Kein Woodstock auf Rügen

25.08.2003

Wir schon wieder - Auf dem laut Veranstalter größten Jugendfestival Deutschlands war von neuer Friedensbewegung nichts zu spüren

Von einem Woodstock auf Rügen konnte wirklich keine Rede sein, als am vergangenen Wochenende in Prora ca. 15000 Besucher das laut Veranstalter größte Jugendfestival Deutschlands in diesem Jahr feierten.

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Dafür sorgte schon das eher für Gruftipartys geeignete Ambiente. Schließlich wurde Prora 1938 im Zuge des Programms Kraft durch Freude vom NS-Regime als Ferienanlage für die Angehörigen der "Deutschen Arbeitsfront" konzipiert. In der DDR war das Areal Kasernengelände. Nach der Wende wusste man lange nicht, was man mit dem herunter gekommenen Gemäuern anfangen soll. Doch mittlerweile hat sich eine neudeutsche Erinnerungskultur entwickelt. Ein "Urlauber-Erlebnis-Angebot der besonderen Art" bietet die KulturKunststatt Prora an. KdF-Bauten und NVA-Museum auf einem Ticket.

Nicht das die damaligen Zeiten verherrlicht werden. "Die KdF-Bauten in Prora Denkmal? - Denk mal" heißt es ganz kritisch. So erinnerte das Jugendevent eher an Friede - Freude - Eierkuchen als an "Kraft durch Freude". Nicht mal der Hauch von Aufmüpfigkeit durfte erst aufkommen. Das Nacht-Badeverbot sei weitgehend akzeptiert worden. Jugendliche, die es trotzdem versuchten, seien darüber hinaus "sehr einsichtig" gewesen, schwärmten die Organisatoren.

Auch politisch war Pragmatismus Trumpf. Ob Gregor Gysi, Angelika Merkel oder das Präsidentenpaar Rau, das eigens einen Ferientag auf Rügen einlegte, alle wurden von den Jugendlichen bestaunt. Doch meist waren sie nach wenigen Minuten wieder weg, denn schließlich war es am Strand oder beim Sport interessanter. Auch die zahlreichen uniformierten Angehörigen von Bundeswehr und Marine waren auf Rügen höchst willkommen. Kritische Fragen oder gar offenen Widerspruch, wie er noch in den 90er Jahren auf jedem Kirchentag formuliert wurde, brauchten sie hier nicht zu befürchten. War da nicht noch vor Monaten überall von einer Friedensbewegung unter großer Beteiligung der Jugend die Rede?

Krieg oder Frieden wurden auf Rügen ebenso wie Globalisierungskritik oder Umweltschutz höchstens in Mini-Workshops thematisiert. Dort konnte sogar ein Kreuzberger Jungautonomer mit Solid-Mitgliedsausweis seine radikalen Thesen vortragen. So wurde auch die Minderheit der Jugendlichen eingebunden, die durch das Tragen von T-Shirts mit dem Konterfei von Che Guevara vielleicht ansatzweise Widerspruch zur Gesellschaft ausdrücken wollen. Zahlreicher vertreten waren aber die Motive der Böhsen-Onkelz, die sich nach einer halbherzigen Distanzierung von ihrer rechten Vergangenheit zum Teenager-Idol entwickelt haben.

Der Rügener Jugendevent war aber nicht nur eine Präsentation der General Handy. Es war auch ein im Sinne der Veranstalter gelungenes Beispiel für die Festivalisierung der Standortförderung. Mecklenburg-Vorpommern tut Gut, heißt es schon auf dem Cover des Veranstaltungsreader. Auf einer Pressekonferenz ließen sich die Organisatoren lange über die wirtschaftliche Situation in der Region und die Abwanderungstendenzen aus. Doch daran können noch so viele Festivals nichts ändern. "Die Jugend von Rügen ohne Zukunft aber mit Ideen", lautete die Parole auf einem Transparent auf dem Gelände. Ob das vielleicht sogar kritisch gemeint war?

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