Ehrgeizige Ziele

Thorsten Stegemann 07.07.2003

Europa will die führende Raumfahrtmacht des 21. Jahrhunderts werden

Vor wenigen Tagen endete in Paris eine viermonatige Konsultation über die Zukunft der europäischen Raumfahrt, die nicht nur von den Teilnehmern, sondern auch von vielen Beobachtern als Meilenstein und durchaus ernsthafter Versuch gewertet wird, sich langfristig gegen die amerikanische Konkurrenz zu behaupten.

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Der aktuelle Vorsprung der USA basiert auf der größeren Einheitlichkeit der Zielvorstellungen, vor allem aber auf dem Umstand, dass in Amerika - vor allem durch NASA und Pentagon - sechs Mal so viel Fördergelder in die raumfahrtrelevante Forschung und Entwicklung fließen als im alten Europa.

Daran soll sich in absehbarer Zeit einiges ändern. Auf der Abschlusskonferenz, an der auch EU-Forschungskommissar Philippe Busquin und Generaldirektor Antonio Rodotà von der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) teilnahmen, wurden deshalb erste Schritte und langfristige Planungen beraten. Zunächst soll die Koordination zwischen allen Sektoren auf EU- und internationaler Ebene deutlich verbessert, der unabhängige europäische Zugang zum Weltraum gesichert und ein flexibles System zur Finanzierung der verschiedenen Programme entwickelt werden.

Doch mit diesen allgemeinen Einschätzungen gaben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diesmal nicht zufrieden. Stattdessen wurden eine Reihe weiterer Einzelheiten diskutiert. Dabei ging es um die Schaffung eines Rates der Raumfahrtminister, den Einsatz von Mehrzweck-Satellitensystemen, die Entwicklung eines institutionellen Marktes für Kommunikation und Navigation, die Einrichtung einer Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsagentur, eine optimalere Karriereplanung für sämtliche Mitarbeiter, ein effizientes gesamteuropäisches Datenverarbeitungssystem, die Nutzung der Internationalen Raumstation als Stützpunkt für Schwerelosigkeitsforschung, ein Programm für nahtlose Breitbandkommunikation, eine bemannte Mars-Mission innerhalb der nächsten 30 Jahre und schließlich um die Verdoppelung der Fördermittel für die europäische Forschung. Fast zeitgleich wurde übrigens der neue European Space Technology Master Plan vorgestellt, der die technologische Entwicklung innerhalb der europäischen Weltraumforschung vorantreiben und effektiver koordinieren soll.

Die Konferenz hat zweifellos dafür gesorgt, dass die neue Ära, die mit der Vorstellung des Grünbuchs über die europäische Weltraumpolitik im Januar 2003 eingeläutet wurde, nicht nur episodischer Natur war. Trotzdem kann derzeit noch nicht abgeschätzt werden, was von den hochgesteckten Zielen am Ende übrigbleibt. Das Europäische Parlament wird erst im September zum Grünbuch Stellung nehmen, woraufhin die Kommission dann im Oktober ein Weißbuch zur europäischen Weltraumpolitik nebst detaillierten Aktionsplänen vorstellen soll. Einen Monat später könnte dieses Dokument dann vom Rat der Europäischen Union im Rahmen einer Konferenz der für Wettbewerb zuständigen EU-Minister erörtert werden.

Forschungskommissar Philippe Busquin ist trotz der langen Wege und dunklen Kanäle, die einer spontanen Entscheidungsfreudigkeit in Europa auch zukünftig immer wieder im Wege stehen dürften, optimistisch, dass der gemeinsame Wille aller Beteiligten den einen oder anderen Berg versetzen kann:

Die Konsultation hat sich als erfolgreiches Beispiel demokratischen Zusammenwirkens und gemeinschaftlicher Kreativität erwiesen. (...) Mit einem starken politischen Engagement seitens aller maßgeblichen Raumfahrtakteure und anhaltender Unterstützung durch die Öffentlichkeit können wir Europa zur führenden Raumfahrtmacht des 21. Jahrhunderts machen.

Mit einem offensiveren Weltraumprogramm, das auch militärischen Zwecken dienen wird, gerät die EU auch in Konkurrenz zu den USA: Das Pentagon strebt absolute militärische Dominanz im Weltraum an. Erste Konflikte gab es schon wegen des von der EU geplanten Navigationssatelliten-System Galileo, durch das sich Europa aus der Abhängigkeit vom GPS herauslöst. Konkret wird über die militärische Nutzung des Weltraums nichts gesagt, aber die Ausrichtung, auch hier die Abhängigkeit von den USA durch eigene Systeme zu reduzieren, wurde doch deutlich formuliert:

Die Raumfahrt ist heute ein wesentlicher Faktor für die Umsetzung europäischer Ziele und Maßnahmen, insbesondere im Zusammenhang mit einer nachhaltigen Entwicklung, dem Umweltschutz, Verkehr und Mobilität sowie der Informationsgesellschaft. Raumfahrtanwendungen liefern ferner Antworten auf neue Fragen im Zusammenhang mit der Sicherheit, die sich im Rahmen der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der EU (GASP) und der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) sowohl für den Schutz der Bürger als auch im militärischen Bereich stellen.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15139/1.html
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