Restmoderne

20.07.2003

Oliver Elser über die Webdokumentation der meist übersehenen Architektur der Nachriegsmoderne in Berlin

Oliver Elser ist Architekturkritiker, Archivar und Ausstellungsmacher. Er lebte und arbeitete lange Jahre in Berlin, bevor er nach Wien zog. Seine Artikel erschienen in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", der "Frankfurter Rundschau", in "Texte zur Kunst" sowie in diversen Zeitschriften, Katalogen und Büchern. Seit 1999 ist er zusammen mit dem Künstler Oliver Croy in der Fritz-Forschung tätig, wo er sich ebenfalls der Sammlung und Dokumentation von eigenwilligen Architekturprojekten widmet. Dieses Jahr entstand der Film COUNTER-COMMUNITIES (ebenfalls mit Oliver Croy) und der Wettbewerbsbeitrag C­TOR in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Lotte Lyon. Im nachfolgenden Interview spricht er über das Projekt Restmoderne.de, das er gemeinsam mit Andreas Muhs realisierte.

Wohngebäude und Kiosk, Yorckstraße, Kreuzberg

Wer die Architektur der Nachkriegsmoderne fotografiert, nimmt "den Kanon" als Maßstab, hat dementsprechend relativ klar umrissene Kriterien. Mit Restmodern wollt ihr eine alternative Geschichte der Architektur der Nachkriegsmoderne nachzeichnen. Einerseits dient dabei der Kanon als Gegenpol, andererseits müssten sich doch auch positiv besetzte Kriterien benennen lassen?

Oliver Elser: Es stimmt zwar, dass wir mit restmodern.de "den Kanon", also die bereits oft abgebildeten und diskutierten "Ikonen" der Nachkriegsarchitektur bewusst ausblenden.

Andererseits ist es aber noch zu früh, überhaupt von einem "Kanon" zu sprechen. Der Definitionsprozess läuft ja erst seit wenigen Jahren. Niemand wird bestreiten, dass Mies' "Neue Nationalgalerie", die "Philharmonie" von Scharoun, Henselmanns "Haus des Lehrers" wie überhaupt das ganze Ensemble der Karl-Marx-Allee oder auch Ludwig Leos "Wasserversuchsanstalt" zu den herausragenden Bauten nach 1945 zählen. Aber gerade die Abrissdiskussionen der letzten Jahre haben den Blick auch auf andere Bauten gelenkt. Erst nachdem das Ahornblatt weg war, wurde sein Architekt Ulrich Müther in Ausstellungen und sogar einem Film wiederentdeckt.

Ein anderes Beispiel: Selbst das abgespeckte FAZ-Feuilleton hat über den drohenden Verlust des Bergbau-Hochhauses von Willi Kreuer am Berliner Ernst-Reuter-Platz berichtet. Das kannten bis dahin nur eine Handvoll Architekturspezialisten und -liebhaber. Schwer zu sagen, was die Öffentlichkeit in diesem Fall stärker aufwühlt: Der Abriss des Kreuer-Ensembles oder die Aussicht, dass der umstrittene Berliner Neo-Klassizist Hans Kollhoff den Nachfolgebau errichten wird. Jedenfalls kann es gut sein, dass Kreuers verwinkelte Raumgefüge hinter der streng gerasterten Außenhaut im Angesicht der Abrissbirne noch schnell in den "Kanon" aufgenommen werden.

Im restmodern.de-Archiv gibt es ein Bild von einer mosaik-verzierten Eingangstür des Gebäudes, deren Handgriff aus einem poliertem Quarzstein besteht. Dass einen das ansonsten so streng der typischen 50er-Jahre "Rasteritis" verpflichtete Haus an dieser Stelle mit der Geste "Hallo, hier geht's zur Geologie" empfängt ist ein wunderbares Detail und ein gutes Beispiel dafür, wonach wir gesucht haben. Nicht in erster Linie nach Bauten, die einen "Gegenpol" bilden, sondern eher nach Motiven, an denen deutlich wird, wie facettenreich auch die sogenannte Alltagsarchitektur der Nachkriegszeit sein kann. Es geht ja nicht darum, etwa eine Kindertagesstätte aus der Dortmunder Straße im Ortsteil Moabit auf den Sockel zu heben und zu behaupten, die sei jetzt ein Teil des "alternativen Kanons". Was uns aber interessiert an diesem Bau, das lässt sich vielleicht am Besten als "individuelle Signatur" beschreiben. Ein Kunsthistoriker würde das Haus wahrscheinlich unter der Rubrik "Berliner Variante des Brutalismus" abheften. Dieser Reduktion wollen wir entgegentreten und zeigen lieber den ganzen Reichtum architektonischer Lösungen einer Epoche.

Es fällt auf, dass Ihr auch mit dem Auge eines Liebhabers und Fans durch die Stadt gegangen seid. Es sind lauter Gebäude bzw. Baukörper dabei, die einen - auch wenn er kein Stadtarchäologe ist - in ihren Bann ziehen, sofern man sich für das vermeintlich Alltäglich-Banale begeistern kann. Die Auswahl der Bilder bekommt dadurch eine sehr persönliche Note. Ich frage mich, ob die Engführung der persönlichen mit den eingangs genannten "wissenschaftlichen" Kriterien auf einen bestimmten Erkenntnisgewinn abzielt?

Oliver Elser: Ist das Projekt weniger interessant, wenn die Kriterien der Auswahl rein subjektiv sind? Doch "subjektiv" heißt ja nicht, dass man nicht darüber sprechen kann, was einen dazu bewegt hat, diese Auswahl zu treffen: In erster Linie sind wir Fans und Liebhaber des architektonischen Eigensinns, der hinter jeder Etikettierung einer Epoche sein befreiendes Spiel treibt. In der Summe der Bilder entsteht daraus dann irgendwann "Erkenntnis": Wenn man sehr viel sehr genau angeschaut hat, bilden sich Muster heraus, die vorher noch gar nicht bemerkt worden sind.

Im momentanen Stadium des Projekts ist diese Ebene - über den Eigensinn hinaus etwas Verbindendes zu entdecken - leider nicht so ausformuliert, wie wir uns das wünschen. Es stört zwar anscheinend niemanden, dass die Webseite als Dia-Show konzipiert ist. Aber noch schöner wäre es, wenn die Bilder einander gegenüber gestellt werden könnten, um ein "vergleichendes Sehen" zu ermöglichen. Dafür scheint uns das Internet nicht das richtige Medium zu sein. Von der Gruppierung mehrerer Bilder auf einer Buchdoppelseite hingegen erwarten wir uns, dass sich Querbezüge ergeben und Motive nachweisen lassen, die bisher in der Architekturbetrachtung wenig Beachtung gefunden haben. Die meisten Publikationen dienen ja der Präsentation einzelner Werke und sind an Vergleichen wenig interessiert. Das Arrangieren der Bilder wäre auch ein Punkt, wo "persönliche" Liebhaberei und "wissenschaftliches" Erkenntnisinteresse sich treffen.

Könntest Du ein paar Worte zum Prozess verlieren und zu dem, was Du als "Grau-Sehen" bezeichnest?

Oliver Elser: Alles fing an, als wir uns über "kleine Bauten" unterhalten haben, die kaum auffallen, wie zum Beispiel der Toilettenabgang auf dem Alexanderplatz oder das "Wartehäuschen" ganz in der Nähe vor dem ehemaligen "Haus der Elektroindustrie" (heute Bundesumweltministerium). Das war so eine Art "kennst-du-das-schon"-Gespräch darüber, wer von uns beiden mit offeneren Augen durch die Stadt geht. Daraus entstand die Idee, ein Verzeichnis der "übersehenen Architekturperlen" zu machen.

Von da an hatte auch ich immer eine Kamera dabei, eine kleine Digitale, die vor drei Jahren noch 99 DM im Supermarkt gekostet hat. Andreas hat seine Bilder gleich "richtig" mit einer guten Digitalkamera aufgenommen und sich die von mir ausgesuchten Objekte dann selbst noch mal vorgenommen. Das Grundgerüst war eine Datenbank, in der sich die Kategorien erst allmählich ergeben haben. Auf der Web-Seite haben wir die Bauten zwar nach Funktionen geordnet, aber man könnte sie auch anders sortieren, zum Beispiel nach Bautypen. Es gibt ja gerade in Berlin aufgrund der starken Kriegszerstörungen eine Vielzahl von "Flachbauten", also eigentlich etwas bessere "Baracken", die in den fünfziger Jahren auf den Trümmergrundstücken entstanden sind und von denen sich einige bis heute erhalten haben.

An der Stelle, wo wir auf der Start-Seite von restmodern.de vom "Graubild der Stadt" sprechen, beziehen wir uns auf eine Linie, die mit dem Architekten und Theoretiker Robert Venturi beginnt. In Abgrenzung zu den "Weißen", einer Architektengruppe, die auch als "New York Five" [http://www.artnet.com/library/06/0621/T062193.ASP] auftrat, nannte man die Leute um Venturi "die Grauen": Ein kleines Theorie-Scharmützel am Vorabend der Postmoderne. Die "Weißen" versuchten die klassische - und vermeintlich weiße - Moderne über den bereits offensichtlichen Verfall hinwegzuretten, während Venturi dazu aufforderte, das graue Rauschen der Alltagskultur ernst zu nehmen. Was nicht heißt, dass der Alltag grau ist, sondern dass sich die bisweilen schrille Farbigkeit etwa der Reklametafeln an den amerikanischen Ausfall-Straßen zu einem Grau vermischt, das bis dahin keines Blickes wert war.

Eure Arbeit erinnert ein bisschen an ein Projekt von Sean Snyder "Paris/Paris Banlieu" (1995-1998). Darin hat er farbenfrohe Fassaden mit dekorativen, mal üppigen, mal strenggeometrischen Ornamenten aufgenommen, die für den geschult-suchenden Blick quasi omni-präsent waren, allerdings in keinem Architekturführer mit einem Eintrag bedacht. Interessant an der Auswahl war, dass die Bilder, so sehr sie singuläre Bauten bzw. Details zeigen, eher im Zusammenhang, also als Serie an Bedeutung gewinnen. Eine imaginäre, im Versinken begriffene Stadt scheint dort - aber auch hier Gestalt anzunehmen. Handelt es sich bei Euch also eher um Stadt- als um Architekturfotografie?

Oliver Elser: Interessant, dass Du den seriellen Aspekt ansprichst. Zum Stichwort "Außenbezüge" fällt mir eher das Gegenteil ein, etwa die frühen Architekturbilder von Thomas Ruff. Denen fehlt zwar jede Beiläufigkeit, aber sie zeigen ganz wunderbare "Architekturindividuen".

In einem formalen Sinne "seriell" sind die Aufnahmen von Andreas Muhs ja keineswegs. Ob sie dennoch als Ganzes eine Art "Stadt der Restmoderne" zeigen, ist eher eine Frage fürs Feuilleton. Aber man kann zumindest sagen, dass es sich eher nicht um klassisch-objektfixierte Architekturfotos handelt.

WC am Busbahnhof, Jakob-Kaiser-Platz, Charlottenburg

In dem gemeinsam mit Oliver Croy konzipierten Projekt "Sondermodelle" hast Du bereits an Themen gearbeitet, die in Restmodern wiederzukehren scheinen. Vereinfacht gesprochen: Archivierung und, eine damit verbundene, alternative Geschichtsschreibung als formaler, das Banale, dem Zentrum der Aufmerksamkeit entrückte als inhaltlicher Kontext. Was für Zusammenhänge bestehen aus Deiner Sicht zwischen diesen Projekten?

Oliver Elser: Die beiden Projekte verbindet, dass die "Sondermodelle" sicherlich so eine Art "Schule des Sehens" waren. Alle 387 Werke des genialen Dilettanten Peter Fritz nicht nur in den Ausstellungen anzuschauen zu können, sondern auch durch den Sucher einer Kamera in ihren Details zu erfassen, das hat bei Oliver Croy und mir eindeutig Spuren hinterlassen. Als wir die Bilder für den Katalog aufgenommen haben, sah die Welt für uns am Abend plötzlich ganz "fritzig" aus. Ansonsten hast Du recht, was die Seite des vermeintlich Banalen betrifft, die gibt es in beiden Projekten.

Ein wichtiger Unterschied dürfte darin bestehen, dass die Sammlung der Hausmodelle des Wiener Versicherungsbeamten ein abgeschlossenes Werk ist, denn es handelt sich um einen Nachlass, der erst nach Fritz' Tod an die Öffentlichkeit gelangte. Restmodern.de hingegen ist ein klassisches Archiv: Ein Raum, wo Leute alles 'reinfüllen, was ihnen archivierenswert erscheint und jede Menge draußen lassen, weil es nicht ins Konzept passt. So eine Arbeit stellt ganz andere Fragen, zum Beispiel die, wann wir wieder damit aufhören, restmoderne Architektur zu fotografieren. Auch die Resonanz ist eine ganz andere: Die SONDERMODELLE hatten sicher auch deswegen ein so großes Echo, weil der Freak-Faktor so groß war. Jeder versuchte sich vorzustellen, was diesen Mann wohl angetrieben haben mochte, so viele Modelle zu bauen. Unsere Versuche, eine andere Richtung einzuschlagen und die Architektur der Modelle in den Vordergrund zu stellen und nicht "Fritz, den Freak" haben nur zum Teil funktioniert. Als wir nämlich angefangen haben, uns auf Bauherrensuche zu begeben, sind die meisten ausgestiegen, allen voran die Architekten. Was als Modell niedlich anzuschauen ist, wäre in Realität natürlich "bad taste", bekamen wir zu hören.

Genau an diesem Punkt "funktionieren" die Bilder von restmodern.de erstaunlich gut: Zumindest aus der Kunsthistoriker-Ecke, aber auch von Architekten kamen die meisten Emails, die uns dazu ermutigen, noch viel mehr zu archivieren und zu zeigen. Bisher hat uns nur ein erzkonservativer Berliner Architekturkritiker vorgehalten, wir hätten ja wohl eine Art Gruselkabinett der schlimmsten Bausünden der Nachkriegszeit zusammengetragen. Ihm gefiel die Seite als Konzept dann aber doch: Als "Gedächtnis", womit er wohl meinte: Zur Mahnung an künftige Generationen, nicht wieder solche Scheußlichkeiten zu schaffen.

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