Drei Leser wohnen, ach! in meiner Brust

24.06.2003

Neue Studie zum Nutzerverhalten von Online-Medien legt das Konzept des "Dayparting" nahe

Online Nachrichtensites sind abends etwa so gut besucht wie ein Fußballstadion in der Winterpause; eine Erfahrung, die übrigens auch bei den Klickmessungen von Telepolis ihre Schatten wirft.

Das Meinungsforschungsinstitut Minnesota Opinion Research Inc. (MORI) untersuchte in einer zusammen mit mehreren US-amerikanischen Zeitungen durchgeführten Studie das Mysterium dessen, was man als Abendloch oder auch als Nachmittagsloch bezeichnen könnte.

Denn schon im Laufe des Nachmittags kommen bei den meisten Online-Magazinen eher weniger neue Besucher hinzu; gen Abend hin dünnt die Zahl der Leser noch weiter aus. Zunächst einmal bestätigen die Ergebnisse lediglich die Situation, von der man ausgegangen war: An Abenden und Wochenenden werden die Seiten weniger besucht, obwohl am Abend die meisten online sind. So lesen viele während der Arbeitszeit den einen oder anderen Artikel, während sie zuhause vielleicht eher die neue Version eines Videospiels ausprobieren, wenn sie denn vor dem Rechner sitzen. Dieser naheliegenden Vermutung entspricht eine der gewonnenen Thesen zum Nutzerverhalten. Aber zum Glück hat man noch etwas mehr zu bieten. So will die Untersuchung herausgefunden haben, dass der Leser (zumindest wenn er sich online informiert) einen bestimmten Biorhythmus folgt.

So sei er am Morgen besonders interessiert an "harten", schnellen Fakten. Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport. Mit dem Nachmittag kämen eher seine Spieltriebe ans Licht, so dass er sich für ungewöhnliche, witzige und kulturelle Geschichten oder Kinoprogramme erwärme. Am Abend wiederum erwache der Planer und Sammler, welcher Jobbörsen, Autoanzeigen, Immobilien und Sonderangebote durchforste. Die gute Nachricht sei nun, dass man den "Traffic" zu bestimmten Zeiten sehr wohl erhöhen könne, wenn man sich dieses Drei-Seelen-wohnen,-ach!-in-meiner-Brust-Lesers nur gewahr sei und ihm entsprechend folge.

Tatsächlich scheint das so genannte "Dayparting", das "Den-Tag-Aufteilen", einige Online-Zeitungen zu Hoffnungen zu berechtigen. Die Inhalte werden über den Tag so verteilt, dass der "Lesebiorhythmus" bekommt, was er brauchen könnte. In einem Bericht zum neuen Trend stellt die Online Journalism Review einen der "Dayparting"-Pioniere vor, die Lawrence Journal-World, eine der meist-besuchten Seiten in Kansas, deren Sundown Edition, die "Sonnenuntergangsausgabe", täglich zwischen 16 und 17 Uhr nachmittags online geht. Die "Sundown Edition" bemüht sich um abgefahrene, "junge" Inhalte, längere Geschichten und "offbeat news", die in der regulären Ausgabe nichts zu suchen hätten; ein Link auf diese klassische Ausgabe und eine Newsleiste bleiben jedoch.

Unsere Site ist sehr nachrichtenorientiert. Dann, zwischen 4 und 5 Uhr am Nachmittag, ändern wir die Anmutung der Seite, so dass es neben den Nachrichten auch eine Menge Ausgeh-Szene- und Kulturthemen gibt...Es sind immer noch genau so viele Nachrichten-Schlagzeilen da, wenn nicht mehr; aber sie werden anders präsentiert. Wir haben in dieser Zeit ein viel jüngeres Publikum. In den Bars redet man über unsere Artikel

Anscheinend funktioniert das Modell, was die Klickzahlen angeht; es ist aber noch zu früh zum Jubeln. Auch deshalb sind die meisten anderen Online Sites sehr viel vorsichtiger mit ihren "Dayparting"-Experimenten. Bei Telepolis würde das Budget für eine extra Sonnenuntergangsausgabe nicht reichen. Der Matrix Reloaded-Artikel von heute z. B. (vgl. Du gleichst dem Geist, den du begreifst) wäre jedoch der neuen Studie zufolge ein typischer Kandidat für den Nachmittag. Auch könnte man eine "Sundown-Edition" durch Zusammenarbeit mit verschiedenen Bloggern beleben.

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