Webcams in die Klassenzimmer

Florian Rötzer 30.07.2003

Um die Eltern stärker einzubinden und die Schüler besser bändigen, schlägt ein britischer Lehrer die Internetüberwachung des Unterrichts vor

In Großbritannien tagt die Professional Association of Teachers (PAT). Da geht es nicht nur um Geld, Lehrpläne oder den Einfluss der Massenmedien auf die Schüler, sondern es werden auch kreativ Ideen für die Schule entwickelt. Noch können Lehrer in aller Regel unüberwacht hinter verschlossenen Türen ihrem Job mit den Schülern nachgehen. Was dort geschieht, lässt sich nur über Berichte der Schüler oder Lehrer rekonstruieren. Und nachdem die Eltern nicht mehr wie einst automatisch hinter den Autoritäten stehen, dafür aber bei ihren Kindern um des Friedens willen oder aus Hilflosigkeit so manchen übersehen, fühlen sich manche Lehrer alleine gelassen und fordern nun den Einzug von Webcams und Mikrofonen in die Klassenräume.

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Es wird selten vorkommen, wenn nicht gerade eine Karriere in der Aufmerksamkeitsgesellschaft über die Medien angeboten wird, dass Menschen freiwillig bei ihren Tätigkeiten überwacht werden wollen. Simon Smith, der seine Idee des überwachten Klassenzimmers den an der Tagung anwesenden Lehrern übermittelte, stieß erst einmal auf große Ablehnung. Möglicherweise aber hat er damit eine Tür geöffnet, die den Einzug der Überwachung in noch weitere Bereiche ermöglichen wird. Und Großbritannien ist gerade bei der Überwachung mit Videokameras weltweit führend, also womöglich auch dieser Idee aufgeschlossen. In manchen Kindergärten wurden bereits Webcams angebracht, die es den Eltern erlauben, mal schnell aus der Ferne und vom Arbeitsplatz aus zu schauen, wie es ihren Kindern geht - und ob die Betreuungsperson alles richtig macht.

Smith ging es in seiner Rede um Möglichkeiten, wie die Eltern stärker an der Schulausbildung ihrer Kinder beteiligt werden können. Wenn sie einen besseren Zugang zum Klassenzimmer hätten, dann könnten sie sich nicht nur ein Bild von der Leistung, sondern auch vom Verhalten ihrer Kinder machen. Die Lehrer nämlich fühlen sich ziemlich allein, wenn es um die Disziplin im Klassenzimmer mit den unruhigen, unaufmerksamem und die Autorität der Lehrer nicht mehr achtenden Schüler geht.

Da es jedoch erhebliche Schwierigkeiten machen würde, Eltern noch zusätzlich in die Klassenräume zu platzieren, um dem Treiben direkt zuzusehen, liegt es nahe, so der Lehrer für Design und Technologie, sich der Technik zu bedienen, die billig zu haben ist und fast dieselben Vorteile bietet:

Eine Webcam und ein Mikrofon sind kleine Geräte, die man für weniger als 25 Pfund erhalten kann. Sie können, verbunden mit der bestehenden ICT-Infrastruktur eine ganze neue Dimension für die Beteiligung der Eltern bieten - on demand! Eltern könnten sich auf eine entsprechende Website der Schule mit einem Kennwort einloggen und sich ganz am Lernen ihrer Kinder beteiligen. Sie würden selbst sehen können, was gelehrt wird. Sie könnten verfolgen, welche Hausaufgaben gestellt werden, und sie könnten gelegentlich die wirklichen Probleme sehen, die wir im Umgang mit ihren Kindern haben. Bilder sind ein mächtiges Werkzeug und sehr viel einfacher als ein kraftlos gewordenes papierbasiertes System zu benutzen.

Smith meint, die Sorgen, dann ständig von den Eltern kontrolliert und korrigiert zu werden, seien nicht wirklich berechtigt. Man könne nicht mehr die Türe schließen und sagen, das sei nur meine Angelegenheit. Er selbst glaube an eine Kultur des Austausches der besten Methoden. Lehrer also könnten doch auch etwas von Eltern lernen. Wenn die Eltern über Webcams und Mikrofone am Geschehen in der Klasse teilnehmen, würde eher, so die Hoffnung von Smith, eine Teamarbeit entstehen. Der Lehrer also wäre den Schülern nicht mehr alleine ausgeliefert, die Eltern würden Zuhause ihren Teil an der Erziehung wieder übernehmen und die Schüler selbst würden sich unter dem potenziellen Blick ihrer Eltern besser verhalten.

Schlechtes Verhalten ist ein großes Problem im ganzen Schulsystem, aber die Lehrer müssen damit alleine umgehen. Wenn die Schüler wüssten, dass ihre Eltern ihnen zusehen könnten, wie sie sich verhalten, würden sie zwei Mal darüber nachdenken, bevor sie die Klasse stören.

Vielleicht haben die Kollegen die Idee von Smith also noch nicht wirklich realisiert, wenn sie seinen Vorschlag überwiegend ablehnten. Es ist allerdings in der Tat wohl eher ein Ausdruck der Hilflosigkeit, von der Technik und der Überwachung alleine eine positive Veränderung des Schulalltags zu erwarten. Überdies könnten Eltern - oder andere, die in den Besitz eines Kennworts gelangen -, nicht nur die Leistung und das Verhalten der Lehrer und ihrer Kinder, sondern auch das der anderen Kinder einsehen (als Kritik wurde auch erwähnt, dass sich solche Wesbites als Tummelplätzen für Pädophile erweisen könnten). Dass sich im häuslichen Leben groß etwas ändert, ist jedenfalls kaum abzusehen. Wer sich nicht sonderlich um das schulische Leben seiner Kinder kümmert, dürfte das auch mit der Webcam nicht machen. Dafür aber könnte das Leben mancher Lehrer erst recht zur Hölle werden.

Die Lehrer also wollen die Überwachung (noch) nicht. Das Bildungsministerium von England lässt es den Schulen allerdings schon einmal frei, Webcams einzusetzen, wenn dies gewünscht wird. Jede Schule müsse selbst bestimmen, wie am besten das Verhalten im Klassenraum überwacht wird, aber dabei auch die erforderlichen Aspekte wie die Beachtung der Privatsphäre, die Haltung der Eltern oder die Einstellung der Kommune berücksichtigen.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15333/1.html
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