Rätselhafter Stromausfall

Florian Rötzer 15.08.2003

Der Zusammenbruch des Stromnetzes in weiten Teilen Nordamerikas demonstriert die Abhängigkeit von verletzlicher Technik, selbst wenn Terrorismus oder Computerwürmer damit nichts zu tun haben sollten

Ratlos postete ein New Yorker gestern nachmittag um 3:39pm Ortszeit auf Indymedia: "Lower Manhatten - no tv, no FM radio, no street lites. people coming outside. no news on any news site. what's up?" Gestern kam es in weiten Teilen Nordamerikas zu einem Stromausfall, der von New York über Cleveland und Detroit bis nach Toronto und Ottawa nach Kanada reichte und viele lahm legte.

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Any Plane Around? Der brasilianische Karikaturist Latuf reagierte schnell

In New York wurden nach Medienberichten Bürogebäude evakuiert und gingen Hunderttausende auf die Straßen. Fahrstühle, U-Bahnen und Züge steckten fest, Ampeln gingen nicht mehr, der Verkehr stand still, denn das geschah ausgerechnet zu der Zeit, in der der Berufsverkehr einsetzt. Auch die Flughäfen waren betroffen. Auch die Telefon- und Handynetze brachen manchen Orts zusammen. Wegen des Stromausfalls mussten auch vier Atomkraftwerke in New York und Ohio abgeschaltet werden.

Zumindest noch scheint keine Panik ausgebrochen zu sein, denn vermutlich haben viele zuerst an einen Terrorakt gedacht. Schließlich hält das Heimatschutzministerium die Gefahrenstufe unverdrossen seit langer Zeit auf "erhöht". Von den Behörden aber wird ein Terroranschlag ausgeschlossen. Die Federal Energy Regulatory Commission (FERC) erklärte, dass ein Elektrizitätswerk in Manhattan den Stromausfall verursacht habe, der dann das Stromnetz, das von Niagara Mohawk Power betrieben wird, in weiten Teilen lahm gelegt habe. Es gebe keinen Hinweis darauf, dass dabei Terrorismus im Spiel sei.

"Wir sind eine Supermacht mit einem Stromnetz der Dritten Welt.

In New York rief Bürgermeister Michael Bloomberg den Notstand aus und forderte die Bürger zur Ruhe auf. Die Abschaltung sei wie vorgesehen erfolgt, um einen größeren Schaden zu vermeiden. Er dementierte eine CNN-Meldung, dass ein Feuer in einem Elektrizitätswerk den Stromausfall verursacht habe und schob das Problem einem E-Werk in der Nähe der Niagara-Fälle zu. Allerdings scheint der Grund für Stromausfall noch nicht wirklich bekannt zu sein. Nach einer AP-Meldung habe ein hoher Polizist gesagt, dass FBI und Heimatschutzministerium einen Terroranschlag ausschließen und den Stromausfall als einen "natürlichen Vorfall" betrachten.

The Power system is an interconnected system so when one part goes bad it affects all the parts. There was some disturbance but we don't know where it was yet. What's surprising is that it affected such a wide area. Supposedly it should have been isolated so the fault doesn't affect the rest of the system.

It may take months for us to find out what propogated the outage. Somehow, the equipment that was supposed to stop the propogation did not function in time. If we talk about a large plant, that has a big impact on the system.

I would not speculate on terrorism at all. A disturbance on the system could happen for any reason. The system is extremely vulnerable and you know where our transmission lines are -- cables beneath our offices or a drive out of a city.

Auch wenn es sich nicht um einen Terroranschlag handelt, so dürfte dies doch wieder vor Augen führen, wie empfindlich die gesamte Infrastruktur hoch entwickelter Gesellschaften ist. Ohne Strom läuft gar nichts mehr. Und wenn tatsächlich der Stromausfall von einem E-Werk ausging und das riesige Netz lahm legte, dann ist es auch ohne Terroristen, die nun womöglich auf neue Ideen für spektakuläre Anschläge kommen, höchst bedenklich. Zwar scheint allmählich bereits der Strom, wie Bloomberg sagt, wieder "aus dem Norden und Osten zurück zu kommen", aber das sei ein Prozess, der schwierig zu steuern sei.

Immerhin scheinen die Menschen den Verlautbarungen der Behörden Glauben zu schenken. Nachrichten werden dem erstaunten New Yorker präsentiert, der sich plötzlich ohne Strom und ohne Medien vorfand. Einer fragt allerdings auch, ob der Stromausfall nicht auch etwas mit dem Wurm W32.Blaster zu tun haben könne. Das hat natürlich mehr Menschen umgetrieben. Bill Murray vom FBI schloss dies jedoch aus.

Schön aber ist auch ein anderer Kommentar:

thank goodness those crazy anarchists aren't causing even more damage...

all the power went out and my first thought was--blame the anarchists!

thank god and all that's holy that you freaks aren't making things worse by cutting power lines or damaging radio and tv towers or some such nonsense. it's good to see that when a real emergency happens, you people are as civilized as the rest of us.

tomorrow morning, i will wake up and be able to access my local ATM machine, and so will you. and that's all that really matters.

thanks for holding back your crazy revolutionary zeal while the rest of us cope with reality.

Die New York Post, die Bild-Zeitung für New York, hatte gerade noch angesichts der Festnahme des Waffenhändlers Hemant Lakhani, der Sting-Raketen angeboten hatte, getitelt und wollte damit die quotenfüllende Erregung erzielen: THE MAN WHO WANTED TO DESTROY AMERICA.

Die Stadt gab die Meldung aus: "People are encouraged to walk home and to avoid driving on streets, tunnels and bridges." Zudem wurden Tipps gegeben, wie man sich an heißen Tagen verhalten soll, was allerdings manchen, die in U-Bahnen oder Fahrstühlen festsitzen, nicht viel helfen mag. Aber man hatte nach den Erfahrungen, die man in New York bereits 1965, 1977 und 1999 mit Stromausfällen gemacht hatte, auch spezifische Informationen vorbereitet:

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15448/1.html
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