Die leichteste Verführung zur Untreue

Florian Rötzer 22.07.2003

Beziehungen werden durch Online-Flirts und oft nicht nur virtuelles Fremdgehen verändert

Das Internet revolutioniert angeblich das sexuellen Leben der Vernetzten, zumindest aber deren Partnerbeziehungen. "Das Internet wird bald", so eine Pädagogin der University of Florida, "zur verbreitetesten Form der Untreue werden, wenn es dies nicht schon ist."

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Das Internet allerdings nicht in der Form eines "Sex with the machine", sondern als Kommunikationsmittel, um neue Partner kennen zu lernen und mit ihnen fremd zu gehen. Und das womöglich noch, wenn der jeweilige Lebenspartner im selben Zimmer ist, aber nicht vor dem selben Computer sitzt (und nicht perfider Weise mit entsprechenden Programmen überwacht, was der/die Geliebte so alles virtuell macht).

Niemals zuvor ist die Welt des Dating so bequem bei der Hand für verheiratete Frauen und Männer gewesen, die flirten wollen. Mit dem Cybersex muss man keine geheimen Ausflüge mehr zu obskuren Motels unternehmen. Eine Online-Beziehung kann sogar im selben Raum mit dem Ehepartner stattfinden.

Das ist jedenfalls schon einmal das Ergebnis einer Befragung, die Beatriz Mileham für ihre Doktorarbeit durchgeführt hat. Die wurde auch gleich von ihrer Universität mit einer Pressemitteilung wegen des schönen Themas beworben. Mit dem Internet rückt schließlich die Versuchung nahe, sobald man am Computer sitzt. Das Versprechen ist groß, wie die Pädagogin einen 41-Jährigen zitiert, der gesagt hat: "Ich muss nur meinen Computer einschalten und haben Tausende von Frauen zur Auswahl. Einfacher kann es nicht mehr werden."

Wenn dann auch noch eine Frau unter Tausenden von Männern auswählen kann, käme zwar auch irgendwie die Konkurrenz ins Spiel, selbst wenn jeder Flirtende Dutzende von virtuellen Beziehungen eingeht oder aufrecht erhält. Aber sicherlich sind die virtuellen Beziehungen etwas einfacher zu handhaben als die im wirklichen Leben, zumindest so lange man sie hübsch in der Ferne hält.

Mileham sagt, dass nach Eheberatungsorganisationen Chat-Räume immer stärker für das Ende von Beziehungen verantwortlich seien, was darauf hindeuten könnte, dass die Balance zwischen dem virtuellen und dem realen Leben erst noch erlernt werden muss. Und weil es immer mehr Internetbenutzer geben wird, werde die Lage noch viel schlimmer. Für langfristige Beziehungen im wirklichen Leben, meint Mileham wohl.

Ihre Studie baut allerdings nicht gerade auf einer breiten Befragung auf. Repräsentativ ist sie auch nicht, schon gar nicht, was das Alter und den Anteil der Geschlechter angeht. Sie hat nämlich im letzten Jahr 76 Männer und nur 10 Frauen zwischen 25 und 66 Jahren befragt, die entweder Married and Flirting bei Yahoo oder "Married But Flirting" von Microsoft benutzen. Darunter sollen Hausfrauen, Bauarbeiter, Ingenieure, Krankenschwestern und Präsidenten von großen Unternehmen gewesen sein.

Virtuelle Fluchtversuche

Die Meisten hätten gesagt, dass sie zwar ihre Ehepartner lieben, aber doch aus Langeweile heraus, weil der Andere zu wenig sexuelles Interesse habe oder einfach aus Spaß und Abwechslung nach erotischen Abenteuern suchen. Den Männern fehle vor allem der Sex in der Ehe. Geredet wird also darüber und über andere Probleme, man tauscht sexuelle Fantasien aus oder sucht eben auch jemanden für eine wirkliche sexuelle Beziehung.

Allerdings würden 83 Prozent der Befragten sagen, dass sie nicht wirklich fremdgehen, nur 17 meinen, es sei eine schwache Form der Untreue, die sich aber leicht rechtfertigen ließe. Für Mileham ist das vor allem eine Rationalisierung, weil man bei Chats niemandem körperlich begegne. Aber die derart Hintergangenen würden sich doch, wie andere Untersuchungen gezeigt haben, betrogen fühlen und ärgerlich werden oder verletzt sein. Nicht viel anders als bei sexuellen Beziehungen im wirklichen Leben. Untreue gibt es nicht nur im Fall von körperlichem Sex.

Zumindest nach den Ergebnissen der Befragung hätten die sich betrogen fühlenden Ehepartner aber auch nicht ganz so unrecht. Viele hätten nämlich gesagt, dass sich die zuerst nur freundlichen Kontakte schnell in ein Verlangen nach sexuellen Beziehungen verwandelt hätten. Nähe verlangt Nähe, weswegen 26 der 86 Befragten auch die Personen getroffen haben, mit denen sie enge Online-Beziehungen hatten. Und die Chancen scheinen gut bei denjenigen zu sein, die sich den entsprechenden Flirtchats zuwenden, was andererseits aber kaum verwunderlich ist. Fast alle, die sich mit den Online-Partner getroffen haben, hatten mit diesen sexuelle Kontakte. Eine 66-Jährige soll auf diese Weise 13 Liebes- oder Sexaffären gehabt haben.

Ich muss noch ein wenig arbeiten ...

Um den schwierigen Diskussionen auszuweichen, sagen die virtuellen Flirter und Sexsucher lieber ihren Ehepartnern im Normalfall nichts über ihre cybererotische(n) Abenteuer(suche) und chatten lieber dann, wenn dieser schon ins Bett gegangen ist. Wer also immer noch ein wenig arbeiten und spielen will, macht sich schon mal verdächtig. Und weil die Anonymität im Internet neben den Begierden auch die Herzen öffnet, so dass die Cyberflirter Fremden alle möglichen persönlichen und sexuellen Intimitäten offenbaren, könnten die Beziehungen im Real Life damit womöglich bald nicht mehr mithalten.

Das Internet, so gibt Mileham den jungen Menschen mit auf den Weg, werde bald ebenso wichtig für voreheliche Gespräche darüber sein, ob man Kinder haben wolle oder nicht: "Um künftige Probleme zu verhindern, müssen junge Paare ebenso wie lange verbundene Paare darüber sprechen, welche Rolle das Internet in ihrer Beziehung spielen wird." Aber das dürfte wohl ebenso wenig voraussehbar sein wie das (Liebes)Leben selbst. Möglicherweise aber will sich ja Mileham auch als Beraterin für die eheverträgliche Internetbenutzung, für partnerkompatiblen Cybersex oder für das Management von virtuellen und realen Beziehungen profilieren. Hier wird es noch viel zu tun geben.

Eigentlich müsste es aber auch ziemlich viel Frustrierte geben. Nach Mileham würden nämlich mehr Männer als Frauen solche Chat-Räume benutzen, was letzteren natürlich eine gute Auswahl bietet. Es sei aber auch schwierig gewesen, Frauen dafür zu gewinnen, sich über diese Dinge befragen zu lassen.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15274/1.html
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