". Das spätere Staatsoberhaupt der DDR, Erich Honecker, kam 1965 dennoch zum Schluss, "der schädliche Einfluss solcher Musik auf das Denken und Handeln Jugendlicher wurde grob unterschätzt". Nach 1970 wurde Popmusik indes wieder institutionalisiert. Parallel dazu existierte dessen ungeachtet im Untergrund eine Rock- und Pop-Szene.
Mythos RAF
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Einen Schwerpunkt der Schwerpunktausgabe bildet das Thema RAF. "Der Staatsparanoia auf der einen", schreibt Enno Stahl dazu im Text über die RAF in der Literatur, stehe die "unangemessene Beweihräucherung der 'Gründer-Generation' durch linksradikale Kreise auf der anderen Seite gegenüber." Die ehemalige RAF-Terroristin Irmgard Möller, Überlebende der Stammheimer "Todesnacht", kritisiert andererseits ein in Filmen verbreitetes Bild von Andreas Baader als "Bandenchef, der ein paar Hühner im Stall hat". Es sei "perfide, wenn er (...) als armseliges Arschloch dargestellt wird, wie schon in Zeiten der Fahndung". Für Möller eine "psychologische Kriegsführung", die via Baader als Gründungsmitglied der RAF alle anderen Terroristen der Gruppe "denunziert". Thomas Meinecke von der Musik/Kunst/Literatur-Produktionsgemeinschaft Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) weist indes darauf hin, dass die RAF "schon zu Lebzeiten ein Mythos war und damit auch in die Nähe von Pop rückt, weil Pop auch ein Mythos im Gegenwärtigen ist, niemals im Nachhinein".
Einen gegenwärtigen Mythos, der schwer nach einem divergierendem Zusammenspiel von Staat, Macht und Bewegung(en) riecht, will Jan Deck erhellen. Seine Kritik: Oft integriere sich die aktuelle Kritik an der Globalisierung und die "Forderung nach einer 'tobin tax' problemlos in den herrschenden Globalisierungsdiskurs. (...) Viele Linke werden empört sein, denn sie wähnen sich auf der moralisch 'richtigen' Seite. Wie kann die Kritik an einem Phänomen an dessen Durchsetzung beteiligt sein? (...) Indem die (...) Inhalte die Artikulationsformen des herrschenden Diskurses übernehmen, kopieren und damit verlängern."
Denkt man diese Theorie weiter, lautet eine anknüpfende Frage: Stabilisiert Kritik vonseiten linker, sozialer Bewegungen, deren Kommunikation - siehe das linke Netzwerk Indymedia - oder sogar ein kritischer Journalismus vielleicht das beanstandete "System", indem dessen demokratischer Anspruch auf diesem Weg erst bekräftigt wird?
Erinnere man sich hier nur des vielleicht größten Mythos der Bewegung(en), den testcard jedoch nur in Nebensätzen der Artikel und Interviews entkräftet. "Während John Lydon (Jonny Rotten; mk) und die (Sex) Pistols die Kulturindustrie als skurriles Irrenhaus vorführten, versuchten The Clash im Rahmen eines Major-Deals, linke Inhalte in den Mainstream zu befördern."
Wem aber haben solche beziehungsweise alle Märsche durch die Institutionen genutzt? Einer olivgrün-roten, angeblichen Friedenstruppe etwa? Dubiose Brückenschläge hierzu beschreibt Martin Büsser. Er referiert über die "posthume Eingemeindung" ins Lager des "nationalen Liedgut", und zwar der für Anarchisten und Hausbesetzer als Kultband fungierenden Ton Steine Scherben und deren Mastermind und bekennenden Homosexuellen Rio Reiser:
Mit der Grünen-Politikerin Claudia Roth ist das 'Erbe der Scherben' schließlich sogar personell in der Neuen Mitte angelangt. (...) Claudia Roth sieht zumindest noch den politischen Kontext, anders dagegen Echt, jene Teenieband, die 2001 mit der Coverversion von Rio Reisers 'Junimond' die Charts stürmte
Weitere Themen: Black Power, Black Panthers, Black Pop; Das große 80er-Revival: Punk, New Wave, Neue Deutsche Welle; Antifolk; Linke Perspektiven in der Avantgarde der 60er und 70er Jahre; Pop als Mythos; Plakatgestaltung der Linken; Wiener Aktionismus; Freie Radios; aktuelle Platten- und Buchkritiken.
testcard - beiträge zur popgeschichte (12. Ausgabe): linke mythen. Ventil Verlag; Mainz 2003, 302 S., 14,50 Euro
http://www.heise.de/tp/artikel/15/15051/1.html- Definitionssache 2. Teil (23.7.2003 19:06)
- Da hab ich wohl den Zynismus-Tag vergessen ;) (nt) (23.7.2003 11:42)
- Pandemonium (22.7.2003 20:19)
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