Der Auserwählte ist genervt

Katja Schmid 06.07.2003

Weil sich Außerirdische ein Bett in seinem Kornfeld gemacht haben

Sie kamen in der Nacht. Haben ein bisschen im Kornfeld geparkt und sind dann wieder abgedüst. Was sie halt so machen, die Außerirdischen. Tut ihnen sicher leid, das mit den abgeknickten Halmen. Ist aber leider so, dass auch das gemeine U.F.O. der Erdanziehungskraft unterliegt und hier und da Abdrücke hinterlässt. Kleiner kosmischer Kollateralschaden sozusagen.

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Jedenfalls hat das schöne Weizenfeld von Larry Balestra jetzt ein paar kreisrunde, platte Stellen. Von oben betrachtet sieht das Ganze aus, als wäre der kleine Bruder vom Brüsseler Atomium umgefallen. Balestra interessiert das alles nicht. Er denkt bei den runden Löchern im goldgelben Korn an Geld. Genauer gesagt an die Abwesenheit von Geld. Denn umgenieteter Weizen lässt sich nicht mehr ernten. Den Verlust schätzt Balstra auf etwa 500 Dollar. Das ist zwar nicht die Welt, aber Balestra ärgert sich trotzdem.

Laut San Francisco Chronicle halten ihn seine Nachbarn schon länger für den "Auserwählten". Das findet Balestra gar nicht lustig. Im Gegenteil. Er ist genervt. Und hat auch kein Verständnis für die Kornkreis-Pilger aus nah und fern, die seit Tagen in seinem Feld herumtrampeln, mit den Armen wedeln, vor sich hinsummen und sich auf den geschundenen Feldfrüchten herumwälzen. Weil das angeblich ihre Rückenschmerzen, ihr Asthma und allerhand sonstige Leiden lindert. "Manche Leute haben einfach zu viel Zeit", sagt Balestra.

Als er den Schaden vergangenen Samstag entdeckte, hatte er sofort ein paar nachtaktive Scherzbolde im Verdacht. Auch der Nachbarsjunge glaubt nicht an Außerirdische, sondern seinem großen Bruder. Und der will in der Nacht zum Samstag einen Scheinwerfer gesehen haben im Kornfeld. Er dachte an eine Art Motorrad - und weiß Gott nicht an fliegende Untertassen. Lily Kyle - Pilgerin aus Ukiah - und Carolyn North - Autorin zweier Bücher über Kornkreise - ficht das nicht an. Sie spüren kosmische Kräfte in Balestras Kornfeld. Und während Balestra auf dem Schaden sitzen bleibt, verkaufen die Nachbarn Erdbeeren und andere Leckereien an die Schaulustigen.

Tja, Auserwählte habens schwer. Christen wussten das schon immer. J.R.R. Tolkien, J.K. Rowling und die Wachowski-Brüder offenbar auch. Jedenfalls sind die Geschichten von Frodo Baggins, Harry Potter und Thomas Anderson alias Neo über weite Strecken Leidensgeschichten. Typisch für die - meist mehrteilige - Geschichte des Auserwählten ist außerdem, dass erst mal die so genannte Geburt des Helden inszeniert wird. Dieser Vorgang zeichnet sich dadurch aus, dass der Auserwählte sich mehr oder weniger heftig dagegen wehrt, ein Auserwählter zu sein. Indem also Larry Balestra sich dagegen verwehrt, der Auserwählte zu sein, entspricht er exakt den Erwartungen, die seine Anhänger - mehr oder weniger bewusst - an ihn haben. Teufelskreis Kornkreis.

Wer hierzulande Kornkreise entdeckt, kann sie übrigens hier melden. Bei Besuchen vor Ort sollte man allerdings ein paar Verhaltensregeln beachten. Die Macher der Website haben nämlich nicht nur festgestellt, dass Kornkreise jährlich auftreten, faszinieren, Spaß machen und Rätsel aufgeben - sondern auch, dass sie verärgern.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15140/1.html
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