Vom Sinn der blutigen Endspiele
Politisch-religiös motivierte Selbstmordanschläge und Massaker mit tödlichem Ausgang des Täters prägen unsere Zeit
In einem Betrieb von Lockheed Martin, dem größten Rüstungskonzern der USA, in der Nähe von Meridian, Mississippi, hat ein Angestellter mit zwei Gewehren 5 Menschen getötet und 8 weitere verwundet. Fast schon symbolisch mag dies demonstrieren, wie in den reichen Ländern sich die Gewalt nach innen richtet und aus dem zivilen Leben heraus erfolgt, während die Gewalt des Krieges höchstens noch weit entfernt in den armen Regionen der Welt stattfindet. Kurz zuvor sind drei Jugendliche in der Nähe von Camden festgenommen worden, bevor sie, ausgerüstet mit Macheten, Gewehren und 2000 Schuss Munition, ein geplantes Blutbad unter zufälligen Passanten anrichten konnten. Vor ein paar Tagen hat ein Schüler in Coburg zwei Lehrer angeschossen und sich anschließend selbst getötet. In Moskau haben sich zwei Frauen mit Sprengstoffgürteln auf einem Festival-Gelände, auf dem sich Zehntausende von Menschen aufhielten, zusammen mit ihren Opfern in die Luft gesprengt.
![]() |
|
| Dylan Klebold and Eric Harris, die 1999 das Columbine-Massaker begangen haben, wurden von einer Überwachungskamera erfasst |
Solange es Jugendliche sind, die sich bewaffnen und dann auf Mordtour wild um sich schießend losziehen, holen Experten schnell zu Gründen aus, gleich ob man sie in ihrer Biographie, im sozialen Umgang oder in (medialen) Vorbildern findet. Die Tat ist ein Hilfeschrei, will jedenfalls etwas anderes, als sie tatsächlich anrichtet. Die Killer, die sich plötzlich verändert haben, sind einsam und Außenseiter, gescheiterte Existenzen, die sich für Demütigungen rächen wollen, kommen aus zerrütteten Familienverhältnissen, sind süchtige Computerspieler, die die Simulation in Wirklichkeit übersetzen wollen, oder begeisterte Zuschauer von Filmen oder was auch immer. Es reiht sich Kompensation an Kompensation, bis sie platzen, weil das "Eigentliche" nicht erreicht wird: Liebe, Anerkennung, Erfolg, Glück, Prominenz, was auch immer. Besonders wenn sich etwas Besonderes und Ausgefallenes wie etwa die Satansmessen im Fall des Coburger Schülers finden lässt, zündet das, weil man das Extreme und Außergewöhnliche mit eben diesem, den Common Sense überzeugend, "erklärt".
|
|
Schließlich wollen Medien und ihre Rezipienten, die kollektiven Aufmerksamkeitsorgane einer Gesellschaft und die durch Spektakel, die die Aufmerksamkeit auf sich lenken, angezogenen und stimulierten Individuen, keineswegs Gewöhnlichkeit oder Normalität als Inhalt. Nur die Ausnahme zählt, die allerdings nicht zu ferne sein darf, sondern noch berühren muss. Ausgefallene, erhabene oder große, möglichst in Ausführung oder Wirkung einmalige Katastrophen, Unfälle, Morde oder Anschläge sind ein Nachrichtenstoff für die Aufmerksamkeitsindustrie der Medien, weil sie eine Wahrscheinlichkeit - und sei sie noch so entfernt - in sich bergen, dass der aufmerkende, aber (räumlich) distanzierte Beobachter ein potenzielles Opfer sein könnte.
Die Grundlage des Außergewöhnlichen ist meist auch, dass dieses Ereignis an diesem Ort oder unter diesen Umständen eigentlich nicht erwartet werden konnte und deshalb völlig überraschend gewesen sei. Typisch ist dafür, was John Smith, der Bürgermeister von Meridian, sagte: "The community is reeling in shock. It is not supposed to happen in a place like this. Nothing like this has ever happened here. We pride ourselves on being the safest city in Mississippi with more than 30,000 people. If we have three to four violent deaths a year that's a surprise to us." Der Angestellte, der sich nach der Schießerei selbst tötete, soll ein Rassist gewesen sein, aber doch zufällig auf seine Kollegen geschossen haben. Begonnen hatte er angeblich, nachdem er kurz zuvor ausgerechnet ein Treffen zur "Arbeitsplatzmoral" verärgert verlassen hatte, zum Parkplatz gegangen war und seine Waffen aus seinem Auto geholt hatte.
Aufmerksamkeit aber ist nicht nur ein kognitives Primärsystem, das sich auf stimulierende Reize richtet, sondern das vor allem auch Gefahren detektieren soll, auf die schnell reagiert werden muss. Auch das ist ein Grund, warum "Negatives" die Nachrichten beherrscht. Das ist eben auch insofern interessanter, weil man daraus lernen kann, Gefahren zu vermeiden. Und dazu ist wiederum nach der Aufmerksamkeit auf das Ausnahmeereignis eine Erklärung wichtig. Durch sie prägt man sich die Zeichen für Gefährliches ein, löscht aber zugleich das Irritierende an einem Ereignis und kann dadurch auf Neues umschalten. Bei einem Trauma funktioniert dieser Vorgang nicht, weswegen das Ereignis permanent wiederholt werden muss (Traumatisierung durch Medienbilder?). Erklärt kann es gewissermaßen abgeheftet werden (und politisch beispielsweise in Verbote umgesetzt werden).
Viele Elemente der angebotenen Erklärungen werden in dem einen oder anderen Fall in der einen oder anderen Kombination zutreffen, aber in aller Regel doch wenig erklären, weil Tausende von anderen Menschen mit ähnlichen Problemen und in vergleichbaren Situationen nicht ein Massaker veranstalten. Die scheint bei vielen auch nicht wirklich spontan, aus einer Erregung heraus zu entstehen, sondern des längeren ausgebrütet und vorbereitet zu werden. Sicher, möglicherweise haben viele Menschen ähnliche Fantasien, aber Angst, sie umzusetzen, während es denjenigen, die ihren Plan in die Tat umsetzen konnten, möglicherweise leichter fiel, weil sie Waffen parat hatten oder sich leicht besorgen konnten. Wie überall schlägt sicherlich auch hier die Ökonomie des geringsten Aufwands durch.
Die Verfügbarkeit von modernen Handfeuerwaffen, die leicht zu bedienen sind und mit denen sich in kürzester Zeit viele Menschen erschießen lassen, ist eine Grundvoraussetzung für diesen Alltagsterrorismus (Die Deutschen rüsten sich auf), den ich auch schon einmal als Aufmerksamkeitsterrorismus beschrieben habe (Ich bin Gott). Alltagsterroristen, die in aller Regel Selbstmordattentäter sind und damit durchaus in einer Nähe zu den mit politischen und religiösen Motiven ausgeführten Anschlägen stehen, greifen allerdings vornehmlich zu Schusswaffen und setzen keinen Sprengstoff ein. Dies ist zumindest beim mittlerweile klassischen Terrorismus der Fall, der nicht mehr einer bestimmten Person gilt, sondern möglichst viele, zufällig an einem bestimmten Ort anwesende Menschen in den Tod reißen soll, um so eine möglichst große Aufmerksamkeit und Angst zu erzielen.
Der Sachverhalt ist merkwürdig, weil sich mit Sprengstoff zumindest an Orten, an denen sich viele Menschen aufhalten, ebenfalls eine große "Wirkung" für das spektakuläre Ende inszenieren lassen würde. Vermutlich aber ist für Einzeltäter oder Jugendliche, die keine Experten zur Beratung wie organisierte Terroristen haben, das Besorgen oder die Herstellung des Sprengstoffs sowie dessen Einsatz zu kompliziert. Schusswaffen sind bei der Hand - und sie gewähren auch Selbstmordattentätern die Möglichkeit, die Auswirkungen ihres Tuns noch eine gewisse Zeit erleben zu können. Das mag etwa bei den muslimischen Märtyrern anders sein, weil sie nicht nur an ihr Fortleben glauben, sondern tatsächlich auch in der Gruppe als geachtete Märtyrer oder Freiheitskämpfer fortleben, in die sie eingebettet sind. Aus dieser Analogie ließe allerdings auch wieder schließen, dass Einsamkeit oder Außenseitertum Selbstmordanschläge nicht erklären können, sondern vielleicht nur eine Bedingung dafür sind, wie sie durchgeführt werden. Oder denken wir an die Erwachsenen und Kinder, die in (Bürger)Kriegssituationen wie etwa in Westafrika, wenn sie im Besitz von Waffen sind, ihre Macht über andere Menschen bis hin zum Völkermord ausspielen. Wo das massenmäßig geschieht, ist die Suche nach einer Erklärung beim Einzelnen allerdings meist nicht mehr wichtig.
Mad at the world
Wie auch immer, es scheint zuzutreffen, dass nicht nur irgendwie politisch-religiös motivierte Selbstmordanschläge ausgeführt werden, die zudem mehr und mehr von sich emanzipierenden muslimischen Frauen und Jugendlichen begangen werden, sondern dass in den befriedeten reichen Industrieländern auch mehr und mehr Alltagsterrorismus stattfindet, der sich mangels logistischer und finanzieller Kapazitäten eher mit dem Nächstliegendem zufrieden geben muss. Die - unterschiedlichen - Motive spielen sicherlich eine Rolle, können aber nicht verdecken, dass diese Form des Anschlags offenbar attraktiv geworden ist und sich möglicherweise wie eine Gedankeninfektion, wie ein Mem, ausbreitet.
Selbstmordattentäter opfern ihr Leben, das sie in ihrer Propaganda der Tat umsetzen. Ob diejenigen, die in den westlichen Gesellschaften aus scheinbar nur persönlichen Gründen Anschläge mit Schusswaffen ausführen, tatsächlich von vorneherein am Schluss sich selbst töten oder im Kampf erschossen werden wollen, ist nicht sicher, lässt sich aber annehmen. Vielleicht eint die Selbstmordattentäter der beiden Richtungen, dass sie "mad at the world" sind, wie die Stimmungslage des "gunman" von Meridian beschrieben wurde.
Der Nihilismus, eng verbunden mit der Bewegung einer enttäuschten Religion, vollendet sich im Terrorismus. Durch Bombe und Revolver, auch durch den Mut, mit dem sie zum Galgen schritten, versuchte diese Jugend (des russischen Terrorismus im 19. Jahrhundert) in einer Welt der totalen Verneinung aus dem Widerspruch herauszukommen und die Werte zu erschaffen, die ihnen fehlten. Bis dahin starben die Menschen im Namen dessen, was sie wussten oder zu wissen glaubten. Nunmehr nimmt man die schwierige Gewohnheit an, sich für etwas zu opfern, von dem man nichts weiß, außer dem einen, dass man sterben muss, dass es sei.
Geht man weiter davon aus, dass die Massaker keine Folgen eines völlig spontanen Entschlusses sind, sondern gedanklich vorbereitet wurden, dann wären auch die Alltagsterroristen Menschen, die die Aufmerksamkeit der Gesellschaft durch eine Propaganda der Tat erreichen wollen, indem sie etwas Außergewöhnliches machen. Sicherlich ist die Anerkennung, die man durch ein Aufmerksamkeitsspektakel erzielt, ein entscheidendes Motiv, vor allem in einer vom Wert der Prominenz bestimmten Medienöffentlichkeit. Als ein Mensch, der nicht die Mittel besitzt, eindrucksvolle Spektakel zu inszenieren, die Anerkennung, Prominenz und schließlich Einkommen erbringen, muss man zu den Mitteln greifen, die vorhanden und relativ einfach, vor allem aber schnell einsetzbar sind. Die Gewalt, die Tötung, die Destruktion ist so ein naheliegendes Mittel, das wenig Vorbereitung erfordert. Das Massaker selbst ist bereits eine Aufmerksamkeitsfalle, deren Lockmittel nicht die Schönheit ist, sondern das Entsetzen..
Zu dem kommt hinzu, dass die Selbstmordterroristen nicht nur einfach aus der Welt gehen wollen wie Selbstmörder, ihre Tat muss ein Schauspiel des Absurden sein, in dem sie Regisseur, Hauptdarsteller und Zuschauer zugleich sind und das für möglichst viele zum Endspiel werden soll. Es wird inszeniert als eine Ästhetik der blinden Destruktion, die grundlos und daher schauerlich-schön, erhaben ist: ein nihilistisches Spektakel, aber auch eine rückhaltlose, eine verrückte, eine ganz und gar sinnlose Verausgabung. Das tödliche Schauspiel, das surrealistisch Traum und Wirklichkeit verschmilzt, ist der Endzweck, der jede Ordnung der Selbsterhaltung und jede Ökonomie überschreitet. Es holt den Tod jäh ins Leben zurück, wodurch Täter, überlebende potenzielle Opfer und Zuschauer plötzlich die Wirklichkeit als einen Ausnahmezustand entdecken, was im Alltagsleben stets verborgen bleibt. Das versetzt womöglich den Täter - wie jeden, der sein Leben freiwillig riskiert - ihn einen Rauschzustand, während es die Zuschauer bannt.
Und auch darin gleichen sich die muslimischen Märtyrerterroristen und die westlichen Alltagsterroristen: Sie inszenieren ein Opfer, das sie wieder zurückführen auf den archaischen Ursprung des Heiligen im grausamen und blutigen Ritual des Menschenopfers, das früher im Kern eines kollektiv begangenen Festes steht und im kollektiven Rausch (im Fall der Massaker in der Panik) kulminiert. Vielleicht mehren sich auch deswegen die Terrortaten, weil das Opfer als Reaktion auf die Absurdität durch die Säkularisierung und Rationalisierung, vor allem aber durch die Ökonomisierung aus der Welt verschwunden ist, selbst aus der Welt der Muslime, die sich an ihre letztlich zum Untergang verurteilte Religion klammern und sie zur universalen Ordnung in einem Gottesstaat ohne den Zweifel der Ungläubigen machen wollen. Vielleicht weihen deswegen Menschen, die gegen das Leben und die Ungerechtigkeit revoltieren, sich und ihre Mitmenschen dem Tod, um eine Veränderung herbeizuführen, um die Welt in Ordnung zu halten, um für die Schuld des Lebens zu bezahlen, um das Leben der Überlebenden freizukaufen. Und Überlebende sind wir alle - zumal in einer Welt der Massenvernichtungswaffen, in der die Angst machende und verführerische Phantasie genährt wird, die Apokalypse in Form eines Anschlags zu inszenieren, der die Welt mit sich in den Abgrund reißt oder das größte denkbare Verbrechen ist.
Wie auch immer man sich dem Terrorismus in seinen verschiedenen Arten nähert, so fällt jedenfalls die erstaunliche Verkürzung der Gedanken auf. Das ist am Extremsten sicherlich bei den von der Macht Besessenen wie Putin oder Bush der Fall, die sich in einem Kampf gegen das Böse wähnen, das man vornehmlich ausrotten muss. Aber es fehlt, anders als im 19. Jahrhundert oder noch nach dem Zweiten Weltkrieg eine philosophische Bewältigung des Terrors, die sich nicht nur mit den möglichen Problemlösungsstrategien befasst. Vielleicht können in einer von Aufmerksamkeitsbeschaffung regierten und von Reproduktionstechniken getragenen Medienwelt solche Gedanken, die Einhalten erfordern und sich dem Unlösbaren und Sinnlosen, dem Irreversiblen und Tödlichen stellen, kaum mehr eine Öffentlichkeit finden - was aber gerade den Terror als nihilistische Tat attraktiv, möglicherweise sogar auch als Ausgleich unverzichtbar macht.
http://www.heise.de/tp/artikel/15/15181/1.html- nachtrag: Doug Williams war auf Zoloft and Celexa (17.11.2005 14:40)
- Bitte beende Deine Zeitreise! (25.3.2005 9:34)
- nein (14.7.2003 19:45)
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

