Tauschen im Untergrund

04.08.2003

Aus Angst vor den Klagen der Musikwirtschaft ziehen sich immer mehr P2P-Nutzer in schwer kontrollierbare Kleinstnetze zurück

Mehr als 1.000 Nutzernamen hat die Recording Industry Association bereits von US-Internetprovidern angefordert. Ihr erklärtes Ziel ist es, mehrere hundert schwere Fälle zu verklagen, um so andere vom Tauschen abzuhalten. Die Meinungen darüber, ob die Abschreckungskampagne des Lobbyverbands Wirkung zeigt, gehen auseinander. Vertreter der Musikindustrie verweisen auf zurückgehende Nutzerzahlen der großen Netzwerke. Gleichzeitig wachsen jedoch die kleinen, schwerer kontrollierbaren P2P-Netze.

Eines dieser Netze hört auf den Namen Direct Connect, kurz auch DC genannt. In der P2P-Szene gilt es als Tausch-Oase für Hardcore-Nutzer mit stets ausgelasteter Breitband-Verbindung. Schon der Zugang zu einem der Hubs genannten DC-Server stellt Anforderungen, denen Gelegenheitstauscher kaum gewachsen sind. Dort heißt es dann: "Für diesen Hub musst du mindestens 50 Gigabyte zum Tausch bereits stellen. Komm wieder, wenn du mehr anzubieten hast." Mit solchen Barrieren wollen die Betreiber der Tauschknoten egoistische "Leecher" aussperren, die nur Daten herunterladen, ohne selbst etwas zum Tauschbetrieb beizutragen. Doch sie gelten in der Szene auch als Schutz vor Ermittlern der Musik- und Filmwirtschaft.

Nach Angaben der Direct Connect-Entwicklerfirma NeoModus wird das System mittlerweile von mehr als 110.000 P2P-Fans gleichzeitig genutzt. Über DC-Hubs sind demnach rund 5.000 Terabyte an Daten verfügbar. Das entspricht fast der Summe aller über die populären Tauschprogramme Kazaa, Imesh und Grokster angebotenen Daten - und das, obwohl deren Tauschnetzwerk fast vierzig Mal so viele Nutzer aufweist. Vollkommen sicher vor den Copyright-Cops der Musikwirtschaft sind natürlich auch Direct Connect-Nutzer nicht. Immer mehr Hub-Betreiber beschränken den Zugriff deshalb auf den eigenen Netz-Bekanntenkreis. Wer solch einen Server nutzen will, muss sich erst einmal in IRC-Chats oder Web-Foren das Vertrauen und das nötige Passwort der Administratoren erarbeiten.

Angst oder Urlaub?

Wer sich nur eben mal ein paar MP3s aus dem Netz laden will, wird mit Direct Connect wohl kaum seine Freude haben. Doch auch Gelegenheitstauschern bereiten die RIAA-Drohungen offenbar vermehrt Sorgen. Als Beweis für den Erfolg ihrer Angst-Kampagne führen die Vertreter der Musikwirtschaft die Nutzer-Zahlen des Fasttrack-Tauschnetzwerks an. Seit Beginn der Kampagne im Juni greifen im Schnitt rund 700.000 Nutzer weniger auf das größte aller P2P-Netze zu. Kritiker wenden allerdings ein, dass dies auch einen viel profaneren Grund haben könnte: Mit dem Beginn der Sommerferien sinkt gewöhnlich die Zahl der P2P-nutzenden College Studenten.

Gleichzeitig berichtet das Online-Magazin Slyck.com, dass andere P2P-Netzwerke in den vergangenen Wochen deutlich gewachsen sind. Einer der Gewinner ist das auf MP3s spezialisierte MP2P-Netz, das mittlerweile mehr als 210. 000 Nutzer verzeichnet. Das MP2P-Programm Blubster hatte in den vergangenen Wochen damit geworben, die Privatsphäre seiner Nutzer besonders gut zu schützen. Tatsächlich verhindert Blubster jedoch lediglich das Durchsuchen des gesamten Festplatteninhalts - eine Funktion, die mittlerweile sogar in Kazaa integriert wurde. Automatisierte Suchen, wie sie von Copyright-Wächtern eingesetzt werden, lassen sich damit nicht verhindern.

Sicherheit ohne AOLs Segen

Vollkommene Abhörsicherheit verspricht dagegen ein Programm namens W.a.s.t.e., das in den letzten Wochen ebenfalls viele neue Freunde gefunden hat. Entwickelt wurde es vom Nullsoft-Gründer Justin Frankel, der auch der Vater des beliebten MP3-Abspielprogramms Winamp und des Gnutella-Tauschprotokolls ist (Gnutella: Noch nicht trocken hinter den Ohren und schon "ein verdammter Kult"). Frankel veröffentlichte W.a.s.t.e. inklusive des Source-Codes Ende Mai auf einem Nullsoft-Firmenserver. Das Programm bietet kleinen Gruppen die Möglichkeit, in einer durch starke Verschlüsselung geschützten Umgebung per Chat und Instant Messaging zu kommunizieren und dabei Dateien auszutauschen.

Damit macht es nicht so sehr Kazaa und Gnutella, sonder eher klassischen Instant Messaging-Diensten wie AOLs AIM Konkurrenz. Die Ironie der Geschichte: AOL ist seit dem Sommer 1999 Eigentümer von Frankels Firma Nullsoft. So dauerte es dann auch nicht lange, bis Wa.s.t.e. aus dem Netz entfernt und durch eine Copyright-Warnung ersetzt wurde. Innerhalb weniger Stunden wurde die Original-Website jedoch auf zahlreichen Servern gespiegelt.

Mittlerweile haben sich zwei Teams von Programmierern unabhängig voneinander an die Weiterentwicklung der Software gemacht. Zudem sind eine ganze Reihe von W.a.s.t.e.-Netzen entstanden. Die zum Eintritt in die verschlüsselte Welt nötigen Keys werden dabei oft über einschlägige Web-Foren ausgetauscht. Ganz im Sinne des Erfinders dürfte dies nicht sein, da die Netze damit praktisch jedermann offen stehen. Doch es hilft, W.a.s.t.e populärer zu machen und P2P-Nutzer für Sicherheitsaspekte der von ihnen genutzten Technologie zu sensibilisieren.

Das Wachsen der Darknets

Den Ermittlern der Musikindustrie dürfte der Trend zu kleineren und schwerer kontrollierbaren Netzen kaum gefallen. Bestätigt fühlen werden sich dagegen vier Microsoft-Forscher, die im November letzten Jahres einen Aufsatz zu P2P-Netzen veröffentlicht haben (Microsoft-Forscher: Gegen Tauschbörsen hilft kein DRM). Darin erklärten die vier, die durch Napster in Gang gesetzte Tauschkultur ließe sich nicht mehr stoppen. Eine technische Kontrolle sei gesellschaftlich nicht durchsetzbar. Wenig Sinn sahen die Forscher auch im Einsatz juristischer Mittel gegen P2P-Nutzer. So prophezeiten sie, dass diese dadurch lediglich in schwer zu kontrollierende Kleinstnetze - von ihnen auch plakativ Darknets genannt - verdrängt würden. Wörtlich heißt es dazu in dem Aufsatz:

Studenten werden Darknets in ihren Wohnheimen errichten. Jeder Student wird gleichzeitig Mitglied anderer Darknets sein

Etwa durch seine Familie, verschiedene Hobby-Gruppen, alte Freunde aus der Schulzeit und Kollegen vom Teilzeit-Job. Wenn es ein paar aktive Super-Peers gibt - Nutzer, die eifrig Inhalte aufspüren und zum Tausch anbieten - dann können wir erwarten, dass Inhalte rasch von Darknet zu Darknet weiter verbreitet werden. Relativ kleine Darknets werden nahezu so viele Inhalte anbieten wie die globalen Tauschnetze heutzutage.
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