"Außerirdischer" Rekord im Orbit
Der erste "außerirdische" multinationale Außenposten der Menschheit ist jetzt seit 1000 Tagen ständig bewohnt
Das Mammutprojekt, an dem 16 Nationen partizipieren, ist in vielerlei Hinsicht ein Rekordhalter. Es ist nicht nur das teuerste internationale technische Großprojekt, die in punkto Geschwindigkeit schnellste Wohneinheit der Erde und die größte Raumstation aller Zeiten; neuerdings kann es auch mit einem Langzeitrekord aufwarten, den seine bisherigen sieben Crews ermöglicht haben. Heute feiert der All-Außenposten der Erde ein Jubiläum. Seit genau 1000 Tagen ist er "ständig" besetzt, bemannt bzw. befraut. Und damit nicht genug. Die nächste Besatzung, die soeben vorgestellt wurde (mehr hierzu in einem weiteren TP-Beitrag), wird hieran nahtlos anknüpfen und den Rekord noch weiter ausbauen. Das Abenteurer Raumfahrt sowie der Traum von einer permanent bemannten/befrauten Raumstation geht unvermindert weiter. Die nächsten 1000 Tage stehen an.
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Die alte respektable MIR ist noch in guter Erinnerung. Von allen per manus konstruierten bemannten Raumstationen hat der einstmals sowjetisch respektive russische orbitale Außenposten bis auf den heutigen Tag die meisten Jahre und Kilometer auf dem Buckel.
Gute alte MIR - gute junge ISS
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Sage und schreibe 15 Jahre und einen Monat lang kreiste die Raumstation um Mutter Erde; genau 86.331 mal umrundete sie dabei ihren Heimatplaneten und legte eine Gesamtdistanz von 3,5 Milliarden Kilometern zurück. Summa summarum 104 Kosmonauten und Astronauten aus 12 verschiedenen Ländern lebten und arbeiten an Bord der MIR. Zwar wurden bislang auf keiner Mission im All so viele Experimente erfolgreich durchgeführt wie auf der MIR (es waren 23.000 an der Zahl), doch vieles spricht dafür, dass die ISS den einstigen russischen All-Außenposten in vielen Belangen überholen wird, wenngleich für "damalige" Verhältnisse die Bilanz der Weltraumspaziergänge (von der MIR aus) schon außerordentlich war: 78 mal kletterten diverse Kosmonauten in die unbewegliche Raumfahrermontur, um ermüdende Reparaturarbeiten im All zu verrichten. Alles in allem werkelten die "Außendienstler" 352 Stunden im All.
Aber auch die bisherige Statistik der Internationalen Raumstation ISS liest sich nicht schlecht. Seit dem 20. November 1998, als das Zarya-Modul als erstes Element der Raumstation Alpha (wie sie damals noch hieß) ins All katapultiert wurde, absolvierten die ISS-Astronauten und Kosmonauten zwölf knochenharte Space Walks und schwebten insgesamt sogar 318 Stunden und 37 Minuten im All. Elf NASA-Raumfähren beehrten die ISS mit einer Visite. Und insgesamt zehn russische Progress-Versorgungsfrachter versorgten die Raumfahrer mit allem, was die Herzen der bisherigen sieben Mannschaften begehrten. Vier Mal machte eine Sojus-Raumkapsel an der ISS fest. Nicht minder beeindruckend gestaltet sich die Erfolgsstory der 186.357 Kilogramm schweren ISS auf rein technischer Ebene. Neben der größten Solarsegel-Anlage, die jemals im All errichtet wurde, kann die ISS mit weiteren Superlativen aufwarten: Da hat man jetzt nicht nur mit Destiny das modernste und größte Weltraumlabor aller Zeiten als Experimentierstube zur Verfügung, sondern auch das beste und komfortabelste Wohnmodul der Raumfahrtgeschichte, was im übrigen aber auch für die alle halbwegs habitablen Module der ISS gilt, die insgesamt immerhin ein Volumen von 425 Kubikmetern ("15.000 cubic feet") aufweisen. Dies entspräche, wie die NASA stolz verkündet, der Größe einer Drei-Zimmer-Wohnung.
Separater Fitnessraum
Obwohl der All-Tag an Bord der Internationalen Raumstation für die dort lebenden Besatzungsmitglieder alles andere als ein Zuckerschlecken ist, obgleich im Orbit sinnlich-kulinarische Genüsse in der Regel nicht auf der Speisekarte stehen, weder Spaß noch Abenteuergefühle, sondern der Kampf gegen Gleichgewichts- und Appetitstörungen sowie Knochen- und Muskelschwund den Tagesablauf bestimmen, lässt es sich anscheinend auf der "Station" - wie die Raumfahrer die ISS intern bezeichnen - dennoch gut leben. Life here is good", sagte vor einigen Wochen noch Ed Lu in einen Interview mit NASA TV. "We are having a really good time, we're doing a lot work and I think we're being productive".
Richtungweisend hierfür sind auch die für den All-Tag nicht alltäglichen komfortablen Arbeits- und Wohnbereiche, worunter sich auch ein separater Fitnessraum befindet, in dem die Raumfahrer trotz bzw. gerade wegen der Schwerelosigkeit täglich Gewichte stemmen müssen: pro Tag insgesamt zwei Stunden, um dem drohenden Muskelschwund vorzubeugen.
Vielleicht erklärt dies den aktuellen Rekord, der wirklich das Attribut "raumfahrthistorisch" verdient, bewohnten doch erstmals sieben Crews - darunter waren insgesamt zehn Russen und zehn Amerikaner - eine Raumstation 1000 Tage lang ohne Unterbrechung. Seit dem 2. November 2000 ist der Außenposten der Erde im All ständig besetzt. Seitdem schwitzte sich ständig eine andere Besatzung an Bord der Internationalen Raumstation, die ursprünglich von amerikanischer Seite auf Freedom getauft, aufgrund des internationalen ISS-Projektcharakters allerdings dann in "Alpha" umgetauft wurde, bis sie den bei den Astronauten höchst unbeliebten phantasielosen Namen ISS verpasst bekam, die Seele aus dem Leib.
Damoklesschwert über der ISS
Ins Schwitzen kommt auch die aktuelle Expedition Seven Crew, da vier Hände nun einmal weniger schaffen als sechs. Mit anderen Worten: 389,5 Kilometer über der Erde wird nach wie vor geschuftet, geforscht, beobachtet, dokumentiert und trainiert. Mal überprüfen Malenchenko und Lu einzelne technische Apparaturen, mal checken sie das komplette Lebenserhaltungssystem nebst Solarstromanlage, Wasserversorgung, Sonnenpaddeln etc.; mal steht das Computersystem zur Disposition, mal das tagtägliche, körperliche Training auf dem Programm und ein anderes Mal darf mit den Lieben daheim geplauscht werden. Und so wird es wohl auch die nächsten 1000 Tage sein, sofern das Damoklesschwert, das über der ISS immer noch schwebt, nicht vorher runterfällt.
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| Astronaut Edward T. Lu, Expedition 7 NASA ISS Wissenschaftsoffizier beim Training |
Tatsache ist: Noch immer fehlt das liebe Geld an allen Ecken und Enden. Und noch immer ist neben dem Finanzplan auch der ursprüngliche Zeitplan völlig aus den Fugen geraten, woran auch die Columbia-Katastrophe (vgl. Die Raumfahrt lebt von der Vision des Morgen) einen erheblichen Anteil hatte.
Ob nach 1.713 Tagen im All das aufwändigste Technikprojekt der Menschheitsgeschichte eines Tages zu einem menschenleeren Geister(-raum)schiff verkommt, so wie dies Zweck-Pessimisten oder apodiktische Raumfahrtgegner gerne sähen, wäre dem Projekt nicht zu wünschen, da sich mit Geisterschiffen bekanntlich keine neuen Kontinente entdecken lassen.
Vieles wird davon abhängen, wann der Bau der "Station", der eigentlich bis zum Jahr 2006 beendet sein sollte, definitiv abgeschlossen sein wird. Dies steht derzeit zwar noch in den Sternen. Aber diesen ist die ISS-Besatzung immerhin - und dies mag ein schwacher Trost sein - wenigstens räumlich viel, viel näher ist als wir oder besser gesagt "die-da-unten".
http://www.heise.de/tp/artikel/15/15336/1.html- reply (2.8.2003 13:56)
- What the heck? (1.8.2003 22:49)
- Wo kann ich Astronautenahrung kaufen ? (1.8.2003 18:04)
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