Das UFO sind wir

Peter V. Brinkemper 09.07.2003

Party an einer übervölkerten Milchstraße? Der Rücksturz von Raumpatrouille Orion ins Kino

Die Kultserie des öffentlich-rechtlichen Fernsehens Raumpatrouille - Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffs Orion kehrt in neuer Form zurück auf die Leinwand: Der Kinofilm "Raumpatrouille Orion - Rücksturz ins Kino" liefert einen digital aufpolierten Zusammenschnitt der sieben Schwarzweißfolgen der Koproduktion zwischen Bavaria-Atelier, einem Teil der ARD und dem französischen ORTF aus dem Jahr 1966. Ein Hit oder eine verpasste Chance?

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Die "Orion"-Serie war ein besonders kreatives Gebräu fürs erste deutsche Programm aus den brodelnden Bavaria-Studios. Man hatte das Gefühl, das öffentlich-rechtliche Fernsehen, die Zukunft und das All seien eins. Im Zeitsprung 1966/3000 war die Welt eine einzige schnelle Scheibe, eine feuchtfröhliche Raumschiff-LP. Das Fernsehen funktionierte als intergalaktische Zauberkugel: Durchs Bild raste vor dem schwarzen Samt des Sternenübersäten Alls ein heller flacher Diskus, dessen Form man kaum erraten konnte: am äußersten Rand mit konzentrisch verschachtelten Etagen, auf der oberen Wölbung mit rotierendem Polizei-Blinklicht, drei Laserwerfer-Dornen und Lancett-Schächten und im Unterbau ein klobiger Teleskoplift.

Begleitet wurde das schnelle Gefährt durch den absurden Sound eines genotzüchtigten Tongenerators. Das genügte für eine junge Generation, um sich auf dem kleinen grauen Bildschirm des noch mit Holzbeinen und Schiebetür versehenen TV-Wohnmöbels (dem Archetyp der späteren Mondfähre) das All als unendliche und doch durch Hyperraumsprünge erreichbare Kino-Größe vorzustellen, sauber von der Obersten Raumbehörde in Quadranten (z.B. Zehn/Ost 00) eingeteilt. Am Rand dieses Universums mussten Cliff Alistair McLane (Dietmar Schönherr) und seine Crew auf der Orion VII und später VIII strafweise Raumpatrouillen-Dienst versehen. Sie hatten Aufträge für Raumkadetten zu erledigen (z.B. Messdaten auswerten und Sonden reparieren) und kamen dabei doch rechtzeitig auf die Spuren der bösen Aliens, den gallertartig flimmernden bösen Frogs mit ihren ruckartig sich fortbewegenden Zackenschiffen. Das waren übrigens humorlose Hyperintelligenzen, die Alkohol und Sauerstoff wie die Pest scheuten. Fern-Sehen war eine gelebte Utopie des galaktischen Wir-Gefühls, lustvoll-schmerzliche sieben Folgen lang, mit packenden Titeln wie "Angriff aus dem All, Planet außer Kurs, Die Hüter des Gesetzes, Deserteure, Der Kampf um die Sonne, Die Raumfalle, Invasion".

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Der Trailer der Serie versprach ein reales "Märchen von Übermorgen": Das All und die Erde wimmeln von Kolonien, Stützpunkten und Flottenverbänden der vereinten Menschheit. Vorbei sind die schmachvollen Intergalaktischen Kriege. Ein labiles Gleichgewicht aus terrestrischer ziviler Regierung, militärischem Kommando und Galaktischem Sicherheitsdienst (GSD) ermöglicht der Menschheit, das All mehr oder weniger problemlos zu kontrollieren.

Alle arbeiten als "winziges Element" für ein gigantisches Sicherheitssystem, für die große Arbeitsbeschaffungsmaßnahme schlechthin. Die verbleibenden Kämpfe drehen sich um reine Zuständigkeiten zwischen Verantwortlichen (Marschall Wamsler, alias Benno Sterzenbach), Strebern (Spring-Brauner) und Könnern (Cliff McLane). Die Folgen der Überbevölkerung sind durch geräumige Unterwasserstädte oder durch Migration auf ferne Planeten gelöst worden. Die Stimmung der privilegierten Erdbewohner hat die respektlose Frivolität von verwöhnten Lebewesen erreicht, denen es einfach galaktisch zu gut geht und die - im Vorfeld eines planetaren 68 - jede Autorität und Alphaorder als Zumutung einer fremden Besatzungsmacht empfinden. Den großen Bruder bekämpft das große Luder.

Man zerlegt Befehlsketten, deutet Anweisungen um und flirtet unentwegt bei privaten und dienstlichen Gesprächen per Visiophon, angezogen und nackt, sogar in Startbasen und bei Fernrufen weit über Erdaußenstellen hinaus. Das Vitamin B hilft ein gutes Stück durch die Milchstraße und zurück auf die Erde. Das submarine Starlight-Casino ist der eigentliche Start- und Landepunkt der Serie, er liegt gleich neben der Unterwasserbasis 104 - einer Montage des leergefegten Münchner Königsplatz, ergänzt durch Lichtkuppeleffekte. Hier erfolgte der Aufstieg der Orion durch den vergrößerten Sprudel einer ausnüchternden Alka-Selzer-Tablette bis zum Badewannen-Wasserkrater und von dort in die letzten Ausläufer der Ionosphäre. In einer so submarin abgetauchten und doch stets verteidigungsbereiten Vergnügungswelt hat das missionarische Heilsbewußtsein kosmischer Musterknaben kaum Chancen. Ausgestorben ist die Sorge um die Erfüllung der menschheitlichen Pflicht, die die neurotischen Langzeitflüge der Enterprise beherrschte, obwohl ihre Endlosfolgen das Universum - allen Fremd-Rassen und Wurmlöchern zu Trotz - eher kleingemacht haben.

In der "Orion" führen die Helden nach ihren spritzigen Weltraumabenteuern nach Hause, führten unanständig-infantile Paarungstänze auf, erwiesen sich als militante Süchtlinge von Abenteuern und Vergnügungen der ganz menschlichen Art, als ob jeder Tag nur einer einzigen alkoholisierten Gattung und ihrer zufälligen Vermehrung im All gewidmet wäre. Der sprachlose Song "Take Sex" ist Programm: das Lied eines volltrunkenen Astronauten, der im Dschungel seiner Begierden wie ein aufgeschreckter Schimpanse herumkreischt. Die vergrößerten Südseefische gucken neidisch zu, ob mit Overkill nicht auch die Auswüchse der Liebe 3000 gemeint sind. Dabei langweilt sich Onkel Cliff mit seinem Neffen zwischen den Weltraumabenteuern und Liebesaffären in seinem Bungalow zu den Klängen von "Pizzicato in Heaven", einer genialen Muzak, im Crossover zwischen der Peter Thomas Kernband und den "Strings" der Münchner Philharmoniker.

Der Ulk der Moderne für eine Generation ohne Raum

Natürlich kann man aus heutiger Sicht über Tricks, Ausstattung, Sound und die Dialoge lächeln. Z.B. auf das Luftloch oben in den allseits einsehbaren Kinderhelmen, in denen der Schweiß in Strömen über die Gesichter floss. Aber die Qualität von "Raumpatrouille" war eine ausgefeilte, meist filmreife Studio-Bildregie, die mit Plastik, Glas und Stahl, direkter und indirekter Beleuchtung, Monitoren, Projektionen und Zentralschirmen die Magie eines Kommandostandes der "Orion" oder der "Hydra" aus dem Warensortiment der expansiven Industrie- und Konsumgesellschaft feierte. Die vielzitierte Zweckentbindung von Bügeleisen, Luxus-Wasserhähnen, Bleistiftanspitzer, Speiseeiszangen und Plastikbecher hatte ihren Sinn im modernistischen Ulk einer forschen Studioinszenierung, die durch Objektverfremdung, Platzverschwendung und sorgfältige Personenregie eindrucksvoll das Weltall als Luxus der puren Leere auf die flimmernden Bildschirme enger Etagenwohnungen übertrug und den geburtenstarken Jahrgängen der 50er Jahre die Phantasie - wenigstens nach mehr Raum - entzündete. Die eindeutige Botschaft war: "Das UFO sind wir." Und die junge Generation nahm diese Botschaft unter den psychedelischen Klängen von "Jupiters Pop Music" bereitwillig an.

Vor allem die Leistung der Schauspieler sorgte dafür, dass die "Orion" und ihr Techno-Slang ein dramatisches Ereignis wurde: Dietmar Schönherr (die Synchron-Stimme von James Dean) barst vor jugendlicher Renitenz, dem seine anarchistischen Crewmitglieder (der treue Maschinen-Hasso, Claus Holm, der einfühlsame Navigations-Atan, Friedrich. G. Beckhaus, der selbstverliebte Kampf-Super-Mario und spätere Blaubär Wolfgang Völz, und die eifersüchtige Ortungs-Helga, Ursula Lillig) in nichts nachstanden. Es sieht heute noch so aus, als lauerte hinter jeder stellaren Gefahr nur eine neue Gelegenheit zu einer Sternen-Party, ob nun auf MZ 4 Außerirdische mit tödlichen Folgen auftauchen, ob eine Nova, größer, heißer und bedrohlicher als der Asteroid in "Armageddon", auf die Erde gehetzt wird, Kolonie-Roboter oder Kriminelle den Menschen m Raum die Führung aus der Hand reißen, ein venusischer Frauen-Planet die Sonne zum Unheil der Terraner anzapft, oder die Frogs zum Frontalangriff übergehen und dabei ausgerechnet den Chef des irdischen GSD, Oberst Villa, zum Zombie (Friedrich Joloff) umkrempeln.

Die "Orion" antwortet nicht, sie verschwindet von den Bildschirmen der Obersten Raumbehörde, um die Menschheit mit intelligenten Tricks und Haken zu retten. "Laurin lässt grüßen." Die erotischen Highlights der Serie setzen eindeutig die Frauen, die ihren Mann in jeder Beziehung standen: Eva Pflug (die unterkühlte Synchronstimme für Hollywood-Produktionen, wie Julie Christie in "Dr. Schiwago") als katzenäugige GSD-Beamtin Tamara Jagellovsk zur Überwachung auf die Orion abkommandiert; McLanes Dienstvorgesetzte und großer herber Schwarm General Lydia von Dyke (Charlotte Kerr, damals verheiratet mit Friedrich Dürrenmatt) und schließlich Margot Trooger, die üppig vor sich hinschwelgende Sie, die Herrscherin von Chroma, einem grünen Parkplaneten, der Männer nur noch als Gärtner, nicht aber als Krieger kennt. Enganliegende Raumanzüge und weitausgeschnittene Tanzkostüme sind im interstellaren Maßstab austauschbar, während Star-Trek-Kollegin Lt. Ohura trotz Mini meist züchtig in der Ecke vor ihrer Schalttafel hocken muss, bis Kirk sie bei Bedarf mal abfragt.

Ploinkh and so on

Das größte Lob gebührt nicht allein der Regie (Braun und Metzger), den Kameraleuten (Hasse und Hassenstein), den Drehbuchautoren Honold und Larsen, dem Bühnenbildner Rolf Zehetbauer (Das Boot) oder dem Trickmeister Theo Nischwitz. Das All, die Angst und die Aliens wurden in "Raumpatrouille" erst Realität durch Peter Thomas' "Soundorchester" mit dem "New Astronautic Sound". Sein abgefahren quietschender High-Fi-Studio-Pop war ein langerprobter Vibrations-Mix aus Jazz-Instrumenten (E-Gitarren, Bläsern, Errol-Garner-Klavier, E-Orgel), klassisch-symphonischen Streichern, seichten Schlagermotiven und minimalistischer Unterhaltungs-Musac, Schockmomenten der Avantgarde-Musik, einem breiten Spektrum zwischen gefällig-mattem Echtton, hysterischem Vokal-Sing-Sang und beißend-glühender Elektronik.

Thomas gibt sich bis zur Albernheit bescheiden: "Vergessen möcht' ich nicht die mannigfaltigen Effekte, wie schraap-schraap, ploinkh and so on." Er verlieh der Schwarzweiß-Serie eine vor allem auf LP und CD nachvollziehbare stereophone Leuchtkraft und Farbigkeit. Die älteren Edgar-Wallace- und Jerry-Cotton-Klänge erfuhren eine intergalaktische Modernisierung, ihre toxischen Impulse, ihr Sex and Crime, wurde gefährlich verstärkt und unheimlich abstrahiert, um fast am melodischeren Morricone vorbeizuziehen und "Portishead" und "Pulp" (welche Peter Thomas bewusst zitieren) um Jahrzehnte vorwegzunehmen.

Der Kinofilm -Verkleinerung der Unendlichkeit?

In der am 24. Juli startenden Kinofassung werden die sieben "Orion"-Folgen auf Spielfilmlänge zusammengeschnitten. Die frischgetaufte Literaturpäpstin Elke Heidenreich wird in der neu produzierten "Sternenschau" als Nachrichtenoffzier Helma Krap von Episode zu Episode führen. Schon jetzt sieht es so aus, als ob die Serie genau dadurch die ihr eigene dramatische und interstellare Dimension verliert: Nichts gegen Helma Krap. An ihr kommt zur Zeit eben keiner vorbei. Aber sie steht an der Sternenschau-News-Theke im tristen Stil der utopielosen Gegenwart und verkleinert damit das alte Zauberbild der Unendlichkeit von Raum und Zeit hinter ihr. Genau so springen heutige News-Designer mit der irdischen Welt und ihren Konflikten um.

Die alten rebellischen Stars lächeln meist auf weit über 70 Lebensjahre zurück. Wolfgang Völz ist immer noch busy, grüßt aber freundlich zurück, wenn man ihm auf der Ehrenstraße in Köln einen guten Tag wünscht. Aber ein neuer, konsequenter Raumpatrouillen-Film, der eine wimmelnde Kette von Geschichten aus den Starlight-Casinos in den Unterwasserbasen und Mondwüstenstationen im Pop-Rhythmus entlang einer übervölkerten Milchstraße feiert, wurde zwar öfters angedacht, ist immer noch nicht in Sicht. Und solange gibt es kein Vorwärts, sondern nur ein Rücksturz im europäischen Kino.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15160/1.html
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