Die überwachte Stadt

03.07.2003

Das Pentagon will ein Videoüberwachungssystem entwickeln, das automatisch alle Bewegungen von Fahrzeugen analysieren und zurückverfolgen kann

In den USA erlebt Grundlagenforschung der besonderen Art wie in den Zeiten des Kalten Kriegs wieder mit angeschwollenen Rüstungsbudget eine Blüte. Die Bekämpfung des Terrorismus im In- und Ausland scheint die Fantasie anzuregen und bringt im Umkreis der Darpa, der Forschungsabteilung des Pentagon, allerlei Visionen von neuen Waffensystemen (Globale Angriffs- und Zerstörungskapazität) oder Robotern (Denn sie sollen wissen, was sie tun) und auch von Überwachungs- und Datenerfassungstechnologien hervor (Datamining und Gerüchte-Sammeln gegen den Terror). Gerade ist wieder einmal eine Projektausschreibung bekannt geworden. Ein wenig oder auch bewusst irreführend genannt, soll ein System Combat Zones That See (CTS) entwickelt werden, das mit intelligenten Videoüberwachungskameras eine ganze Stadt überwacht.

Mit CTS, das perfekt in die Entwicklungslinie von Überwachungsprojekten wie dem Total Information Awareness System (Weltweites Schnüffelsystem) oder LifeLog (Ölpolitik) passt, soll ein Stadtgebiet mit Tausenden von Kameras permanent überwacht werden. Damit sollen automatisch vor allem alle Autos und ihre Insassen, aber auch Fußgänger über Gesichts- und Mustererkennung identifiziert und über das gesamte Stadtgebiet hinweg verfolgt werden können. Computerprogramme sollen den immensen Datenfluss selbständig analysieren, ungewöhnliches Verhalten feststellen und "Verbindungen zwischen Orten, Menschen und Aktivitätszeiten" schaffen.

Die gesamten Aufzeichnungen will man auch speichern, um in der Lage zu sein, nach einem Ereignis wie einem Anschlag oder einem Überfall ein Auto oder die Täter zurück- und weiterverfolgen zu können. Damit ließe sich womöglich feststellen, woher die Täter kommen und wohin sie flüchten, wen sie getroffen und was sie an anderen Tagen gemacht haben. Begründet wird die Notwendigkeit des Systems militärisch. In urbanen Gebieten seien militärische Operationen äußerst gefährlich:

Straßenschluchten und Verstecke im Überfluss lassen Fernüberwachung von luft- oder weltraumbasierten Plattformen unwirksam werden. Die kurzen Sichtverhältnisse neutralisieren einen Großteil der Fern- und Situationsüberwachungsvorteile, von denen die US-Streitkräfte gegenwärtig profitieren. Viele Zivilisten und das stets präsente Risiko von Kollateralschäden schließen den Einsatz überwältigender Gewalt aus. Stadtkämpfe wurden daher als etwas betrachtet, was man vermeiden sollte. Moderne asymmetrische Bedrohungen versuchen jedoch, diese Begrenzungen für sich zu nutzen, indem man sich in Städten versteckt und die US-Streitkräfte zwingt, in Städten zu kämpfen.

CTS soll jetzt "erstmals" Überwachungssysteme schaffen, die automatische die Videobilder analysieren, um die Informationen zu jeder Zeit zu liefern, die für Militäroperationen in Städten erforderlich sind. Vorstellen kann man sich den Einsatz eines solchen Systems für Städte, die bereits eingenommen sind und wie beispielsweise die Städte im Irak überwacht werden sollen, um Widerstandsaktionen besser erkennen und bekämpfen zu können. Allerdings sollte man meinen, dass ein solches Überwachungssystem auch zu einem primären Ziel von Gegnern werden sollte, während ein Einsatz in einer Nichtkampfzone etwa zur Verbrechensbekämpfung wesentlich sinnvoller erscheint.

Nach der Darpa-Sprecherin Jan Walker soll CTS aber keinesfalls für Zwecke der Polizei oder des "Heimatschutzministeriums" entwickelt werden. Angeblich könne man es zu anderen als den vorgesehenen militärischen Zwecken auch nur mit "großen Veränderungen" nutzen. Das ist wenig glaubwürdig schon auch deswegen, weil Möglichkeiten, dies es einmal gibt, egal, wo sie entwickelt werden, dann auch zu anderen Zwecken verwendet werden können, zumal in der Sicherheitshysterie, die derzeit in den USA herrscht und von der Bush-Regierung geschürt wird. Ansatzweise wird ein Videoüberwachungssystem in London bereits zur Verkehrskontrolle, aber auch im Rahmen der Strafverfolgung eingesetzt (Terrorabwehr und Staureduktion).

Kritiker wie Steven Aftergood von der American Federation of Scientists (FAS) warnen denn wohl auch zurecht davor, dass dann, wenn einmal ein solches System entwickelt ist, Unternehmen eigene Versionen produzieren und für alle möglichen Zwecke auf den Markt bringen werden. Und selbst wenn aus amerikanischer Perspektive CTS, sollte es jemals einsatzfähig sein, nur in ausländischen Städten eingesetzt werden, so wird die Stadtüberwachung dennoch nicht für etwaige Verbrecher, Terroristen oder Befreiungskämpfer, sondern auch für alle anderen Bürger höchst aufdringlich werden, wenn ihre Aktivitäten im öffentlichen Raum möglicherweise noch wochen- oder monatelang rückverfolgbar sein sollten.

Darpa investiert in das Projekt erst einmal bis zu 12 Millionen Dollar über einen Zeitraum von drei Jahren. Entwickelt werden soll es in zwei Stufen. In der ersten Phase soll ein kleines System mit auf dem Markt angebotener Technik fertiggestellt werden, das in Fort Belvoir, Virginia, installiert wird und als Testplattform dient (angeblich, um Truppen zu schützen). Hauptzweck ist, Fahrzeuge über größere Entfernungen hinweg mit an relativ weit voneinander entfernten Orten angebrachten Überwachungskameras verfolgen zu können. Mindestens 30 Kameras sollen es sein.

Als zweiter Schritt ist eine Installation in einer ausländischen Stadt angedacht. Womöglich kämen Kabul oder Bagdad dafür in Frage. Als Anwendungszweck werden hier militärische Operationen in urbanem Gelände (MOUT) für mobile Einheiten genannt. Demonstriert werden müsse die schnelle Installation eines solchen Überwachungssystems. in 12 Stunden sollen mindestens 100 Kameras einsatzbereit sein.

Ende März ist das Projekt möglichen Vertragspartnern bereits vorgestellt worden. Hier wurde darauf hingewiesen, dass das System sowohl für die Polizei als auch für das Militär nützlich sein könnte. Als Beispiel für eine Anwendung wurde von der Darpa ein terroristischer Anschlag auf einen Bushalteplatz sowie ein Bombenanschlag auf eine Disco in Sarajewo beschrieben, die einen Monat auseinander liegen. Mit dem gewünschten CTS-System sollte die Bewegung eines jeden Fahrzeugs, das die Tatorte eine Stunde vor den Anschlägen passiert hat, zurückverfolgt werden können. Ihre Fahrwege sollten verglichen und Fahrzeuge identifiziert werden, die vom selben Ort kommen oder zum selben Ort fahren.

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