'Reich der Mitte' will in 100 Tagen ersten Taikonauten ins All schießen
Hongkonger Zeitung zitiert anonyme Quelle, wonach China kurz vor der ersten bemannten Weltraummission steht - Deutsche Experten halten Starttermin für realistisch
Lange Zeit war es nur ein Duumvirat, das anfänglich stark miteinander konkurrierte, dann aber im Zuge neuer weltpolitischer Entwicklungen und finanzieller Zwänge immer stärker kooperierte. Jetzt aber stößt zu den arrivierten Weltraummächten USA und Russland, die als einzige Nationen bislang mit eigenen Trägersystemen und aus eigener Kraft Menschen ins All katapultieren konnten, noch die Volksrepublik China. In bereits 100 Tagen soll es losgehen - behauptet zumindest ein Informant gegenüber einer regierungsnahen Hongkonger Tageszeitung. Diese Ankündigung ist nach Ansicht zweier deutscher Raumfahrtexperten durchaus ernst zu nehmen.
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| Start der unbemannten Shenzhou IV am 30.12.2002. Foto |
Der schlafende Riese ist schon seit langem aus seinem Tiefschlaf erwacht. Das bevölkerungsreichste und flächenmäßig drittgrößte Land der Erde, die Volksrepublik China, steht nach über 44-jähriger Erfahrung mit unbemannten Weltraummissionen unmittelbar davor, sich neben den USA und Russland als neue dritte Kraft in der bemannten Raumfahrt zu etablieren. Wie die Tageszeitung Wen Wei Po am Montag berichtete, könnte in bereits 100 Tagen der erste "Taikonaut" mit einer Langer-Marsch-Rakete ins All gehievt und in die Schwerelosigkeit entlassen werden.
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Einer ungenannten, aber angeblich seriösen Quellen zufolge soll der "historische Start" der Shenzhou-5-Mission (SZ-5) "im Zeitraum vom Herbst bis zum Winterbeginn" über die orbitale Bühne gehen. Schon im Frühjahr hatte People's Daily berichtet, dass der Start der ersten bemannten Rakete im November diesen Jahres erfolgen solle. Im Juni wurde gemeldet, dass man trotz der Sars-Epidemie noch im Zeitplan liege. Nach Angaben der regierungsnahen Zeitung sollen die Missions-Verantwortlichen bislang aber weder über die genaue Anzahl noch die namentliche Auswahl der Crew-Mitglieder entschieden haben. Sicher sei nur, dass während der Missionsphase keine wissenschaftlichen Experimente durchgeführt würden. Außerdem werde der offizielle Starttermin der SZ-5-Mission aus Sicherheitsgründen erst wenige Tage vor dem Countdown bekannt gegeben, um die Raumfahrer vor unnötigen Stress-Situationen zu schützen.
Wie die von der "Wen Wei Po" zitierte anonyme Quelle betonte, spräche für einen baldigen Start zum einen die Tatsache, dass in der Pekinger "Aerospace City" auf einem abgelegenen Terrain vierzehn Taikonauten schon seit Monaten ein hartes Trainingsprogramm absolvieren. Zum anderen seien die Vorbereitungen der Notfallsysteme für die Abschussrampe und das Trägersystem so weit gediehen, dass einem Start nichts mehr im Wege stünde. Zudem werde, so der Informant, die SZ-5 entgegen den vorangegangenen Shenzhou-Testflügen nicht nachts, sondern tagsüber von dem am Rande der Gobi-Wüste in der nordwestlichen Provinz Gansu gelegenen chinesischem Weltraumbahnhof Jiuquan starten, weil dort die am Tag vorherrschenden höheren Temperaturen sowohl den Arbeitsbedingungen des Bodenpersonals als auch der Sicherheit der Astronauten zugute kämen.
Astronautenprogramm hat historische Wurzeln
Bereits 1959 startete China seine erste Rakete. Zwar basieren die Systeme damals wie heute größtenteils auf sowjetischer Technologie; allerdings wurde die chinesische Sojus-Variante stark modifiziert, so dass Kenner der Materie der chinesischen Raumfahrt inzwischen ein unverkennbares eigenes Profil attestieren. So bietet die Taikonauten-Kapsel gleich vier Raumfahrern Platz. Außerdem ist sie mit einer Art Tunnel und einer Andockstation ausgestattet, so dass zwei Kapseln zusammengekoppelt werden und für einige Zeit eine kleine Raumstation bilden können.
Dank der modifizierten und weiterentwickelten Langer-Marsch-Raketen verfügt Peking über ein zuverlässiges, erfolgreiches Trägersystem, mit dem in der Vergangenheit zahlreiche Satelliten erfolgreich und im Vergleich zu den US-Systemen oder der europäischen Ariane billiger in den erdnahen Weltraum transportiert wurden. Diese Zuverlässigkeit spiegelt sich auch in der bisherigen Statistik wider. So hat China beispielsweise seit 1986 insgesamt über 30 Satelliten für andere Länder wie die USA, Pakistan, Australien, Schweden, Brasilien und die Philippinen in den Weltraum gebracht.
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| Gelandet. Foto |
Nachdem Peking das 1968 initiierte erste bemannte Raumfahrtprogramm im Dezember 1980 aufgrund zu hoher Kosten einstellte, nahmen die Techniker und Wissenschaftler 1992 wieder ihre Arbeit auf. Seitdem unternimmt China große Anstrengungen, um den ersten "Taikonauten" weltraumtauglich zu machen. Bereits mehrfach haben verschiedene Insider und Kenner des chinesischen Raumfahrtprogramms Starttermine für die lang ersehnte bemannte Mission lanciert. Beispielsweise verdichteten sich schon vorletztes Jahr die Gerüchte, dass die Volksrepublik definitiv Ende 2001 den ersten Taikonauten ins All bringen will; Ende 2001 war dann von 2002 die Rede - und zu guter Letzt war letztes Jahr das Jahr 2003 in aller Munde.
Deutsche Raumfahrtexperten halten Ankündigung für glaubhaft
Auch wenn mit Blick auf die erste bemannte chinesische Mission die Gerüchteküche in den letzten Jahren schon mehrfach zu Unrecht brodelte, halten Experten den engen Zeitrahmen zwar für überraschend, den Startzeitpunkt aber dennoch für realistisch. "Nach den bisherigen geglückten unbemannten Shenzhou-Missionen halte ich den vorgegebenen Zeitrahmen für unerwartet aber nicht unrealistisch", erklärt der deutsche Raumfahrtexperte und Astrophysiker Prof. Dr. Hans-Joachim Blome von der FH Aachen. "Noch 1995 war in einer Studie 'China in Space' das Jahr 2010/2015 für den ersten bemannten Raumflug genannt worden, im Jahr 2000 nannten westliche Beobachter der chinesischen Raumfahrtszene einen Zeitraum von zwei bis fünf Jahren. Jetzt also 2003 - das wäre auf jeden Fall eine respektable technische Leistung, wenn es denn dazu kommt." Wissenschaftspolitisch gesehen könne es durchaus sein, so Blome, dass China angesichts des vorübergehend in Stocken geratenen amerikanischen bemannten Weltraumprogramm seine Chance zu einem weltweit beachteten Prestige-Erfolg nutzen wolle.
Ulrich Walter, der im Rahmen der D2-Mission 1993 als Wissenschaftsastronaut im Orbit weilte und nunmehr Professor für Raumfahrttechnik an der TU München ist, hält einen baldigen Start der SZ-5-Mission ebenfalls für denkbar. "Es ist ernsthaft damit zu rechnen, dass China noch in diesen Jahr seinen ersten Taikonauten ins All bringen wird." Was das Motiv anbelange, so ist auch Walter der Meinung, dass China das vorübergehend unterbrochene Shuttle-Programm der NASA dazu nutzen könnte, "um weltweit Aufmerksamkeit zu erlangen und einen Prestige-Erfolg zu erzielen".
Vielleicht können die ersten Taikonauten alsbald mit einer alten Weltraumlegende endgültig aufräumen. Denn entgegen allen anders lautenden Behauptungen ist die Chinesische Mauer, das weltweit größte jemals errichtete Bauwerk, aus dem erdnahen Orbit nicht zu bestaunen. Selbst unter größten Anstrengungen haben die im Orbit schwebenden Astronauten von ihren Raumstationen und Shuttles nichts von dem 6.000 Kilometer langen, an der höchsten Stelle 16 Meter hohen und 5 Meter breiten sagenumwobenen Gebilde sehen können. Und es darf davon ausgegangen werden, dass es auch unseren chinesischen Freunden in 100 Tagen nicht anders ergehen wird.
http://www.heise.de/tp/artikel/15/15287/1.html- schau mal hier: (28.7.2003 13:14)
- made in china (26.7.2003 15:53)
- Alter Witz (26.7.2003 11:59)
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