Technisch reproduzierbar: Das Kunstwerk

In einem wohl bislang einmaligen Marketingexperiment digitalisiert die Londoner National Gallery ihre komplette Gemäldesammlung, um im Museumsshop Kunden ihr Lieblingsbild in beliebigen Formaten ausdrucken lassen

Die "Aura" eines Kunstwerks ist nach Walter Benjamin jenes Kraftfeld um ein originales Werk, dass eine technische Reproduktion niemals wird erreichen können. Was aber ist, wenn diese Reproduktionen immer besser und besser werden? Und wenn sie nicht nur besser werden, sondern auch noch in höchster Qualität überall herunter geladen werden können? Noch ist es nicht ganz soweit, aber die jüngsten Bemühungen der Londoner National Gallery, die Attraktivität ihres ohnehin schon bemerkenswerten Museumsshops weiter zu erhöhen, lassen dieses Szenario zumindest für die 2300 Gemälde dieser Galerie mehr als denkbar erscheinen.

Die Museumsdirektion hatte sich vor einigen Monaten dazu entschlossen, einen Print-on-Demand-Service einzuführen, der jetzt in Betrieb genommen wurde. Beim Print-on-Demand gehen Kunden an die Kasse und bestellen dort ihr Lieblingsbild, statt eines der fertigen Poster zu erwerben. So es bereits digitalisiert wurde, wird das angeforderte Bild dann innerhalb von fünf Minuten ausgedruckt, zunächst wahlweise in den Formaten A4, A3 oder A2.

Im Augenblick sind bereits etwas mehr als tausend verschiedene Gemälde von Boticelli über Constable bis Turner zu Preisen zwischen zehn und 25 Pfund (etwa 15 bis knapp vierzig Euro) erhältlich. Die übrigen 1300 Bilder sollen bis Jahresende folgen, idealerweise schon bis zum Weihnachtsgeschäft, wie die Galerie auf Nachfrage mitteilte. Nicht einmal extra nach London reisen muss man: Die Bilder können sowohl telefonisch als auch über das Internet bestellt werden.

Ein bisschen warten könnte sich lohnen...

Das eigentlich Spektakuläre an der Aktion der National Gallery ist die Qualität der Reproduktionen. Es sind nicht irgendwelche Digitalaufnahmen einer Fünf-Megapixel-Kamera, die dann durch einen herkömmlichen Drucker gejagt werden. Die Bilder entstammen vielmehr einer seit acht Jahren bestehenden Kooperation der wissenschaftlichen Abteilung der Galerie mit der Firma Hewlett-Packard, die eine digitale Kamera zur Verfügung gestellt hat, mit der das liegende Bild gewissermaßen abgescannt wird. Auf diese Weise wird eine Auflösung von hundert Megapixeln und mehr erreicht. Nach Aussage eines Galeriemitarbeiters übertrifft die Qualität der Ausdrucke die von herkömmlichen Postern um Längen. Auch sollen die Ausdrucke mindestens siebzig Jahre lang farbecht bleiben.

Die Überlegungen der Galerie, die Druckerlaubnis zukünftig auch im Rahmen von Lizenzverträgen an andere Kunstanbieter oder Museumsshops weltweit zu erteilen, hat Befürchtungen laut werden lassen, dass die Bilder früher oder später ins Internet wandern könnten. In der Museumsdirektion nimmt man das offensichtlich eher gelassen. "Dagegen können wir eh nichts tun", sagte etwa die Museumssprecherin Jennifer Lea nach einem Bericht des New Scientist. Auch an einen Schutz der Bilder mittels elektronischem Wasserzeichen ist offensichtlich nicht gedacht.

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