Das Kündigungsgespräch

Ernst Corinth 28.06.2003

Eine Bildungsmaßnahme aus dem Jahre 2003

Kündigen ist eine Kunst, die man zum Glück erlernen kann. Beispielsweise im Bildungsverein Hannover, der 1981 entstanden ist als Teil der alternativ-grünen Bewegung "mit dem Ziel der Entwicklung einer unabhängigen alternativen Erwachsenenbildungseinrichtung". Inzwischen hat sich diese Weiterbildungseinrichtung in der Region Hannover etabliert, bietet pro Jahr mehr als 48000 Unterrichtsstunden an und muss sich vor der klassischen Volkshochschule längst nicht mehr verstecken.

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So weit, so gut. Und richtig gut klingt auch das Motto des Vereins: "Soziales Lernen und Kommunikation". Das steht natürlich auch auf dem Titel des neuen Sommer-Programms, mit dem der Bildungsverein nun offenbar einen neuen Kundenkreis erreichen möchte; und zwar werden Leute angesprochen, die die Macht haben, andere Leute zu kündigen. Da zu jeder guten Entlassung meist auch ein Kündigungsgespräch gehört, kann man jetzt also dort unter "Beruflicher Bildung" ein Wochenendseminar buchen mit dem Titel: "Trennungsgespräche mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern fair führen."

So weit, so fair. Doch gar nicht fair geht offenbar aus Sicht des Bildungsvereins das Leben mit den Leuten um, die die Macht haben, andere zu kündigen. "Für diejenigen", heißt es in den Erläuterungen zum Wochenendseminar, "die die Kündigung aussprechen müssen, bedeutet ein solches Gespräch Überforderung und Stress. Gesundheitliche Folgen wie Schlafstörungen und die Angst vor unkalkulierbaren Reaktionen des gekündigten Mitarbeiters sind bei den Personalverantwortlichen häufig zu beobachten."

Kurzum: Es besteht Handlungsbedarf. Aber nicht nur auf der mentalen Seite, sondern auch auf der finanziellen. Schließlich drohen nach einer "unzureichend vorbereitet(en)" Kündigung "erhebliche Kosten vor dem Arbeitsgericht. Daher kommt der professionellen Vorbereitung und Durchführung solcher Gespräche eine besondere Bedeutung zu."

So weit, so bedeutend. Aber das Schönste an diesem "unabhängigen alternativen Erwachsenenbildungseinrichtungs"-Angebot ist der Preis. Für die 13 Unterrichtsstunden zahlt man nämlich lediglich 62,­ Euro. Und "Sozial- und Arbeitslosenhilfeempfänger/innen" müssen - so steht es wortwörtlich im Programm - sogar nur 31 Euro aufbringen. Und können nach dieser Bildungsmaßnahme bestimmt besser schlafen, wenn sie demnächst mal wieder jemanden kündigen müssen.

Doch diese traurig-zynische Schlusspointe hat angeblich einen ernsten Hintergrund. Wie wir inzwischen vom Bildungsverein erfahren haben, richtet sich das Angebot auch an kleine Projekte, Vereine und Verbände aus dem so genannten Non-Profit-Bereich. Diese, heißt es, würden oft von ehrenamtlichen Vorständen geleitet, die zum Teil selber arbeitslos seien. Und weil gerade dieser Non-Profit-Bereich zunehmend von Zuwendungs- und Stellenkürzungen betroffen sei, müsste dort also zuweilen ein Arbeitsloser als Arbeitgeber notgedrungen einen seiner Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit entlassen. So weit, so finster.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15066/1.html
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