Renaissance der jüdischen Kultur in Deutschland?

Florian Rötzer 23.06.2003

Deutschland nahm 2002 weltweit am meisten jüdische Auswanderer auf

Am Holocaust-Gedenktag, dem 27. Januar 2003, unterzeichneten der Bundeskanzler und der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland den ersten Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem jüdischen Dachverband. Am 6. Juni ratifizierte der Deutsche Bundestag den Vertrag, der auch als Zeichen der Normalisierung gilt. Das könnte auch die Tatsache sein, dass im letzten Jahr die meisten Juden aus den GUS-Staaten erstmalig nicht mehr nach Israel oder in die USA, sondern nach Deutschland ausgewandert sind.

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Der Staatsvertrag der Bundesrepublik mit dem Zentralrat ist auch deswegen wichtig, weil Deutschland hier nicht nur seine Verantwortung für die vergangene Geschichte übernimmt, sondern auch für den Wiederaufbau der jüdischen Kultur in Deutschland, also für die Zukunft des gemeinsamen Lebens. Für seine kulturellen und sozialen Aufgaben, für den Aufbau einer jüdischen Kultur und der Pflege des gemeinsamen Kulturerbes erhält der Zentralrat jährlich 3 Millionen Euro. 2008 soll über die Höhe der Zahlungen noch einmal beraten werden, die sich auch an der Zahl der Gemeindemitglieder orientieren müsse. Die Leistungen für die Integration jüdischer Auswanderer aus den GUS-Staaten verändern sich durch den Vertrag nicht.

Vor dem Nationalsozialismus hatten in Deutschland etwa eine halbe Million Juden gelebt. 1950, als der Zentralrat gegründet wurde, lebten um die 25.000 Juden in dem Land, das den Holocaust mit schrecklicher Konsequenz betrieben hatte. Der nicht nur in Deutschland gepflegte Antisemitismus wurde allerdings oft nur verdeckt, während er weiterhin grassierte. Wie aufgeladen das Verhältnis gerade in Deutschland ist, hat sich auch jetzt wieder unübersehbar anhand der Auseinandersetzung mit Möllemanns Absturz und den Vorwürfen gegenüber Michael Friedman, dem Vizepräsidenten des Zentralrats, CDU-Mitglied und Talk-Moderator, gezeigt.

Heute haben die insgesamt 83 jüdischen Gemeinden wieder um die 100.000 Mitglieder. Doch insgesamt leben weitaus mehr Menschen jüdischer Abstammung in Deutschland. Von den 175.000 eingewanderten Juden aus den GUS-Ländern wurde nur ein Drittel Mitglied einer jüdischen Gemeinde. 100.000 Menschen jüdischer Abstammung werden daher vom Zentralrat nicht unmittelbar vertreten, da ihnen der jüdische Glaube möglicherweise egal ist oder ihnen auch gar nicht wichtig ist, irgendeine Form von jüdischer Kultur zu wahren. 70 Jahre Kommunismus haben hier viel ausgelöscht.

Seit letztem Jahr weist Deutschland zudem die am schnellsten wachsende jüdische Gemeinschaft in der Welt auf und hat nach Großbritannien und Frankreich bereits die drittgrößte Gemeinschaft in Europa. Die jüdische Bevölkerung wuchs von 33.000 Menschen im Jahr 1990 jährlich um 15.000 bis 20.000 Einwanderer auf jetzt 200.000 Menschen an. Letztes Jahr wanderten über 19.262 Juden aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland aus, 18.878 nach Israel und unter 10.000 in die USA. Weitere 70.000 Juden sollen bereits ihre Anträge zur Einwanderung gestellt haben. Damit strebt "erstmals in der 120jährigen Auswanderungsgeschichte der russischen Juden eine Mehrheit nicht in die 'klassischen Aufnahmeländer', sondern in das 'Problemland Deutschland', schrieb Professor Julius H. Schoeps, der Leiter des Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrums (MMZ). Er sieht die Möglichkeit einer "Renaissance der jüdischen Kultur" in Deutschland gegeben, auf jeden Fall aber "eine dauerhafte, ja vielversprechende Perspektive" für die jüdische Kultur: "Die Zeit der 'gepackten Koffer' scheint endgültig vorbei."

Allerdings gibt es Schwierigkeiten nicht nur für den Zentralrat, die jüdischen Zuwanderer in Deutschland in ihren Gemeinden einzubinden. Es fällt ihnen auch oft schwer, in der deutschen Gesellschaft Fuß zu fassen, in der sie als Teil der übrigen Einwanderer aus den GUS-Staaten auftreten. Viele finden keine Arbeit und müssen von der Sozialhilfe leben. Hier ist also weiterhin aktive Hilfe und Aufnahmebereitschaft notwendig. Und diese Form der Wiedergutmachung durch den staatlich geförderten Aufbau einer wachsenden jüdischen Gemeinschaft könnte nicht nur das Verhältnis von Deutschen und Juden normalisieren und bereichern, sondern auch das zwischen Deutschland und Israel.

Gründe für diese Einwanderungswelle gibt es einige. Die Angst vor Deutschland ist offenbar gesunken, während es weiterhin Antisemitismus in den GUS-Ländern gibt. Die Menschen wollen der Armut, wirtschaftlichen Unsicherheit und Aussichtslosigkeit entfliehen. Deutschland ist ihnen womöglich als europäisches Land näher als Israel oder die USA, zumal wenn sie sich selbst eigentlich nicht als Juden verstehen. Das Leben in Israel ist zudem schwieriger und gefährlicher geworden, so dass sich selbst manche Menschen aus Israel wieder an ihre deutsche Wurzeln erinnern und dem Gewaltkarussell entrinnen wollen. Ein ganz entscheidender Grund ist aber vor allem die im Jahr 1990 unter dem ehemaligen Bundeskanzler Kohl eingegangene Verpflichtung, jedem Juden aus den GUS-Ländern dasselbe Recht wie den Deutschstämmigen zu gewähren, sich in Deutschland anzusiedeln, um zu demonstrieren, dass man dem wiedervereinigten Deutschland Vertrauen schenken könne.

Bedenklich mag es da schon stimmen, wie in Deutschland viele Menschen und die Medien mit dem Fall Michael Friedman umgehen, also welche Kriterien an einen deutschen Juden gelegt werden, wieweit etwaige persönliche Verfehlungen getrennt oder verbunden werden mit dem Juden Friedman. Von einer Normalität des Umgangs ist hier nicht viel zu spüren. Es könnte, wollte man optimistisch sein, der Fall Friedman, unabhängig davon, wie er ausgeht, vielleicht auch zu einem normaleren Umgang zwischen Deutschen und Juden führen, wenn einmal der "fog of the war" verflogen ist.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15059/1.html
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