Zukunftsschaffende wie du und ich

Out of this world in Bremen

Der politische wie der soziale Alltag in der Republik scheint von einer lähmenden Alternativlosigkeit zu sein. Der Sozialstaat wird abgebaut, es gibt keine andere Entwicklungsperspektive als die weitere Zuspitzung des Kapitalismus, Europa wird sich zu einem Superkonglomerat entwickeln, das sich nach außen und innen als Festung definiert. Gleichwohl gibt es noch Leute, die sich um Alternativen Gedanken machen. Out of this world, ein jährlicher Kongress zu Science Fiction, Utopie und Politik, fand jetzt schon zum dritten Mal statt.

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Der Grund dafür heißt Christoph Spehr. Spehr ist Buchautor, Politikwissenschaftler und Organisator, auf eine sehr eigene Art auch Filmemacher, und anderes mehr. Vor allem aber ist er Optimist. Und das muss man auch sein, wenn man eine Partei wie die PDS, die ansonsten weder mit Utopien noch mit Science Fiction eine Menge anfangen kann, dazu bringen will, so etwas wie Out of this World zu finanzieren. Natürlich macht das nicht die PDS selbst, sondern die ihr nahe stehende Rosa Luxemburg-Stiftung.

Aber auch die Stiftung wirkt per se nicht prädestiniert für Zukunftsdebatten. Christoph Spehr hat sie bisher davon überzeugen können, dass das nicht so bleiben muss. Und welche andere Partei oder Stiftung wäre in diesem Land dazu bereit? Keine. Also ist es die PDS, bzw. die Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Natürlich ist es nicht Christoph Spehr allein, der diese eigenartige Liaison und Out of this World am Laufen hält. Claudia Bernhard, Kai Kaschinski, Norbert Schepers und Jörg Windszus sowie andere um das Kulturzentrum Paradox, die Mediencoop Bremen und die Zeitschrift Alaska herum bilden das Kollektiv, das OOTW möglich macht. Wenn man genauer hinsieht, dann ist auch die Verbindung zur PDS nicht mehr gar so fremdartig. Christoph Spehr und seine Freunde versuchen schon länger mit Aufrufen, Kongressen, Wahlinitiativen eine lockere Struktur um die PDS herum zu organisieren, die auch für Nichtmitglieder offen ist und Perspektiven außerhalb des politischen Tagesgeschäfts diskutiert.

Um Betriebsblindheit bei der Partei abzubauen und sie eventuell sogar in eine linke Partei zu verwandeln, die vielleicht so etwas wie Opposition gegen die herrschenden Zustände betreiben könnte. Eine linke Partei, die sich nicht den lieben langen Tag mit sich selbst oder Regierungsbeteiligungen in abgewirtschafteten Bundesländern beschäftigt. Sondern vielleicht mit der gesellschaftlichen Realität, ihrer Veränderung und damit logischerweise auch mit der Zukunft.

Und das eigentliche Programm dieser nicht immer erwünschten Einmischung steht in der Ankündigung zu OOTW 3:

Wieviel Zukunft braucht der Mensch? Wenn es nach der herrschenden Meinung geht, genau eine

bestehend aus Dominanzkultur, Wachstum, Langeweile. Aber wenn es nach uns geht, braucht der Mensch jede Menge Zukunft, viele verschiedene, in wechselnden Kombinationen, und am besten schon heute. Dabei steht manches im Weg, was sich nicht immer einfach wegblastern lässt. Und manches muss erfunden werden, was der Replikator nicht hergibt, weil es schlicht noch nicht existiert. Das heißt dann Avantgarde. Der dritte Out of this world-Kongress beschäftigt sich mit utopischen Interventionen, feministischen Reflexionen, popkulturellen Rebellionen. Er gibt Gelegenheit, über Interpretationen zu streiten, den Blick über die Szenen- und Genregrenzen hinaus zu erweitern und nebenbei einige legendäre filmische Essays zu Afrofuturismus und feministischer Kunst zu sehen. Und Leute, natürlich. Die all das auch bewegt. Zukunftsschaffende wie du und ich.

II Rundreise

Zur Zukunft gehört vielleicht auch, dass meine Ankündigung, an dem Kongress teilnehmen zu wollen, eine merkwürdige Reaktion provoziert. Jemand, den ich nur von Weblogkontakten kenne, und von dem ich nicht einmal den echten Namen weiß, will sich dort mit mir treffen. N. ist, wie sich herausstellt, ist in dem Viertel aufgewachsen, in dem OOTW III stattfindet (Sielwall) und möchte mir gern einmal die Gegend zeigen. Wir gehen hinunter zur Weser und spazieren am Fluss entlang.

N. berichtet davon, wie Sielwall in ihrer Kindheit war. Dass früher das ganze Viertel Rotlicht-Area war, und dass mindestens einer der Puffbesitzer heute nicht mehr an Prostituierte, sondern an Asylbewerber vermietet, und damit den gleichen Reibach macht. Dass man die Junkies aus einem kleinen Park ganz in der Nähe des Paradox vertrieben hat, und dass sie sich nun in den Hauseingängen vor dem Park den Schuss setzen (an einem laufen wir vorbei). Dass die Gentrification hier nach der Rotlichtzeit voll zugeschlagen hat, weil all die Studenten, die damals hier wohnten, sich später dann hier Häuser gekauft haben. Dass der Veredelungsprozess mittlerweile aber wieder in einen Verelendungsprozess umgesschlagen ist. Dass es früher hier im Viertel sehr viel mehr politische Aktionen gegeben hat, so zum Beispiel zum 3.10.93, als der "Tag der deutschen Einheit" in Bremen begangen wurde, mit einem Polizeiaufkommen, wie es das bis dahin in Bremen noch nicht so oft gegeben hatte. Die Politik, sagt sie, lief damals auch manchmal schief. Zum Beispiel bei der Vertreibung eines Bio-Metzgers aus veganen Gründen, die sie heute nicht mehr wirklich nachvollziehen könne. Aber Spaß scheint es meistens gemacht zu haben, damals. Sie muss oft grinsen.

Leider kann sie dann nicht zu meiner Lesung kommen. Sie entschuldigt sich ein wenig umständlich, und ich finde es ein wenig schade.

Ich hatte es schon im letzten Jahr geahnt (vgl. Der Kongress diskutierte) die kleine Stadtführung hat es mir bewiesen: Sielwall ist ein hervorragender Austragungsort für Out of this World. So viele unterschiedliche Lebensweisen so nah beeinander. Und einige gute Gründe zum Verlassen dieser Welt.

III Es ist, was es ist

Ich lese. Und diskutiere. Und es ist richtig nett. Aber wo bin ich hier eigentlich? Was ist OOTW eigentlich, abgesehen von Proklamationen gegen Dominanzkultur? Was ist das eigentlich, wenn Christoph Spehr und seine Freunde einen neuen Film zeigen, in dem mit cleveren Zusammenschnitten aus Hollywood-Produktionen und einer kreativen Nachsynchronisierung der Zustand der linken Weltsicht erklärt wird? Was ist das, wenn Adé von dem faszinierenden afrodeutschen Projekt Brothers Keepers erzählt und von seinen Schwierigkeiten mit den weißen, auch den linken Deutschen. Wie geht das zusammen mit den harschen Programmen der kurdischen Frauenpartei PJA, den bizarren Kunstaktionen eines Bremer Künstlerkollektivs (VB Schulzes Bernsteinzimmer), der Musik einer dekonstruktivistischen Countryband namens "Restless Cattle" und anderen Seltsamkeiten, wie Lesungen aus gedruckten Büchern, Diskussionsrunden zum revolutionären Subtext von Startrek, Life-Performances, Filmen wie 11'09''01 und Space is the Place?

Die Antwort ist: Es geht hervorragend, danke. Das gemeinsame Thema bleibt natürlich, wie in den Jahren vorher, die Verbesserung der Welt. Aber OOTW ist kein politischer Aktivismus im eigentlichen Sinn. Es ist auch kein Kongress mit vielen interessanten Seminaren, bei denen sich die Teilnehmer Anregungen für ihre Magisterarbeiten abholen. Als ich Chrisoph Spehr danach frage, was OOTW eigentlich ist und den Begriff "Labor" ins Spiel bringe, sagt er, dass er damit gut leben kann. Doch, das passt.

Konkrete Ergebnisse bei der Laborarbeit? Die schubst man nicht von der Bettkante. Die Brothers Keepers z.B., so sagt Adé, haben dem Begriff "afrodeutsch" mit zum Durchbruch verholfen. Wenn es kein Ergebnis ist, dass die meisten der (schätzungsweise) 750.000 Afrodeutschen einen Begriff gefunden haben, mit dem sie sich in ihrer Haut und ihrem Land wohler fühlen, weiß ich nicht, was ein Ergebnis ist. Die Lobbyarbeit bei Politikern, die Auftritte in Schulen, die Platten, die Website bringen Ergebnisse, weil sie helfen, eine Realität sichtbar zu machen, die ansonsten verborgen bliebe.

Die Vertreterinnen des Kurdischen Frauenbüros für Frieden (Düsseldorf) stellen den "Entwurf für einen neuen Gesellschaftsvertrag" der PJA vor. Er kommt mir bestürzend naiv und rigide vor. Wie wichtig ist das? Wichtig ist, dass er diskutiert wird. Wichtig ist, dass er sichtbar ist. Und in diesem Sinn ist vielleicht OOTW weniger ein Labor als eine Lupe. Es gäbe noch einiges, was von dieser Lupe vergrößert zu werden verdiente.

IV Rost

Auf der Rückfahrt. Der Zug rollt in Höhe Dortmund an ganzen industriellen Geisterstädten vorbei. Sind es Kokereien, Eisenhütten, Walzwerke? Leer, rostig, im Begriff überwuchert zu werden, steht die Moderne von gestern in der Gegend herum. Das charmant größenwahnsinnige Programm von OOTW 3 wies natürlich neben allem anderen auch einen Workshop zu der Frage auf, wie wir in zehn Jahren arbeiten wollen. Beim Anblick der gigantischen Alteisenlager um Dortmund herum kommt man auf die Idee, dass diese Frage auch noch jemand anders betreffen sollte als die Handvoll Leute, die sich in Bremen getroffen haben. Noch besser wäre es natürlich, wenn das nicht vor allem unter dem Aspekt geschehen würde, wie man möglichst viel aus der Zukunft herausholen kann, sondern unter dem, wie Menschen mit dieser Zukunft leben können. Aber, natürlich, die Verhältnisse sind nicht so. Zu OOTW kamen diesmal weniger Leute als das letzte Mal. Man kann nur hoffen, dass dieses Mal nicht das letzte Mal für OOTW gewesen ist.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15105/1.html
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