Science trifft Fiction
Kulturtheorie am Beispiel einer Heftromanserie: Eine wissenschaftliche Tagung beschäftigt sich mit dem Phänomen "Perry Rhodan"
So manche Themenwahl aus dem Bereich "Cultural Studies" verursacht im Wissenschaftsbetrieb bestenfalls Kopfschütteln. Die kulturtheoretische Diaspora beginnt dort, wo allzu Triviales eine allzu populäre Wirkung entfaltet. Das war auch allen Beteiligten bewusst, die sich am vergangenen Wochenende in Berlin zu einer Tagung über die Heftromanserie Perry Rhodan einfanden.
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Dabei ist der Untersuchungsgegenstand nicht eben geringfügig: Seit ihrem Start 1961 brachte es die Science-Fiction-Serie auf 2186 Fortsetzungen. Der Weltraumheld Rhodan wurde - von einer Superintelligenz mit einem "Zellaktivtor" ausgestattet - unsterblich und durchlebt seither 3000 Jahre fiktiver Menschheitsgeschichte. Klar, dass er mehr als einmal die Terraner vor kosmischen Katastrophen bewahrte. Zusammen mit seinem Arkonidenkumpel Atlan erforscht er ein gigantisches Universum voller bizarrer Anatomien und Zivilisationsformen... klärt, rettet und greift ein. Eine oberste Direktive gibt es nicht.
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Bei aller Monumentalität fasziniert die Serie wöchentlich Zehntausende von Stammlesern. Dass die altertümliche Form des Groschenheftes ausgerechnet als Weltraum-Soap überlebt, ist angesichts der multimedialen Konkurrenz ein besonderes Phänomen. Diesem Phänomen wollte man im Archiv der Jugendkulturen interdisziplinär zu Leibe rücken. Beiträge der Tagung lieferten Soziologen, Literatur- und Kunstwissenschaftler, aber auch ein Marketing-Experte und sogar ein Theologe beteiligten sich an der Debatte.
"Viele halten Perry Rhodan für ein amerikanisches Produkt. Dabei wird die größte Weltraumserie in Deutschland produziert - fernab der Gesetzmäßigkeiten amerikanischer Kulturindustrie", erläutert Mitveranstalter Dierk Spreen. Entsprechend kann die Serie als Spiegel bundesrepublikanischer Wirklichkeiten gelesen werden. So geschehen in der Analyse des Historikers Gregor Sedlag. Seine Parallelwelt des neu erstarkten "solaren Imperiums" skizziert ein kosmisches Wirtschaftswunder und den Aufbruch der friedlich vereinten (entnazifizierten) "Terraner" in ihrer "Stunde Null".
Auch der Germanist Hartmut Kasper sieht in "Perry Rhodan" weniger den Helden als die Projektionsfläche. Weltanschauliche Motive werden in der Serie nicht argumentativ aufbereitet, sondern in eine Erzählung verwandelt. Ihre Belegschaft vergleicht er mit Archetypen europäischer Geschichte. Dass die zentralen Figuren dabei nur wenig präzise Charakterzüge entwickeln, liegt nicht zuletzt an der Vielzahl der Autoren und Redakteure, die seit 42 Jahren an dem Epos schreiben. "Perry Rhodan" ist im doppelten Sinne ein industrielles Massenkulturprodukt: Es wird massenhaft verbreitet - und auch noch industriell, also arbeitsteilig hergestellt.
Reicht das zur Disqualifikation als wissenschaftliches Objekt? Der Kölner Professor Hans Esselborn wundert sich, warum "Perry Rhodan" im Gegensatz zu anderen Sci-Fi-Serien wie "Star Trek" oder "Star Wars" nur selten bearbeitet wird. Nach wenigen ideologiekritischen Arbeiten der 70er Jahre mochte sich kaum jemand mit den Heftchen-Utopien befassen. Trotzdem stellt die Serie immer noch ein einzigartiges Phänomen an Ausdauer und Verbreitung dar.
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Für den Soziologen Dierk Spreen steht ebenfalls die Rezeption im Vordergrund. Er möchte herausarbeiten, wie Massenkultur als "Erfahrungskultur" funktioniert. Denn - wer das auch immer voraussetzt - es gibt keine homogene Leserschaft, keine einheitliche Manipulation, keinen einheitlichen "feel-good"-Faktor beim Kulturkonsum. Und leider fehlt auch eine zeitgemäße "Theorie der Unterhaltung". Spreens Erklärungen weisen auf die produktive Aneignung des Leser hin, der sehr wohl zwischen Fiktion und Realität unterscheiden kann.
Gerade Heftromanserien werden aber mit Marktforschungsmethoden an die Ansprüche der Leserschaft angepasst. Gewandelte Identitätsmodelle und Werte spiegeln sich so in öffentlichen Medien und bieten neue Orientierungsfunktionen. Eine Art "kommunikativer Normalisierung" findet statt - Massenkultur als paradoxe Vergesellschaftung und kein Widerspruch zur individuellen Faszination der Fans?!
Auf der Metaebene der Fanfiction zeigt sich, wie kreativ die Leser wirklich sind. Kunstwissenschaftler Matze Schmidt entwickelt eine Theorie des "wreaders" (= writer/reader). In Weblogs und Mailinglisten verpassen Unbekannte dem braven Rhodan ein Eigenleben, wird er unter dem Kampfnamen "Roman" weitergedacht und dekonstruiert. Unklar bleibt wieder einmal, wie nahe Hoaxes an eine fiktive Wirklichkeit herankommen.
Ob aus theologischer Sicht, in der Suche nach Gender-Klischees oder auf den Spuren von Internetgerüchten... über alle Beiträgen schwebte im Grunde die Frage nach dem mythologischen Gehalt des Heftchen-Mythos. Die ausdauernde Begeisterung so zahlreicher Leserschichten steht doch im krassen Gegensatz zur Abwertung "Perry Rhodans" als Schundserie. Sicherlich findet man nur in der Beschäftigung mit dem Trivialen zu einer neuen Theorie der Massenmedien. Warum also nicht beginnen mit einem (relativ) unsterblichen Weltraumhelden aus dem badischen Rastatt?
Ein Sammelband mit den Beiträgen erscheint im Herbst 2003 im Archiv der Jugendkulturen.
http://www.heise.de/tp/artikel/15/15238/1.html- Perry Rhodan - dumme leser? (19.7.2004 17:15)
- Relativierung von Max Wedells "Meinungen" (10.8.2003 11:14)
- Re (29.7.2003 16:23)
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