Die Prediger kommen

Das Konspirologengetue zu 9-11 nimmt quasireligiöse Züge an

Don't judge a book by its cover, so lautet der lebensweise Rat zu allen Fragen der Kritik - normalerweise. Aber schon vor achtzig Jahren hielt der Philosoph Walter Benjamin in seinen dreizehn Thesen zur Technik des Kritikers fest[1], dass dem Polemiker die Aufgabe gestellt sei, ein Buch in wenigen seiner Sätze vernichten zu können. Wenn es keinen Sinn macht, den Inhalt einer Aussage, eines Werks, eines Ereignisses zu kritisieren, weil er grundsätzlich nicht satisfaktionsfähig ist; wenn man andererseits aus Gründen der schieren Zeitgenossenschaft an dem Unsinn nicht vorbeisehen kann, behält Benjamin gegen den Ruf nach Ausgewogenheit recht.

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Am 7.9. kommt es also ein weiteres Mal zu einem Konspirologen-Pow-Wow in Berlin, dessen Vorläufer schon am 30.6. diesen Jahres gehörig für Remmidemmi gesorgt hatte. Diesmal tagt man nicht im Auditorium Maximum der Humboldt-Universität, sondern in den Arenen des Berliner Tempodrom.

Es lohnt sich, den Internet-Auftritt, der für den neuerlichen Großkampftag der Wahrheit wirbt, ein wenig zu studieren. Mit von der Partie sind die üblichen Verdächtigen, erzählen werden sie, wie das Programm im Vorhinein klar macht, das Übliche. Gerüstet mit Suggestivfragen, Quellen der schummerigen Art, viel aufklärerischem Pathos, das ohne Klarheit auskommt, einer Menge Hysterie und anderen Zutaten aus dem Schaustellergewerbe wird der gruselbereiten Fangemeinde erzählt, was jeder halbwegs wache Medienkonsument ohnehin weiß: Regierungen lügen. Die Erkenntnis, dass sie das tun, weil es ihr Job ist, füllt allerdings den Abend nicht, und so werden die Wanderprediger am 7.9. mit allerlei Showeinlagen, wie zum Beispiel einer "Live-Schaltung nach New York" die Gemeinde der Gläubigen bei Laune halten.

Nichts, was P.T. Barnum zur Vorbereitung eines gelungenen Zirkusabends empfohlen hätte, fehlt bei der Gestaltung der Website. Da sind die großen Schrifttypen, die schreienden Farben, die Plakate zum Selbstausdrucken und Weiterverbreiten der frohen Botschaft und all das andere. Die Militanz für den Hausgebrauch erweist sich an dem Trotz, mit dem der ganzen derzeitigen amerikanischen Administration versichert wird, man lasse sich von ihr nicht beirren, gerade so, als sei die derzeitige amerikanische Administration speziell darauf aus. Sie wollen ihren Spaß schon haben, selbst wenn's die Mächtigen nicht gar so gerne sehen. Ein Overkill an Experten, deren Expertentum nicht genug betont werden kann, weil es nichts taugt, soll Seriosität simulieren. Brandneue Rechercheergebnisse werden angekündigt. Durch peinlich genaue Regeln zu Vergabe und Verfall der Eintrittskarten wird ein mächtiges öffentliches Interesse an der Veranstaltung schon im Vorhinein dokumentiert, in der Hoffnung, genau dieses Interesse weiter anzukurbeln.

Da man dennoch auf den Underdogeffekt und den Status als gefährdete Minoriät nicht verzichten will, bleibt die Nummer des Spendenkontos nicht ungenannt. Selbst eine Pro-forma-Distanzierung von "Gruppierungen der rechten nationalistischen Szene" darf nicht fehlen - nur für den Fall, dass sich Horst Mahler, magisch angezogen von inhaltlichen Übereinstimmungen, einen weiteren Besuch bei den Kollegen nicht verkneifen kann. Gewollt haben sie ihn dann nicht, die Fragesteller und Bescheidwisser von der 9-11-Truppe, aber Toleranz ist ihre Kernkompetenz, und sie üben sie besonders gern an schwierigen Fällen, wie im Juni, als nicht dass zwanglose Auftreten des braunen Oberkonspirologen mit Leibwächtern und anderer Begleitung das Problem war, sondern die Intoleranten, die daran Anstoß nahmen.

Es sind alles Begriffe aus dem Umfeld des Varieté, die einem zu diesem Treiben einfallen, analog zu den Verhältnissen in der Weimarer Republik, als Wahrsager Einfluss auf die Politik zu nehmen begannen, und mit ihren Mätzchen die Hallen füllten. Unübersehbar ist aber auch das pseudoreligiöse Element der Veranstaltung - wie bei amerikanischen Zeltevangelisten wird der Masse der Stuss durch endlose Wiederholung eingebläut, und wie dort sind die Bedrängten und Beladenen für die Handreichungen der Reverends durch einen Weltzustand vorbereitet, der sie ängstigt und der nach Erklärungen geradezu schreit. P.T. Barnum drückte seinerzeit in dem diabolisch tiefen Statement "We've got something for everyone" die Wahrheit aus, dass niemand vor Manipulationen dieser Art gefeit ist.

Und dass die Kanzelredner wahrscheinlich noch halb an das glauben, was sie sagen, macht es nicht einfacher. Die Kirche der Verwirrten wird erfolgreich sein, da ihre Märkte immer da sind, die passenden Anlässe auch, und Leute, die sich zur Verbreitung des Evangeliums berufen fühlen, sowieso. Nur schade, dass das Tempodrom sich für so etwas hergibt. Aber andererseits ist der Austragungsort für eine konspirologische Zirkusrevue mit Erweckungscharakter ja genau richtig.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15533/1.html
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