Netizen oder: Demokratie schaffen

Ronda Hauben 09.07.2003

Überlegungen zum 10. Jahrestag der Publikation "The Net and Netizens"

Unsere Zeit ist gekennzeichnet von großer politischer Unzufriedenheit in der Welt. Es gibt das Versprechen auf demokratische Gesellschaften, aber das Versprechen ist oft zu weit entfernt von der Lebenswirklichkeit der Menschen. Gleichwohl gibt den weit verbreiteten Wunsch nach einer besseren Welt, nach einer Gesellschaft, in der Demokratie praktiziert und nicht nur vorgegeben wird. In dieser Situation entstehen die Fragen: "Wie sieht Demokratie aus? Wie funktioniert sie? Gibt es funktionierende Modelle, die man beobachten und von denen man lernen kann?"

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Glücklicherweise gibt es ein Modell, das sich untersuchen lässt, eine Praxis, die sich erforschen lässt. Vor 10 Jahren, am 6. Juli 1993, veröffentlichte der damalige Student Michael Hauben, der mit 28 Jahren plötzlich vor zwei Jahren gestorben ist (Death of a Netizen), einen Text im Internet. Sein Titel war "Common Sense: The Net and Netizens". Sein Beginn lautete:

Willkommen im 21. Jahrhundert. Du bist ein Netizen (Net Cizizen - Netzbürger) und lebst als ein Weltbürger dank der globalen Verbindung, die das Netz Dir gibt. Du betrachtest Jeden als Mitbürger. Du lebst körperlich in einem Land, aber du bist mit weiten Teilen der Welt über das globale Computernetzwerk verbunden. Praktisch bist du der Nachbar eines jeden Netizen in der Welt. Geografische Trennung wird ersetzt durch ein Leben am selben virtuellen Ort.

Der Text war so lang, dass er in drei Teilen online gestellt wurde: Vorwort, Paper, Appendix.

Der Text führte einen Begriff ein, der sich seitdem online und offline auf der ganzen Welt verbreitet hat. Dieser Begriff kann eine praktische Grundlage anbieten, um ein Demokratiemodell zu erkunden, das für Michael Hauben im Zentrum stand (vgl. auch Netizens).

Das Netz und die Netizens

Eine Wiederbelebung der Macht des Volkes, eine Stärkung der Macht des Volkes. Von unten nach oben (bottom up) ist das Prinzip dieses Artikels.

Interessant an "The Net and Netizens" ist, dass hier die wichtige Rolle des Internetbenutzers bei der Schaffung eines gesellschaftlichen Gutes erkannt und beschrieben wird, das man das Netz nennt. Der "net.citizen" oder netizen war, wie Michael Hauben schreibt, der aktive Agent, der etwas Neues herstellte, den demokratischen Online-Inhalt und die Form des Netzwerks der Netzwerke auf dem Stand von 1993. Der Netizen trug Informationen und Gesichtspunkte bei, die es ermöglichten, über ein Thema oder ein Problem zu diskutieren und zu einer überlegten Schlussfolgerung oder Entscheidung zu kommen. Netiziens werden anderen Netizens helfen, wenn sie dies für wichtig erachten. Die entwickelte Initiative stammte von den Netizens selbst. Als Beispiel wurde eine Mailingliste von einem Iren angeführt, der die wöchentlichen Nachrichten zusammen fasste und an 1000 Menschen auf den ganzen Welt schickte, die über Irland informiert bleiben wollten. Oder Usenet-Newsgroups wie misc.news.southasia und soc.culture.india ermöglichten es Menschen über das Bescheid zu wissen, was in einer Region geschieht. Eine Mailingliste beobachtete die Benzinpreise in Kalifornien und warnte vor Preiswucherern.

Der wichtigste Aspekt dieser neuen Form der Demokratie war allerdings, dass der bislang seiner Bürgerrechte beraubte Leser nun anderen Menschen auf der ganzen Welt Nachrichten und Ansichten aus einer Grassroots-Perspektive zukommen lassen konnte. Gab es zuvor die zentrale Kontrolle der Massenmedien, so konnte nun der Internetnutzer die Online-Welt über ein Ereignis oder ein Wissensgebiet informieren. Netizens konnten auch Bürger-Journalisten werden, um eine größeres Spektrum an Meinungen und Perspektiven auf Themen oder Probleme, eine breitere Grundlage, als sie bislang möglich war, zur Meinungsbildung anzubieten.

Netizens konnten sich online treffen, miteinander diskutieren und aus diesem Prozess heraus entscheiden, welches Ziel sie verfolgen oder welche Richtung sie einschlagen sollten. Michael Hauben betrachtete dieses Prozess als eine Chance für eine Wiederbelebung der Gesellschaft, als eine Möglichkeit, dass diejenigen, die bislang keine Stimme in der Öffentlichkeit hatten, Macht in ihrer Gesellschaft und über ihr eigenes Leben erreichen konnten.

In diesem funktionierenden Demokratiemodell gab es keine Wahlen oder Abgeordnete. Dieser Embryo einer Demokratie war stattdessen auf eine zuvor nicht mögliche aktive Partizipation und die Beiträge der Vielen angewiesen. Michael Hauben beschrieb die Altersstrukturen und Beschäftigungen der über 10 Millionen Computernutzer, die 1993 auf der ganzen Welt vernetzt waren. Zu dieser Zeit wurden die Netzwerkverbindungen durch Gateways zwischen unterschiedlichen Netzwerken wie dem wissenschaftlichen Internet, dem akademischen Bitnet, dem UUCP und Usenet Netzwerk, dem Cleveland Freenet für die Bürger und anderen Netzwerken ermöglicht.

Obgleich der Netizen aktiv an dem sich entwickelnden sozialen Gut mitwirkte, erkannte Michael Hauben die Notwendigkeit, dass Jedem die Möglichkeit geboten werden müsste, zu diesem neuen Kommunikationsmittel Zugang zu haben, um seine Potenziale zu verwirklichen:

Diese vollständige Vernetzung aller Bürger auf der Welt existiert heute noch nicht, und es wird sicherlich ein Kampf notwendig sein, um den Zugang zum Netz zu öffnen und jedem verfügbar zu machen. In der Zukunft werden wir aber die mögliche Erweiterung dessen sehen, was es bedeutet, ein soziales Tier zu sein. Praktisch jedes Individuum kann mit jeder anderen Person in Verbindung treten. ... Internationale Verbindungen koexistieren auf derselben Ebene mit lokalen Verbindungen. Auch die Computernetzwerke ermöglichen eine bessere Verbindung zwischen den Menschen, die miteinander kommunizieren.

Selbst wenn der Weg dahin schwierig ist, so strich Michael Hauben die Wichtigkeit des Ziels heraus.

Trotz der Probleme für die Menschen der Welt stellt das Netz ein mächtiges Mittel zur friedlichen Versammlung dar. Eine friedliche Versammlung ermöglicht es den Menschen, die Kontrolle über ihr Leben zu übernehmen und sie nicht mehr in den Händen von anderen zu lassen. Diese Macht muss geschätzt und verteidigt werden. Jedes Medium und Werkzeug, das den Menschen hilft, Macht zu halten oder zu gewinnen, ist etwas Besonderes und muss geschützt werden.

Der Kern der Demokratie, wie er in "The Net and Netizens" beschrieben wird, liegt bei den Menschen selbst sowie bei ihrer Fähigkeit und ihren Erfolgen, das Wesen und die Entwicklung ihrer Gesellschaft zu bestimmen. Es geht um die Beteiligung einer immer größeren Bevölkerung in diesem Prozess.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15167/1.html
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