Warlords Incorporated

03.09.2003

US-Think Tank: Das Kriegsgeschäft gehört in die Hand von Privatunternehmen, die ihre Dienste der Öffentlichkeit zum Festpreis anbieten

Aus dem Thinktank der Hoover Institution, die wiederum von der Stanford University gespeist wird, kommt eine bemerkenswerte Überlegung: P.W.Singer hält die Zeit für reif, um Auseinandersetzungen mit Waffengewalt von freischaffenden Profis ausführen zu lassen.

Das Szenario

Gewalt bricht in einem kleinen afrikanischen Staat aus. Die Regierung kollabiert, und Berichte über das Massaker von Tausenden von Zivilisten machen die Runde. Szenen ähnlich wie zur Zeit des Ruanda Genozid flimmern über die Fernsehschirme der Welt. Und wieder einmal wird gefordert, es müsse etwas getan werden. Der Aufruf der UN stößt auf taube Ohren. Die Verantwortlichen in den USA sind mit dem Krieg gegen die Terroristen und im Irak beschäftigt und entscheiden, dass das politische Risiko, nichts zu tun, ungleich geringer ist, als das Risiko amerikanische Soldaten in einer Mission aus Nächstenliebe zu verlieren. Andere Staaten folgen der Argumentation und sind nicht willens, das Leben der eigenen Soldaten zu riskieren. Solange die internationale Gesellschaft verdattert zuschaut, sterben stündlich unschuldige Männer, Frauen und Kinder.

Zu diesem Zeitpunkt kommt ein Privatunternehmen mit einer Offerte. Die firmeneigenen Soldaten werden einen sicheren Platz schaffen, wohin sichdie Zivilisten zurückziehen können und von internationalen Hilfsorganisationen betreut werden. Tausende von Menschenleben können gerettetwerden. Das einzig was der Privatunternehmer verlangt, ist ein Scheck über 150 Millionen Dollar.

Was wird die internationale Gemeinschaft tun, wenn sie vor die Wahl gestellt würde? Würde sie die Friedensmission als profitables Beispiel erlauben?Oder würde sie die Offerte verschmähen, zu Lasten von Menschenleben in der Region? Ohne Zweifel ein faszinierendes Dilemma, sounwahrscheinlich, um es nicht ernsthaft zu erwägen? Keineswegs.

Die Lösung

P.W.Singer spannt in seinen weiteren Ausführungen den Bogen von der wirtschaftlichen Macht der bereits jetzt vielfach privatisierten Militärindustrie über die in Privathand liegende Logistik amerikanischer Truppenbewegungen bis zu privaten Sicherheitsunternehmen, die statt amerikanischer Soldaten militärische Einrichtungen sichern. Nach seiner Auffassung besteht eine "normative Verschiebung" zur Vermarktung früherer öffentlicher Aufgaben. Nicht nur Waffen, sondern jede militärische Fähigkeit könne heute auf dem Weltmarkt eingekauft werden. Auch seien viele Armeen, vornehmlich aus Westafrika, gar nicht in der Lage, Luftunterstützung und Logistik sicherzustellen. Anders International Charters, Inc. (ICI) in Oregon. Ein Mix aus früheren Spezialkräften von USA und UdSSR, hat das Unternehmen bereits seine Fähigkeiten unter Beweis gestellt, nämlich in den 90er Jahren als Monrovia erstmals von Rebellen überrannt wurde und ICI-Soldaten die US Botschaft vor der Zerstörung bewahrten. 1998 war es das russische Pendant Sukhoi, das Äthiopien mit Su-27 Düsenjägern zur Seite stand und gegen Eritrea gewinnen ließ: dank firmeneigener Piloten, Techniker und Kriegsplaner. Es wird wohl auch stimmen, dass 1995 in Sierra Leone ehemalige Eliteeinheiten des weißen Südafrikas die Rebellen innerhalb weniger Wochen unschädlich machten. Seitdem 1999 Blauhelme der Vereinten Nationen einzogen, sei der Effekt trotz 20fach höherer Kosten so gering, dass zwischenzeitlich das britische Militär aushelfen musste.

Homepage von International Charters, Inc., einem privaten Kriegsunternehmen

Aus dieser Sicht macht P.W.Singer drei Aufgabenbereiche aus.

1. Sicherung der internationalen Hilfskräfte. "Tatsächlich sind in den 90er Jahren mehr Mitarbeiter des Roten Kreuzes umgekommen als US Soldaten."

2. Schnelle Eingriffstruppen (Rapid Reaction Force) im Rahmen von Friedensmissionen. "Wenn immer eine lokale Gruppierung Friedensvereinbarungen bricht, kann ein angeworbenes Militärunternehmen die Muskeln zeigen, die die Blauhelme nicht zeigen können oder wollen."

3. Das "outsourcing of the operation", schlichtweg ein Kontrakt, der den privaten Militärunternehmer freie Hand gibt, die lokalen Verhältnisse in den Griff zu bekommen. Der Auftrag beinhaltet, dass "die lokale Opposition bekämpft und die Infrastruktur aufgebaut wird, um Flüchtlinge zu schützen und zu unterstützen." Wenn all das getan und die Situation stabilisiert ist, übergibt das private Unternehmen die Kontrolle an die regulären Truppen.

P.W.Singer behauptet, diese Überlegung sei bereits 1996 wegen Zaire ernsthaft erörtert worden, nämlich hinter verschlossenen Türen zwischen dem Department of Peacekeeping der Vereinten Nationen und dem US National Security Council. "Der Plan wurde verworfen als es darum ging zu klären, wer die Kosten tragen sollte."

Allein mir fehlt der Glaube ...

P.W.Singer spricht von "Friedensmissionen", ohne handfeste Kriterien zu nennen, nach denen für oder gegen eine Partei optiert wird. Da tut es gut, sich der Worte des Chefredakteurs von Reuters zu erinnern, der nach dem 11.September 2001 den Begriff Terrorist mit der Begründung ablehnte: "Die Terroristen von heute sind die Politiker von morgen." Tatsächlich ist die vermeintliche Schwäche der Vereinten Nationen zugleich ihre Stärke, weil die Chance besteht, Interessenkonflikte auszubalancieren. Indes ist kaum vorstellbar, dass ein privater Militärunternehmer im Irak mehr Erfolg hätte als die USA. Ebenso wenig wird sich die israelische Regierung einem Privatunternehmen beugen, das für Ruhe und Ordnung zwischen Israel und Palästina gemäß der Grenzen von Oslo sorgen wollte. Folglich zielt die Empfehlung auf schwache Staaten, deren Befriedung für die USA nicht profitabel genug ist.

P.W.Singer spart zudem ein dunkles Kapitel der amerikanischen Geschichte aus, nämlich "The School of the Americas" (SOA, jene dem CIA und anderen Geheimdiensten zugerechnete stille Privatarmee für die Interessen der USA in Mittel- und Südamerika. 1946 in Panama gegründet, musste SOA 1984 nach der Panamavereinbarung in die USA umziehen und wurde 2001 bemerkenswerterweise zum "Western Hemisphere Institute for Security Cooperation" (WHINSEC) umfirmiert. Als SOA trainierte sie mehr als 60.000 Lateinamerikaner, u.a. Noriega, im Kampf gegen die lateinamerikanischen Regierungen und/oder Rebellen. Manche bezeichnen SOA wegen der Gräueltaten ihrer Soldaten als School of Assassins. Es wäre interessant zu wissen, warum P.W.Singer die gegenwärtige Ausbildungsstätte von jährlich 700-900 nicht amerikanischen Rekruten ausspart.

Old Europe hingegen hat Aufstieg und Fall der "militärischen Privatinstitute" bereits hinter sich gebracht. Condottiere nannte man sie in Italien, Söldner in Deutschland, doch nur die Schweizer haben einen guten Ruf und stellen noch heute die Nationalgarde des Papstes. Die Grenzen zwischen Soldat, Söldner und Terrorist sind je nach Weltanschauung fließend. Francesco Sforza ist das Beispiel für die Folgen, die sich ergeben, wenn die Staatsmacht das Kriegsgeschäft in vermeintlich unabhängige Hände legt. Der Condottiere nutzte die Rivalitäten des mailändischen Patriziats und ergriff 1450 die Chance, selbst die Regierungsgewalt zu übernehmen. Niemand hatte der Waffengewalt seiner Truppen etwas entgegenzusetzen. Genau das droht auch zukünftig wieder, sollte die Staatsgewalt das Kriegsgeschäft privatisieren.

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