Mit Briefmarken und Markenrechten gegen den Copyright-Wahn

Janko Röttgers 08.07.2003

In San Francisco wurde die Ausstellung "Illegale Kunst" eröffnet, die sich kreative Kritik an restriktiven Urheber- und Markenschutz-Rechten auf die Fahnen geschrieben hat

Barney Flintstone in einer Blutlache. Sesamstraßen-Bert erhängt. Bart Simpson gefesselt und paralysiert. Diana Thorneycrofts Zeichnungen zeigen bekannte Cartoon-Figuren in blutigen und tödlichen Szenen und wollen damit die Gewalt kindlicher Spiele thematisieren. Einer kanadischen Galerie ging das zu weit, eine bereits vereinbarte Ausstellung wurde kurzerhand abgesagt. Schuld daran war aber nicht etwa die gewalttätige Natur der Bilder, sondern deren prominente Motive. Der Anwalt der Galerie fürchtete, damit gegen kanadische Urheberrechte zu verstoßen. Zu sehen sind Thorneycrofts Bilder dafür jetzt in San Francisco im Rahmen der Ausstellung Illegal Art - Freedom of Expression in the Corporate Age, die in der vergangenen Woche ihre Pforten eröffnete. Diese Werkschau versammelt auf kleinem Raum Ausstellungsstücke zahlreicher Künstler, die mehr oder weniger freiwillig die Grenzen im Spannungsfeld von Kunst, Meinungsäußerung, Copyrights und Markenrechten ausloten.

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Dazu gehört auch der US-amerikanische Künstler und Kommunikationswissenschaftler Kembrew McLeod, der sich vor einigen Jahren den Begriff "Freedom of Expression" markenrechtlich schützen ließ. War der Rechtsanspruch anfangs nur als begrenzte Kunst-Aktion im Rahmen eines kontrollierten Experiments gedacht, so geht McLeod jetzt einen Schritt weiter. Im Januar diesen Jahres kündigte er an, den Telefonkonzern AT&T verklagen zu wollen, da dieser "Freedom of Expression" ohne seine Genehmigung für eine Anzeigenkampagne genutzt habe.

Starbucks gegen Consumer Whores

Damit dreht Kebrew McLeod einmal den Spieß um, der sonst so oft auf Künstler und ihr Schaffen gerichtet ist. Teil der Ausstellung sind auch zahlreiche Werke, deren Verbreiten durch Konzerne und ihre Anwälte verhindert wurde. Dazu gehören beispielsweise die Consumer Whore-Comics des Zeichners Kieron Dwyer, für die er eine Parodie des Starbucks-Logos entworfen hat. Der Latte-Riese zeigte sich davon gar nicht erfreut und verklagte Dwyer. Den letztlich erzielten Vergleich kommentiert die Ausstellung mit den Worten:

Kurz gesagt ist Dwyer erlaubt, das Logo zu benutzen, so lange Starbucks sicher sein kann, dass niemand es sieht.

Weitere mittlerweile verbannte Ausstellungsstücke: Die U2-Single der notorisch Copyrights missachtenden Band Negativland, das Beatles-Cover der Residents-Platte "Meet the Residents" von 1974 und ein parodistischer Comic einer Orgie in Disneyland.

Rechtliche Probleme könnte auch Michael Hernandez de Luna bekommen, dessen gefälschte Viagra-Briefmarken in San Francisco zu sehen sind. De Luna hat bereits zahlreiche Briefmarkenmotive entworfen und über Briefe an Freunde und Galerien in Umlauf gebracht. Damit verletzt er nicht nur immer wieder Markenrechte wie etwa das des Viagra-Herstellers Pfitzer. Das Fälschen von Briefmarken ist zudem wie das Fälschen von Banknoten eine Straftat. Wer sie nutzt, begeht nochmals Betrug. Trotzdem haben die derzeitigen Gastgeber der Ausstellung von der MOMA Artists Gallery nach eigenem Bekunden keine Anwälte konsultiert, bevor sie diese nach San Francisco holten.

Rechtliche Probleme haben auch die Ausstellungsmacher selbst noch nicht bekommen - und das, obwohl die Show bereits in New York und Chicago zu sehen war und die begleitende Illegal Art-Website seit Monaten zahlreiche MP3s mit Musik ungeklärter Samples von Vanilla Ice über The Verve bis zu den Beastie Boys zum freien Download anbietet. Doch einer Ausstellung, die sich kritisch mit Urheberrechten auseinandersetzt, wegen Copyright-Verletzungen mit dem Anwalt zu drohen? Auf eine derartige PR-Katastrophe will sich offenbar niemand einlassen.

Illegal Art - Freedom of Expression in the Corporate Age ist noch bis zum 25.7.2003 in der SFMOMA Artists Gallery zu sehen. Wer nicht vorbeischauen kann, findet Informationen zu zahlreichen Werken sowie Audio- und Videomaterial auch im Web.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15157/1.html
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