Scheinriesendämmerung
Johnny Cash gegen Daniel Küblböck - Die letzten Zuckungen der Pop-Literatur
Pop-Literatur? Da war doch was. Wohldekorierte Kleiderständer, die in Hotel-Lounges vor laufender Kamera Unsinn absonderten. Medienkasper, die die Titanic verklagten, wenn sie sich von ihren Satiren verletzt fühlten.Vergleiche von Tigerenten und Hakenkreuzen (vgl. Nur die Doofies sind sicher)
Bedrucktes Papier in apokalyptischen Ausmaßen. Tatsächliche Schriftsteller, die in das U21-Team zwangsintegriert wurden, damit sie auch verkäuflich blieben. Und jede Menge Spiel, Spaß, Spannung und Kokolores. Zeit für den Kehraus.
Florian Illies hat dieser Tage "Generation Golf 2" herausgebracht, also das Sequel zu seinem Pop-Klassiker "Generation Golf". Man muss das erläutern, denn bei der Halbwertszeit der Pop-Produkte weiß kaum noch einer, wer was damals gemacht hat und worum es eigentlich ging. Worum es eigentlich geht, ist auch jetzt vollkommen unwichtig, Hauptsache, es wird darüber gesprochen.
![]() |
Es ist überflüssig, ja sogar schädlich, sich mit dem Inhalt von "Generation Golf 2" auseinander zu setzen - wer das tut, hat das Spiel nicht begriffen. Es geht um nichts anderes als die Fortführung einer Autorenpraxis, die darin besteht, von sich reden zu machen, koste es, was es wolle. Florian Illies hat sich, von seinen Marketingberatern verraten und verkauft, auf ein Gespräch mit Günter Gaus über sein Buch eingelassen und in diesem Gespräch steckt tatsächlich alles, was man über ihn und das Werk wissen muss. Gaus, immerhin 73, spielt den 32-jährigen Popliteraten so locker an die Wand, als wäre Johny Cash gegen Daniel Küblböck angetreten.
Mit ein paar Sätzen manövriert er ihn derart peinlich in die Defensive, dass man öfters daran denkt, das Interview vor lauter Betretenheit wegzuklicken. Nicht nur, dass Illies schon im ersten Viertel Gaus' Unparteilichkeit in Frage stellt, wie ein schlechter Fußballer, der beim Handspiel erwischt worden ist - am Ende offenbart er unfreiwillig die ganze Substanz seines Sequels: Schleimerei. Nicht mehr mitlaufen wolle sie jetzt, seine Generation. Es habe da früher tatsächlich viel hohle Rhetorik bei dieser Generation gegeben. Gaus ist gnädig genug, das nicht mit einem Todesstoß à la "Was Sie nicht sagen!" zu quittieren, es ist ja auch überflüssig.
|
|
Illies, erschüttert von der Aussicht auf eine weitere Karriere ohne Remmidemmi, simuliert Einsicht und Autonomie - in der Hoffnung, zukünftig als jemand durchzugehen, der etwas zu sagen hat. Aber er wirkt doch nur wie der Schüler, der mit seinem Latein am Ende ist und endlich gelernt hat, den Erwartungen des Lehrers zu entsprechen. Dass ein publizistisches Fossil wie Günter Gaus ihn so leicht deklassieren kann, zeigt Illies' wahre Klasse auf: Er ist ein Go-Kart-Fahrer mit zu großen Reifen und zu schwachem Motor, der über dem Winken in Richtung Publikum auch noch das Fahren vergisst.
Während Florian Illies also windelweich mit der Verdoppelung des Banalen um Aufmerksamkeit für seine Banalitäten kämpft, wird an anderer Stelle schon mit härteren Bandagen geboxt. Der besten Wochenzeitung in diesem Land, der Jungle World ist in einem schwachen Moment der Artikel "Mein Leben mit Stuckrad Barre" von Joachim Lottmann durchgerutscht:
Dieses Dokument der Peinlichkeit und des Unvermögens ist schon zwei oder drei Minuten Aufmerksamkeit wert, denn wie hier der Lottmann dem Stuckrad den Eckermann macht, das hat etwas typisches für die ganze bescheuerte Szene. Die behaupteten Gefühle, die Unaufrichtigkeit als Prinzip, die Selbstnobilitierung, und natürlich auch die an Mukoviszidose erinnernde Schleimerei: alles ist da.
![]() |
Eigentlich ist der ganze Artikel ja nichts anderes als ein Veranstaltungshinweis. Und zwar auf die angeblich letzte Lesung Benjamin Stuckrad- Barres, die, wie wir erfahren, für den 19.7.03 geplant war. Dieses Ereignis kann natürlich bei einem der ganz Großen wie Stuckrad-Barre nicht einfach avisiert werden. Das wäre ja wie der Staatsbesuch eines Potentaten, der ohne roten Teppich auskommen muss. Da nimmt man schon die ganz große Kurve, und ein Zeremonienmeister wie Lottmann, der so brennend gerne zu den ganz Großen gehören würde, es aber nur bis zum Kielwassersurfer schafft, löst die Aufgabe mit Bravour.
Ganz wichtig: Die Bedrohungslage muss geklärt werden. Stuckrad-Barre habe viele Freunde (etwa 100.000 an der Zahl), aber, wie es sich für einen wahrhaft Großen auch gehört, noch mehr Neider. Millionen Neider umzingeln laut Lottmann Stuckrad-Barre und seine treue Anhängerschar; sie seien zu allem bereit, sogar lynchen würden sie ihn, bekämen sie den zu Unrecht Verfolgten nur in die Finger. "Viel Feind, viel Ehr" ist die Devise, und Lottmann wünscht seinem Goethe Ehre ohne Ende, damit auch er, der klassische Kielwassersurfer, etwas davon abhaben kann. Zwar ist es der älteste Trick in der Kiste, einen Wichtigtuer der Sympathie des Publikums anzudienen, indem man ihn in der Umzingelung imaginärer Feinde darstellt, aber warum auf solche bewährten Tricks verzichten, wenn sie immer noch ziehen? Die Anhänger können sich gleich ein wenig mitverfolgt fühlen, auch wenn sie den Mehrheitsmob schlechthin darstellen.
Lottmann lädt zur kleinen Rundreise durch Stuckrad-Barres kurze, aber schon so fruchtbare Karriere. "Soloalbum", selbstredend einer der besten deutschen Romane der letzten Jahre, öffnete dem Begnadeten die Türe zu jeder Redaktion im deutschsprachigen Raum. Das darauffolgende Hin- und Hergezappel Stuckrad-Barres interpretiert Lottmann als Selbstversuch zur Ergründung der deutschen Presselandschaft. Lange habe er, Lottmann, sich um den Freund Sorgen gemacht, echt große Sorgen, Mordssorgen gewissermaßen. Oft habe Stuckrad-Barres Kerze allzu hell gebrannt, allzu gefährdet sei sein großer Geist gewesen, die Sicherungen nahe am Durchbrennen. Aber auch dieses Stadium sei überwindbar gewesen, und der Freund habe es überwunden, durch seine, Lottmanns, Interventionen, und die Liebe einer treuen Frau an seiner Seite, nämlich der Comedy-Hupfdohle Anke Engelke.
Und in diesen Glutöfen der Bewährung, so legt Lottmann nahe, muss wohl auch ein folgenschwerer Entschluss des Frühvollendeten gereift sein. Seit Silvester 2001 sei er nicht mehr aufgetreten, und nur einmal noch, jetzt, im Juli 2003, im Schicksalsjahr, werde die Regel der absoluten Öffentlichkeitsabstinenz durchbrochen. Zu endgültig beendet sei dieser Lebensabschnitt, zu gründlich seien die Möglichkeiten ausgereizt, da helfe nur noch ein Abgang in Würde. Natürlich verzapft Lottmann hier lauter Stuss. Ein Blick auf Stuckrad-Barres Homepage widerlegt das Geschwätz vom selbstgewählten inneren Exil des Meisters. Aber einerseits würde eine Erwähnung der "Deutsches Theater"-Tour (bis März 2003) und eines Leseauftritts vom 7.7.03, bei dem sich der Meister als Deklamator für Botho Strauß hergab, die Bedeutung des "letzten Auftritts" mindern. Andererseits ist "Deutsches Theater", das große "politische" Buch des großen Freundes sowie seine Rolle als Bauchrednerpuppe eines verhinderten Großschriftstellers von vorgestern selbst Lottmann zu peinlich. Daher lässt er sie einfach weg und fabuliert drauflos, den Fans ist es ohnehin egal. Dass mit diesem Musterbeispiel für Gefälligkeitsjournalismus eigentlich auch nur der Rollout für Lottmanns eigenes "Vermächtnis an die Pop-Literatur" beworben wurde, und dass Stuckrad-Barre der jämmerlichen Veranstaltung die Krone aufsetzte, indem er absagte, ist dann erst recht egal. Das Papier ist bedruckt, die Behauptungen in die Welt gesetzt, und vielleicht hat es die Bude ja ein bisschen voller gemacht.
Das alles zu beklagen, hieße, es zu ernst zu nehmen. Aber es dient der Prognose. Wie wird es nun weitergehen mit den Popliteraten, diesem sehr deutschen Dichterkränzchen, das jetzt aussieht wie das lamettabehängte Musikkorps einer gescheiterten Söldnertruppe? Das Interview mit Illies und der Artikel über Stuckrad-Barre zeichnen den Weg vor. Von Illies haben wir auch noch die Generation Polo, Passat und Jetta zu erwarten (jeweils mit den dazugehörigen Sequels). Die eingetragene Handelsmarke Stuckrad-Barre wird sich in endlosen Revivals, endgültig letzten Auftritten, mit immer neuen Logos und in immer neuen Verkleidungen wiederholen, bis auch hier der Markt total abgeschöpft ist. Zusammen mit den Lottmännern, Eckermännern und anderen Eckenstehern werden sie dem Publikum als Scheinriesen in Erinnerung bleiben, als Giganten, die je kleiner werden, je näher man ihnen kommt - und ihre ganze verschmockten Generation Golf als Jeunesse dorée ohne Jugend und Gold, als Schulabgänger, die laut brüllten: "Ich bin nichts, ich kann nichts, gebt mir eine Uniform", um von den Herrenaustattern ihrer Wahl erhört zu werden.
http://www.heise.de/tp/artikel/15/15279/1.html- Marcus Hammerschmitt! (4.8.2003 16:38)
- Verfassungsschutz (4.8.2003 10:17)
- Natürlich! (4.8.2003 9:26)
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.
Des Führers Arzt trifft des Satans nackte Sklavin
Subversive Arztfilme der 1950er - Teil 2


