Konflikte sind vorprogrammiert
Der neueste Index der sozialen Entwicklung zeigt, dass sich die Lebensqualität weltweit dramatisch verschlechtert
Probleme haben in aller Regel den Nachteil, dass sie sich nicht von selbst lösen. Und wenn man sie zu lange unbeaufsichtigt lässt, werden sie meist noch größer und schließen sich mit anderen Problemen zusammen. Die soziale Entwicklung auf unserem Planeten illustriert diese simple Beobachtung sehr eindrucksvoll, sofern ihr katastrophaler Gesamtzustand denn überhaupt noch mit dem Begriff "Problem" beschreib- und definierbar ist.
Die aktuellen Zahlen, die Richard Estes von der University of Pennsylvania auf der Konferenz der International Society for Quality-of-Life Studies in Frankfurt am Main vorstellte, sind jedenfalls dazu angetan, einmal mehr für tiefgreifende Beunruhigung zu sorgen. Denn die Daten, die Estes anhand von unterschiedlichen Faktoren wie Pro-Kopf-Einkommen, Militärausgaben, Bevölkerungswachstum, Bildung, Kindersterblichkeit oder Wahrnehmung der Bürgerrechte für 163 Staaten ermittelte, weisen auf eine Vielzahl potenzieller Krisenherde hin, die mit gutgemeinten Absichtserklärungen und gelegentlichen Alibi-Maßnahmen nicht in den Griff zu bekommen sind.
Während die Europäer, allen voran Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, Luxemburg, Deutschland, Österreich, Island, Italien und Belgien, momentan den höchsten sozialen Entwicklungsstand erreicht haben, droht laut Estes gleich 21 afrikanischen und asiatischen Staaten der "soziale Kollaps". Folgerichtig bilden Afghanistan, Eritrea, Äthiopien, Sierra Leone, Angola, Liberia, Niger, Guinea, der Tschad und die Demokratische Republik Kongo das Ende der Stufenleiter.
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Armut, Korruption, schwere Fehler in der Wirtschaftspolitik, kulturelle Isolation, ethnische Konflikte und das Desinteresse der reichen Nationen sind nach Estes' Ansicht die Hauptursachen für die negative Entwicklung in diesen Ländern, soziale Konflikte und bewaffnete Auseinandersetzungen die wahrscheinlichen oder schon sichtbaren Folgen. Indien, das in der Rangliste im Vergleich zu 1980 gleich um 26 Plätze abstürzte, gilt Estes denn auch als Paradebeispiel für fundamentale Fehlplanungen:
Indiens Formel für Entwicklung - hohe Militärausgaben im Verein mit andauernder Armut - führt mit großer Sicherheit in eine Katastrophe.
Der Wissenschaftler hält solche Horrorszenarien im gesamten asiatischen Raum für möglich, auch wenn sich in manchen Ländern, etwa in China, das sich von Platz 73 auf Rang 69 vorarbeitete, sogar ein leichter Aufwärtstrend nachweisen lässt:
Das hohe Bevölkerungswachstum, große Armut, extremistische Tendenzen und politische Repressionen können die Zukunft der Region im Hinblick auf ihre sozialen und ökonomischen Entwicklungsmöglichkeiten zerstören.
Doch auch in den wohlhabenden Ländern ist längst nicht alles Gold, was glänzt. Viele Staaten haben ihren sozialen Standard in den vergangenen Jahrzehnten bestenfalls gehalten und erscheinen nur im Vergleich zu den ärmsten Regionen der Welt in positivem Licht. Die Vereinigten Staaten verharren beispielsweise auf dem Entwicklungsstand von 1980 und befinden sich derzeit auf dem gleichen Niveau wie Polen oder Slowenien. Chronische Armut ist nach Einschätzung von Richard Estes auch hier die größte Bedrohung für den sozialen Fortschritt:
Über 33 Millionen Amerikaner - darunter 12 Millionen Kinder - sind arm. Und im Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung lebt die Mehrheit von ihnen in ganz normalen Familien, hat einen Vollzeit-Job und ist weiß. Kein anderes Land, das wirtschaftlich annähernd weit entwickelt ist, toleriert einen solchen Grad an Armut.
Seit Arthur Cecil Pigou den Terminus "quality of life" 1920 in die wissenschaftliche Diskussion einführte, haben die regen fachlichen Diskurse zu einer Reihe neuer Erkenntnisse beigetragen. Doch ob unter Lebensqualität nun die Definition gesellschaftlicher Zielvorstellungen und/oder das Zentrum individuellen Wohlbefindens verstanden wird - die Weltgemeinschaft wird auf Dauer nicht umhin können, gemeinsam Konzepte zu entwickeln, um die tatsächlichen Rahmendaten positiver zu gestalten und endlich dafür zu sorgen, dass die sozialen Sprengladungen, die als destabilisierender Faktor grenzübergreifend wirken, dauerhaft entschärft werden. Aktuell geht von den globalen Unterschieden in der Lebensqualität ein unabsehbares Bedrohungspotenzial aus, das obendrein noch mit zahllosen Synergieeffekten rechnen kann.
http://www.heise.de/tp/artikel/15/15286/1.html- link zur lügenlage der welt (1.8.2003 0:51)
- haa! endlich mal ein guter satz ...ot (31.7.2003 23:03)
- Nachschlag? (26.7.2003 7:54)
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