Das verordnete Nightlife-Matriarchat

Hubert Erb 26.07.2003

Spanische Dorfbewohnerinnen müssen von Amts wegen Donnerstags ohne ihre Kerle weggehen

Ein spanisches Dorf probt das in der Weltgeschichte bisher wenig aufgetretene Matriarchat. An einem Wochentag müssen Männer gemäß Anordnung vom Bürgermeister daheim bleiben, damit die Besseren Hälften ihr Kränzchen ungestört in die Kneipe verlegen können. Was, wenn das den Machos am Ende noch gefällt?

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Mutter Natur arbeitet seit längerem fleißig an der Abschaffung des männlichen Geschlechts. Adam stirbt im Durchschnitt wesentlich früher als Eva. Er hat Haarausfall. Er verliert - zumindest in den westlichen Industrienationen - wissenschaftlich nachgewiesen zunehmend die Fähigkeit, mit gehaltvollem Sperma Nachwuchs zu produzieren. Künstliche Befruchtungsmethoden drohen den Samenspender auch so überflüssig zu machen. Und der Herr der Schöpfung hat es zunehmend schwer, sich gegen seinen einzigen natürlichen Gegner zu behaupten. Er muss sich die großen Kinder David Beckham und Robbie Williams als "supi-süß" vorhalten lassen und ohnmächtig zusehen, wie sich ein globaler Superstar von seiner eifersüchtigen (da Ex-Star) Alten dressieren und nach Gusto mit affigen Kleidchen und Zöpfchen ausstaffieren lässt.

Und er muss mit ihr bei Bedarf im Park Fußball oder Tischtennis spielen und tunlichst freundlich darüber hinwegsehen, dass sie es leider einfach überhaupt nicht kann. Hast Du ganz toll gemacht, Schatz! Darf ich dann dafür mit Dir "Verbotene Liebe" und "Sex and the City" kucken?

Jetzt geht es ausgerechnet in Spanien, einer traditionellen Bastion des Machismo, noch einen Schritt weiter. Der Bürgermeister der Kleinstadt Torredonjimeno (im Süden Spaniens bei Jaen gelegen) hat den Donnerstag in seiner Kommune zum alleinigen Ausgehtag bzw. Ausgehabend für weibliche Wesen erklärt. Zwischen 21 Uhr und 2 Uhr früh haben exklusiv die Frauen Eintritt in den Gaststätten und Bars, ohne dafür einen Peso löhnen zu müssen. Die Polizei von Torredonjimeno überwacht, dass sich keine männlichen Bürger einschleichen, was selbige ziemlich erzürnt. Noch nicht geklärt ist, ob das Verbot auch unternehmenslustige auswärtige Männer einschließt. Caramba!

Der erst Ende Mai ins Amt gewählte Ortsvorsteher Javier Checa, dessen schillernder Lebenslauf die Tätigkeiten Zeitungsherausgeber, Fernsehproduzent und Präsident der spanischen Retro Dancing Federation aufzählt, ist der Meinung, dass die ortsansässigen Machos zwangsweise dazulernen müssen. Verantwortungsvolle Ehemänner und Partner können sich, wie Checa sagt, nicht jeden Abend bloß herumtreiben, sondern müssen auch einmal daheim bleiben, den Abwasch machen und die Kinder betreuen. Aber was nutzt das eigentlich, wenn sie dafür nicht da ist, um sich von ihm im trauten Heim mal nach Strich und Faden verwöhnen zu lassen? Wenn eine Spülmaschine vorhanden ist und die Sprösslinge um 21 Uhr schon schlafen bzw. selbst auf der Piste sind?

Und was ist mit der Wirtschaft? In der geht dann nämlich sofort der Salat aus und das Nierenschaschlik bleibt dafür liegen. Fatal dürfte der Frauenabend auch für Discotheken sein. Freier Eintritt für Damen kann wohl kaum noch eine Option sein, wenn damit definitiv kein trinkfester Gockel anzulocken ist. Die Cerveza wird im Fasse schal und Frauen können dann nur noch aufs Klo gehen, wenn sie vor lauter Weißweinschorle müssen. Shocking!

Nicht, dass Javier Checa der erste wäre, der den Männern im spanischsprachigen Kulturkreis partnerschaftliche Umerziehung per Verwaltungsakt angedeihen zu lassen versucht. Im März 2001 verfügte der leicht exzentrische Bürgermeister der kolumbianischen Hauptstadt Bogota bereits einmal ähnlich Aufsehen erregendes.

Major Antanus Mockus

Major Antanus Mockus, der z.B. 1996 seine Lebenspartnerin in einem Zirkus-Tigerkäfig geheiratet hatte, wollte mit einem (allerdings freiwilligen) Ausgehverbot für Männer an einem Freitag ebenfalls erreichen, dass Männer Frauen mehr achten. Denn häusliche Gewalt ist in Kolumbien ein ernstes Problem und die Kriminalitätsrate soll danach tatsächlich zurückgegangen sein.

Nun tritt so ein Softie-Spanier in die Fußstapfen des Kolumbianers. Wie wir uns seit dem Irak-Krieg denken können, hat Spanien als Mitglied der Koalition der Willigen großes Gewicht in der Welt. Schließlich besitzt Jose-Maria Aznar den streng limitierten VIP-Pass zur Ranch von George W. Bush. Und wie bei erfolgreichen Winner-Nationen so üblich, ist irgendwann auch mit dem Export dieser kommunalen Praxis u. a. nach Deutschland zu rechnen, wenn sie in Spanien Schule gemacht hat. Klar, Angela würde natürlich, wird es aber nicht, aber auch kein anderer Kanzler wird Nein sagen können. Wenn es der Unisex-Gleichberechtigung dienlich ist und dem weiblichen - weltweit ohnehin in der Mehrheit befindlichen - Wähler so gefallen könnte.

Dann aber fordern wir Männer schon einmal vorsorglich: Geregelte bundesweite Ausgehtage für Frauen während zukünftiger Fußball-Europameisterschaften/Weltmeisterschaften, damit während der Spiele nicht alle drei Minuten die Abseitsregel erklärt werden muss und ständig die Knack-Popos von Beckham und Konsorten bekreischt werden. Ferner Ausgehabende bei saftigen Klitschko-Massakern und Formel-1-Rennen, zumindest sofern sie auf den Abend fallen. Ersatzweise wollen wir Ausgeh-Gutscheine, wenn wegen vorgetäuschter Migräne das Ausgehen versäumt wurde. Nicht schlecht wären auch individuelle Ausgehverbote für besonders schwere Fälle wie Becker, der dann allein Zuhause "Black Beauty" schauen muss, Bohlen ("Veronas Welt" in Heavy Rotation), Tewaag (Michael Dudikoff-Filme) und Spengemann (schwarzer Bildschirm).

Aber wie wäre es eigentlich statt dessen mit einer gemeinsamen Ausgehpflicht für Paare? Dabei könnte man sich auch durchaus neu und wieder kennen lernen und feststellen, ob man überhaupt zusammenpasst. Sonst schleichen wir uns halt zum Nachbarn und machen uns einen bunten Herrenabend. Die Spülmaschine läuft, Biere und Kleine Feiglinge sind kaltgestellt, niemand schimpft über unsere Witze. Das Leben ist schön. Bis morgen früh.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15294/1.html
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