Was wurde erfunden, was geklaut?

Thorsten Stegemann 26.06.2003

Greenpeace und Monsanto streiten über Weizen und Kekse

Dass die Umweltschutzorganisation Greenpeace der Arbeit des Europäischen Patentamtes ebenso kritisch gegenüber steht wie einem beträchtlichen Teil der Produktpalette des Gentech- und Agrarriesen Monsanto ist hinlänglich bekannt. Gleichwohl spielt sich ein Großteil der Auseinandersetzungen um genmanipulierte Pflanzen oder Patente auf Leben wenn nicht unter Ausschluss, dann doch ohne wirkliche Anteilnahme der Öffentlichkeit ab. Im vorliegenden Fall könnte sich daran einiges ändern, denn hinter dem Patent EP 445 929, das mit der unscheinbaren Bezeichnung "plants" versehen ist, verbergen sich keine (vorerst abstrakten) Ansprüche auf irgendwelche Organismen, sondern sehr nachvollziehbare wirtschaftliche Interessen.

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Natürlich baut der Patentanspruch auf vorliegenden Erkenntnissen auf, aber es handelt sich doch um eine originäre Erfindung. Und dass ein Unternehmen, welches viel Geld in die Erfindung, Forschung und Entwicklung investiert hat, nun versucht, sich die exklusiven Vermarktungsrechte für eine bestimmte Zeit zu sichern, um die Kosten zu amortisieren, ist doch ganz natürlich.

Den Vorwurf der Biopiraterie, den Greenpeace am Montag erhoben hatte ("Monsanto beklaut gezielt indische Landwirte, die über Jahrhunderte diesen speziellen Weizen gezüchtet haben.") weist Thierfelder strikt zurück:

Bei dem indischen Hal Nap-Weizen handelt es sich um einen variablen Phänotyp, unsere Kreuzung zielt aber auf ein neues Produkt, das besonders gute Backeigenschaften aufweist. Diese werden von der verarbeitenden Industrie verlangt, die bislang auf chemische Zusätze angewiesen ist. Die indischen Landwirte bauen den Weizen nicht an, weil es ihnen um diese speziellen Eigenschaften geht. Der Ersterfindungsanspruch liegt also auf der Hand.

Greenpeace sieht das naturgemäß anders. Patentexperte Christoph Then sagt im Gespräch mit Telepolis:

Von einer neuen Idee kann hier überhaupt keine Rede sein. Es spielt auch keine Rolle, ob die indischen Bauern ihren Weizen in dem Bewusstsein anbauen, dass er diese Backeigenschaften aufweist oder nicht. Der Hal Nap-Weizen, der sich durch eine hohe Reinerbigkeit auszeichnet, ist die züchterische Leistung einer ganz bestimmten Region, seine besonderen Qualitäten sind auch längst wissenschaftlich belegt.

Darüber hinaus bemängelt Then die weitreichenden Konsequenzen des Patentes EP 445 929. Monsanto sei in Zukunft nicht nur in der Lage, die Bauern zu verklagen, die den Weizen anbauen und verkaufen, sondern könne auch gegen Bäckereien und Supermärkte vorgehen, welche Zwischen- und Endprodukte herstellen oder vertreiben: "Hier wird zweifellos beabsichtigt, die gesamte Kette der Wertschöpfung zu kontrollieren."

Greenpeace bereitet deshalb in den nächsten Wochen einen Einspruch gegen die Patenterteilung vor. Die Erfolgaussichtungen bewertet Christoph Then grundsätzlich positiv: "Ich gehe davon aus, dass wir in diesem Fall sehr gute Argumente haben." Auf der "Gegenseite" richtet man sich jedenfalls schon einmal auf längere und unbequeme Verhandlungen ein. Andreas Thierfelder sieht dem Verfahren zwar grundsätzlich optimistisch entgegen, kalkuliert aber auch den Fall ein, dass Monsanto sein Patent "im schlimmsten Fall" nicht durchsetzen kann oder Einschränkungen hinnehmen muss.

Doch selbst dann wäre der Erfolg von Greenpeace nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Christoph Then befürchtet nämlich, dass mit der Ratifizierung der umstrittenen EU-Richtlinie von 1998, die von der Bundesregierung ganz offensichtlich beabsichtigt ist, ein Dammbruch erfolgt, der nicht mehr rückgängig gemacht oder wenigstens angemessen kontrolliert werden kann:

Dieses Patent zeigt, wie dringend ein gesetzliches generelles Verbot der Patentierung von Genen und Lebewesen und Saatgut ist. Die Deutsche Bundesregierung macht sich mitschuldig, wenn sie jetzt nicht aktiv wird und Patente auf Leben in Europa stoppt.

Bei Monsanto scheint allerdings auch niemand zu erwarten, dass sich die Regierung von Umweltschützern und Menschenrechtlern noch überzeugen lässt. Anders ließe sich die Gelassenheit gegenüber den agilen Quertreibern kaum erklären: "Dass Greenpeace jetzt schon versucht, die Öffentlichkeit zu mobilisieren, ist völlig legitim."

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15076/1.html
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