Auf wissenschaftlicher Spurensuche nach dem Jenseits

03.09.2003

Der Experte für Nahtoderfahrungen Michael Schröter-Kunhardt über die Software, die uns auf das Leben nach dem Tod vorbereitet, Super-Realität, unseriöse Kollegen und die Ignoranz der Neurobiologie

Menschen, die dem Tode nahe waren, berichten von beeindruckenden Erlebnissen: Sie schreiten durch einen Tunnel, sehen ein helles Licht, religiöse Gestalten und verstorbene Verwandte oder fühlen sich außerhalb ihres Körpers. Solche Near Death Experiences (NDEs), also Nahtoderfahrungen, von denen erstmals der amerikanische Arzt Raymond Moody in seinem vielbeachteten Bestseller "Life after Death" im Jahr 1977 berichtete, ähneln einander verblüffend, selbst über Zeitalter und Kulturen hinweg. Seitdem sind Thanatologen (Sterbeforscher) diesem Phänomen auf internationaler Ebene und mit interdisziplinärem Engagement auf der Spur. Im Rahmen der "International Association for Near Death Studies" (IANDS) untersuchen renommierte Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen weltweit die ungewöhnlichen Nahtoderfahrungen, von denen rund um den Globus berichtet wird. Daher mag es kaum verwunderlich sein, dass sich inzwischen auch rund um den Globus in vielen Ländern nationale IANDS-Sektionen etabliert haben. Der Repräsentant der deutschen Sektion, der Arzt, Neurologe und Psychiater Michael Schröter-Kunhardt, der in seiner knappen Freizeit ohne jegliche staatliche Förderung oder DFG-Unterstützung seit vielen Jahren auf dem Gebiet der Thanatologie forscht, hält es für sehr wahrscheinlich, dass NDE-Erlebnisse auf ein mögliches Leben nach dem Tod hindeuten. Schröter-Kunhardt vergleicht dabei unser Gehirn mit einem Computer, in dem ein vorinstalliertes Programmen integriert ist. Kommt es zu einer NDE, wird ein Sterbeerfahrungsprogramm abgerufen, das einen ganz bestimmten Sinn und Zweck verfolgt. Dieser besteht darin, uns simulativ auf ein Leben nach dem Tod vorzubereiten.

Oft wird von einem Leben nach dem Tod geredet. Ist diese Wortkonstruktion angesichts der Tatsache, dass wir mit Leben ein biologisch geprägtes und auf Kohlenstoff basierendes, mit der Umwelt in Interaktion stehendes Etwas verbinden, nicht anachronistisch und unlogisch zugleich?

Schröter-Kunhardt: Ich halte diese sprachliche Frage nicht für relevant, weil diesen Begriff alle Kulturen benutzen. Die Formulierung "Leben nach dem Tod" ist ein universeller Terminus, den jeder versteht und von dem jeder weiß, was gemeint ist.

Gibt es in der Thanatologie eigentlich eine feststehende definitorische Abgrenzung zwischen Seele und Bewusstsein?

Schröter-Kunhardt: Der Begriff "Seele" wird in der Psychologie selten benutzt. Dort heißt es anstelle von seelisch schlichtweg "psychisch", womit allerdings zumeist nicht die spirituelle Seele gemeint ist. Bewusstsein hingegen ist meiner Ansicht nach ein untergeordneter Begriff, Seele indes ein übergeordneter. Bewusstsein das ist das, was mir bewusst ist. Und da ich aus vielen unbewussten Anteilen bestehe, ist meine Seele damit nicht komplett abgedeckt. Daher würde ich sagen, dass "Seele" ein besserer, weil übergreifender Begriff ist.

Sie haben mehr als 230 Menschen ins Auge geschaut, die eine so genannte Near Death Experience (NDE), also eine Nahtoderfahrung erlebt und "durchlebt" haben. Wenn Sie deren emotional geprägte Berichte sozusagen vor ihrem geistigen Auge Revue passieren lassen - glauben Sie, dass diese Menschen ein für sie (selbst) reales Erlebnis hatten?

Schröter-Kunhardt: Ja. Das Minimum, was diese Menschen laut eigener Aussage erlebt haben, war ein Traum, der wesentlich beeindruckender und wesentlich realer war als alle anderen Träume. Und dann gibt es eben noch jene Betroffenen - und das sind die meisten - die sagen: Es war Wirklichkeit! Aber meist sagen die Leute: Es war mehr als die Wirklichkeit! Es war eine Art Super-Realität, eine hinter allem scheinbaren Realen stehende noch größere Realität.

Wie tot sind eigentlich NDE-Patienten? Dass diese ja niemals biologisch irreversibel tot gewesen waren, liegt in der Natur der Sache!

Schröter-Kunhardt: Biologisch tot gewesen waren sie natürlich nicht. Klinisch tot heißt Herz- und Atemstillstand für eine gewisse Zeit. Das kann Sekunden bis Minuten dauern. Es gibt aber ganz wenige Fälle, bei denen Patienten sogar für einige Minuten hirntot gewesen waren und danach trotzdem von diesen Erlebnissen berichteten. Diese Menschen waren dem Tod am nächsten. Sie machten die in der Tat "letzten" Erfahrungen, die wir unmittelbar vor dem Tod kennen.

Erstaunlich an den Phänomen ist, dass es in allen Kulturen zu allen Zeiten aus denselben Elementen besteht. Können Sie einige signifikante davon aufzählen?

Schröter-Kunhardt: Bei den meisten Betroffenen stellen sich zuerst Gefühle wie Glück, Freude und Erhabenheit ein. Danach folgt eine Schwebegefühl, das mit einem außerkörperlichen Erlebnis einhergeht und bei dem die Menschen sich selbst von oben sehen. Unmittelbar darauf folgt das oft zitierte Tunnel-Erlebnis, durch den die Betroffenen hindurch fliegen - dem berühmten Licht am Ende des Tunnels entgegen. Hierbei tauchen sie in hellleuchtende, wunderschöne Landschaften ein, bevor sie dann auf Familienmitglieder oder religiöse Gestalten stoßen, die sie zu begrüßen scheinen. Irgendwann aber treffen diese auf eine Grenze, die ein Fluss oder ein Berg sein kann. Dann verkehrt sich die Reise praktisch ins Gegenteil - zurück durch den Tunnel bis hin in den eigenen Körper hinein.

Basierend auf einer repräsentativen Befragung von 4.000 Deutschen müssten knapp 5 Prozent aller Menschen in Deutschland NDEs erlebt haben. Demzufolge fließen sehr wenige Nahtoderfahrungen direkt in die Statistik ein.

Schröter-Kunhardt: : Ja, das stimmt. Dies hängt damit zusammen, dass es keine offizielle bezahlte Forschung auf diesem Gebiet gibt. Meine Fälle habe ich durch Vorträge oder Radiobeiträge usw. gesammelt. Dies kann man sich ja ausrechnen. Bei einer Bevölkerung in Deutschland von über 80 Millionen sind 5 Prozent immerhin 4 Millionen Menschen.

Demzufolge gibt es in Deutschland nur wenige Untersuchungen von Nahtoderfahrungen. Fehlt es am Geld?

Schröter-Kunhardt: Einerseits fehlt es am Geld, andererseits hat die Wissenschaft geradezu Angst vor solchen Erfahrungen. Das Thema ist einfach zu heikel. Um ein Beispiel zu nennen: Der Heidelberger Ärzteschaft habe ich einmal diese Thematik als Fortbildung angeboten. Dabei wurde mir versichert, dass meine Offerte dem Vorstand unterbreitet werden würde. Doch gerade die psychotherapeutischen Mediziner lehnten dies mit dem Hinweis ab, dass das NDE-Phänomen letzten Endes reine Weltanschauung sei - was Bände gegen sie spricht. Aber auch in den Kliniken, in denen ich gearbeitet habe, wird das Thema grundsätzlich ignoriert. Es mangelt also sowohl an Geld als auch an wissenschaftlicher Förderung. Es gibt keine Kliniken, die dieses Phänomen ernsthaft untersuchen: Sterbeerfahrungen sind immer noch ein Tabu-Thema, obwohl diese einen geradezu sensationellen Erkenntnisgewinn versprechen.

Schadet die Beschäftigung mit dem NDE-Phänomen ihrer persönlichen Reputation?

Schröter-Kunhardt: Ja. Besonders von Schulmedizinern wird man schnell als Esoteriker abgestempelt - und noch mehr in der Psychiatrie, wo häufig alles, was religiös gefärbt ist, als krankhaft abqualifiziert wird.

Wobei Sie sich aber von den esoterischen gefärbten Strömungen auf diesem Gebiet und all den Pseudoforschern, die damit Geld verdienen, distanzieren!

Schröter-Kunhardt: : Ja, natürlich. Von den NDE-Interpretationen von Frau Elisabeth Kübler-Ross halte ich zum Beispiel gar nichts.

Wie lässt es sich eigentlich erklären, dass die historischen Wurzeln des NDE-Phänomens so tief greifen? Bereits im 5000 Jahre alten Gilgamesch-Epos sind derlei Berichte nachzulesen, obwohl es damals noch keine Reanimationstechniken gab. Wie gelangten die damaligen Menschen an diese Informationen?

Schröter-Kunhardt: Dies waren größtenteils Menschen, die früher einmal schwer krank gewesen und wieder von selbst genesen und zu sich gekommen sind. Es gab wohl auch damals Fälle, bei denen die Menschen langsam hinschieden oder wieder überraschend zu sich kamen, dies alles vor dem Hintergrund, dass man die Diagnose nicht kannte.

Der Neurophysiologe Detlef B. Linke behauptet, dass Nahtod- oder Todeserfahrungen deshalb entstehen, weil unser Gehirn offenbar daran scheitert, urplötzlich das Ende der eigenen Existenz zu verarbeiten. Wie lässt sich eine solche Aussage mit den "Out-of-Body"-Erlebnissen vieler NDE-Patienten in Einklang bringen, die nicht über ihren Körper schwebten, sondern auch nach der Reanimation en detail beschreiben konnten, was sich während ihres klinischen Todes einige Räume weiter abgespielt hat?

Schröter-Kunhardt: Damit ist diese These ja eigentlich schon widerlegt. Das Gehirn verarbeitet das eigene Ende anscheinend so gut, dass es dem ungeachtet in der Lage ist, im Zuge der Wahrnehmung der Reanimation sogar Perspektivenwechsel zu machen. Meiner Ansicht nach sind Sterbe-Erfahrungen gerade das Gegenteil; es sind eigentlich Wahrnehmungs- und Verarbeitungs-Versuche. Und zwar mit realem Informations-Zufluss. Da wird nichts verdrängt; es gibt keinen Blackout.

Könnten die Out-of-Body-Erfahrungen darauf hindeuten, dass das Bewusstsein in der Lage ist, sich zumindest zeitweise vom Körper zu lösen?

Schröter-Kunhardt: Die Kritiker würden hierzu sagen, dass sind Versuche einer Rekonstruktion des Umfeldes, die reine innere Bilder darstellen. Aber wenn das Gehirn während eines Stadiums, an dem der Patient klinisch tot ist oder reanimiert wird, wirklich Daten liefern kann, die nachweisbar richtig sind, dann ist dies ein Zeichen dafür, dass irgendetwas von uns außersinnlich wahrnimmt und anscheinend nicht an Raum und Zeit gebunden ist und im Sterben irgendwie frei wird. Manchmal findet man auch eine gute Mischung von Rekonstruktionshinweisen und außersinnlichen Wahrnehmungen. Sterbeerfahrungen vergleiche ich oft mit einer Art Flugplatzgeschehen. Man kommt zum Flugplatz und will fliegen, wobei sich manche schon im Flugzeug befinden, muss dennoch wieder zurück. Dabei wissen sie aber genau, dass es Flugzeuge gibt, die mit ihren Besatzungen nicht mehr zurück kehren. Dieses Wissen kann ihnen kein Schreibtischtäter in der Neurobiologie nehmen.

Wie reagieren dann NDE-Zeugen auf das Argument der Skeptiker, dass ihre Erlebnisse nur auf einen Rechenfehler des Gehirns beruhen?

Schröter-Kunhardt: Diese biologische Interpretation ist schon erkenntnistheoretisch nicht haltbar. Momentan ist die Hirnforschung so unscharf in ihrer Zuordnung von Hirnprozessen zu seelischen Prozessen, dass sie daraus bezüglich der NDEs überhaupt nichts sicher ableiten kann. Wenn derlei neurobiologische Thesen kommen, sagen die meisten NDE-Zeugen auf jeden Fall: Tut mir leid. Ich weiß ganz genau, dass es mehr war als das. Die reden doch nur vom Schreibtisch aus, aber ich habe es erlebt. Das ist der Unterschied!

Am 12. September 2002 publizierte das angesehene Wissenschaftsmagazin Nature (Bd. 419, S. 269-270) einen Beitrag, wonach es einem schweizerischen Team gelungen war, die außerkörperliche Erfahrungen bei Patienten künstlich zu generieren und zwar durch elektrische Stimulation. Dies würde ja wiederum für einen "Rechenfehler" des Gehirns sprechen.

Schröter-Kunhardt: Warum soll es ein Rechenfehler des Gehirns und nicht eine hochkomplexe Leistung des Gehirns gewesen sein? Man könnte doch sagen, diese besteht darin, dass hier eine Art Schalter umgelegt wird, der die Trennung von der Einheit Körper-Geist einleitet. Und die Menschen mit einer Sterbeerfahrung haben den Beginn dieses Versuches erlebt. Wenn jemand dem Tod nahe ist und Sauerstoffmangel hat, wäre es meiner Ansicht zu erwarten, dass er entweder aufgrund der lebensbedrohlichen Situation einen Blackout erfährt oder die Neuronen im Gehirn wild durcheinander schießen - so wie dies bei Halluzinationen oder Psychosen der Fall ist. Aber so eine komplexe Leistung spricht für ein neurales Netz, das im Sterben automatisch abgerufen wird. Diese Software muss irgendeinen Sinn haben. Und der Sinn kann nur der sein - und das ist die einzig logische Folgerung - dass das Leben mit dem Tod nicht zu Ende ist. Ansonsten wäre die Software sinnlos.

Immerhin konnten die Sterbe-Forscher offensichtlich ein zentrales Argument der Skeptiker widerlegen, wonach NDE-Erlebnisse auf Sauerstoffmangel zurück zu führen seien!

Schröter-Kunhardt: Beides trifft zu. Es gibt NDE-Zeugen, die während des Erlebnisses einen Sauerstoffmangel hatten und viele, bei denen sogar ein Sauerstoffüberschuss zu verzeichnen war. Schließlich gibt es genug Einzelfälle, bei denen während der NDE-Phase eine normale Sauerstoffkonzentration gemessen wurde.

Anfang 2001 lancierte die Fachpresse, dass ein Team unter der Leitung von Dr. Sam Parnia von der University of Southampton angeblich den ersten wissenschaftlichen Beweis für ein mögliches Leben nach dem Tod gefunden hätten. Kennen Sie diese Studie? Wenn ja, was war an ihr so sensationell?

Schröter-Kunhardt: Das war meines Erachtens übertrieben und fällt wohl eher unter die Rubrik Publicity, Werbung für die Studie bzw. Hochschule.

Wie lässt es sich erklären, dass neben Menschen aus allen sozialen Schichten, verschiedenen Bildungsniveaus und Altersgruppen sogar blinde Menschen während einer NDE visuelle Beobachtungen gemacht haben?

Schröter-Kunhardt: Das ist in der Tat ungewöhnlich. Hier gibt es drei Erklärungen. Erstens: Blinde Menschen benutzen eine Sehsprache, um etwas zu beschreiben, was sie wahrnehmen. Dies wäre eine Art Vokabular-Fehl-Übertragung. Zweite Erklärung: Jene Blinde, die erst nach dem fünften oder sechsten Lebensjahr erblindet sind, können ganz normal träumen, können also auch während der Traumphase Bilder sehen. Drittens: Bei den Menschen, die ein NDE-Erlebnis hatten und vor dem fünften Lebensjahr blind waren, stellt sich die Frage, warum diese etwas sehen, obwohl sie nicht in Bildern träumen können. Da würde man eben sagen, dass Sterbe-Erfahrungen doch nicht nur Träume sind, vor allem dann, wenn dies Blinde betrifft, die seit Beginn ihrer Geburt blind waren. Leider ist die Blindheitsgraduierung bzw. der Beginn der Blindheit nicht immer gut dokumentiert.

Aber das ist irgendwie schon ungewöhnlich!

Schröter-Kunhardt: : Ja, genau das spricht dafür, dass NDEs nicht von irgendwelchen optischen Reizen abhängen.

Den positiven NDEs stehen auch negative Erlebnisse, erschreckende Nahtoderfahrungen gegenüber. Wie passt dies zusammen?

Schröter-Kunhardt: Das Gros der negativen NDEs kommt primär aus den USA. Allerdings wird dort verkannt, dass die negativen NDEs zwar bedrohliche Erfahrungen beinhalten, aber nicht immer den typischen NDE-Elementen entsprechen, sondern oft komplexe szenische Träume sind. Diese Erlebnisse treten vorwiegend bei Patienten im Krankenhaus auf, die im Koma liegen. Dann entwickelt der Patient meist komplexe Träume, in denen er sein partiell wahrgenommenes Umfeld und seine oft negativen Körperwahrnehmungen verarbeitet. Diese komplexen Träume können bei einer Verschlechterung des körperlichen Zustandes dann durchaus in NDEs übergehen. Dann gibt es jedoch auch echte negative Sterbeerfahrungen mit Tunneln-Erlebnissen, in denen der Tunnel abwärts in dunkle Jenseits-Bereiche führt. Davon sind jedoch nur wenige Fälle bekannt. Häufiger sind einfach nur negativ getönte positive Erfahrungen. Diese stammen vor allem aus Ostdeutschland, wo sich bei einer Untersuchung herausstellte, dass die Ostdeutschen zwar ebenso häufig NDEs hatten wie Westdeutsche, diese aber öfters als bedrohlich erlebten, weil dadurch ihr Weltbild erschüttert wurde. Diese hat Herr Prof. Hubert Knoblauch, der die Studie durchführte, als negative NDEs klassifiziert, was aber letzten Endes nicht der Fall ist: Hier dominiert nur ein negativer Affekt, weil die Menschen sich um ihre Identität bedroht fühlten, da die Ostdeutschen kaum mit Religion in Berührung gekommen sind. Die zumeist positiven NDEs erklären sich dadurch, dass die Leute, die sterben, vor ihrer Sterbe-Erfahrung durch die körperlichen und seelischen Umstände schon sehr gelitten haben. Meines Erachtens findet darauf hin im Gehirn eine Art Gegenregulation statt, bei der euphorisierende Neurotransmitter ausgeschüttet werden.

Während beispielsweise Astrophysiker heute ganz offen über hochtheoretische Themen und Begriffe wie Wurmlöcher oder Zeitreisen reden, tun sich viele Ihrer Kollegen schwer, das Undenkbare zu durchdenken und ungezwungen zu analysieren? Fehlt es ihnen womöglich ein wenig an Fantasie?

Schröter-Kunhardt: Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass gerade die Physiker die größten Anhänger der Parapsychologie sind. Es ist die größte wissenschaftliche Gruppe, die parapsychologische Interessen hat, weil diese Forscher wissen, wie relativ unser Weltbild ist, während Schulmediziner und Theologen - allesamt Nicht-Physiker -, denken, dass alles, was wir sehen, so ist wie es ist. Dies beziehe ich vor allem auf Psychiater, die häufig sehr biologisch orientiert sind.

Tendenziell gibt es eine Zunahme von NDE-Berichten. Führen Sie diese Entwicklung allein nur auf die verbesserte Reanimation zurück, oder gibt es für diesen Trend noch andere plausible Gründe?

Schröter-Kunhardt: : Die Zunahme erklärt sich einfach damit, dass über diese Phänomene häufiger berichtet wird, weil die Leute offener geworden sind. Früher wurde hierüber eher im Familien- oder Dorfkreis diskutiert: Die Information kam also nicht über bestimmte Grenzen hinaus. Natürlich darf man auch nicht die Massenmedien vergessen, die eine schnelle Verbreitung garantieren.

Der holländische Kardiologe Dr. Pin van Lommel glaubt, dass das Gehirn nicht der Produzent, sondern der Empfänger des Bewusstseins ist. Dieser Gedanke scheint geradezu revolutionär!

Schröter-Kunhardt: Dieses Modell wonach das Bild zwar im Fernseher entsteht, aber von einem Sender und damit von außen aufgenommen wird, ist nicht neu. Ist der Fernseher aus, ist das Bild bzw. die Information trotzdem da, wobei diese aber nicht wahrgenommen werden kann - so stellt sich dies zumindest van Lommel vor. Diesen Standpunkt kann man durchaus vertreten. Nur würden die Kritiker hier sagen: Wenn man stirbt, ist das Gehirn tot; ergo kann man nichts mehr sagen. Dann sagen wir lieber gar nichts, anstatt zuzugeben, dass es vielleicht irgendwie etwas gäbe. Dies ist die Argumentation nach dem Prinzip des minimalsten gesicherten Wissen - gemäß dem Ockham'schen Rasiermessers.

Sie haben einmal das menschliche Gehirn mit einem Computer und die Sterbeerfahrungen mit einer integrierten Software verglichen. Wie ist das zu verstehen?

Schröter-Kunhardt: Es gibt irgendeine Intelligenz, ein Programm, das unser Gehirn, unseren Computer so geschaffen hat, dass darin diese Wahrnehmungsprogramme enthalten sind. Unser Gehirn ist ein Computer mit vorinstallierten Programmen, wozu das Sterbeerfahrungsprogramm oder auch die Wahrnehmungsprogramme gehören. Diese haben einen Sinn - und der ist bei den Nahtoderfahrungen eindeutig: Sie sollen simulativ auf ein Leben nach dem Tod vorbereiten.

Normalerweise wird die Software dem Computer, also der Hardware extern zugeführt. Der Computer kann seine Software (noch) nicht selber generieren! Es gibt also doch einen wesentlichen Unterschied!

Schröter-Kunhardt: Ja, bei uns im Gehirn wird die Software von der Hardware, also im Gehirn generiert. Aber wenn man davon ausgeht - und dies ist meine übergeordnete Zentralthese - dass die Erde nicht per Zufall entstanden ist, dass dahinter vielmehr ein Programm, eine Art Konzept steckt, dann ist der Sinn dieser Software klar: Sie bereitet uns auf ein Leben nach dem Tod vor. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Erde per Zufall entstanden ist, ist aus mathematischer Sicht genauso groß wie die Wahrscheinlichkeit, dass nach der Explosion einer Druckerei ein mehrbändiges Lexikon auf der verbrannten Erde steht. Wer das glaubt - und das tun die meisten Wissenschaftler - ist gläubiger als jedes Sektenmitglied.

Ein aufsehenerregender Fall, der sich 1991 in den USA ereignete, ist der Pam-Reynolds-Fall. Was machte diesen Fall so einzigartig?

Schröter-Kunhardt: Der Fall ist deshalb einzigartig, weil um die Zeit des NDE-Erlebnisses eine Messung im Hirnstamm und der Hirnrinde stattfand, so dass keiner die dabei registrierte Nulllinie in Frage stellen konnte. Außerdem korrespondierten die Wahrnehmungen dieser Frau mit den im OP-Bericht dokumentierten Fakten. Sie konnte das Operationsinstrumentarium genau beschreiben und die Gespräche am Bett exakt wiedergeben - und zwar während der Phase der Außerkörperlichkeit, zu einem Zeitpunkt also, an dem sie schon lange in Vollnarkose war und die Augen zugeklebt sowie die Ohren zur Messung der Hirnstammströme zugestöpselt waren.

Diese Patientin ist also am tiefsten eingetaucht?

Schröter-Kunhardt: Ja, könnte man sagen.

Glauben Sie ganz persönlich an eine wie auch immer geartete Form einer Existenz nach dem Ableben?

Schröter-Kunhardt: Ich persönlich glaube, dass Sterbeerfahrungen auf einen Programm beruhen, was neuronal begründet ist oder neuronale Korrelate hat, was im also im Gehirn angelegt ist und - um nochmals das Flugzeugbeispiel zu benutzen - das Betreten des Flughafens und den Abflug simuliert, so dass man denkt, man sei schon geflogen. Es ist - wie bei echten Flugsimulatoren - eine Vorbereitung darauf, dass es wirklich so etwas gibt.

Wir bestehen aus Materie, die, solange dieses Universum existiert, unsterblich ist. Gilt dies auch für unser Bewusstsein? Ist dieses eine selbständige Energieform und daher ebenfalls unsterblich?

Schröter-Kunhardt: Es ist auf jeden Fall eine Art Energieform. Wenn das Gehirn stirbt, müsste sie eigentlich frei werden. Mit anderen Worten: Sie müsste irgendwo bleiben.

Als kohärente Energieform, die irgendwie und irgendwo hin abdriftet?

Schröter-Kunhardt: Ja, warum nicht. Als Energieball sozusagen, so wie dies manche auch erleben.

Sind Sie religiös?

Schröter-Kunhardt: Ich wurde religiös erzogen, bin aber während meiner Studienzeit aus der Kirche ausgetreten, weil ich auch Negatives in meiner Heimat-Kirche erlebt hatte. Ich bin aber durch die Beschäftigung mit der Sterbeerfahrung wieder religiös geworden. Hier habe ich die Möglichkeit gesehen, Wissenschaft und Religion wieder zu vereinbaren.

Gibt es auch Skeptiker, die infolge einer Sterbeerfahrung sozusagen "bekehrt" wurden?

Schröter-Kunhardt: Es gibt viele Beispiele von Atheisten, die nach einem NDE-Erlebnis sogar wieder gläubig wurden. Auch Kriminelle, Heroinabhängige etc. konvertierten. Wenn sich ein Skeptiker nur einmal mit diesen Erfahrungen auseinander setzen würde, würde er meiner Ansicht nach hinsichtlich seines Skeptizismus auf jeden Fall kritischer werden. Für mich enthalten Sterbeerfahrungen ein Fundus an Ideen über neue Bewusstseins-, Geist- oder Gehirnkonzepte. Deswegen sollte die Neurobiologie die Sterbeerfahrungen nutzen, um ihre Modelle daran zu messen. Aber das tut sie in ihrer Ignoranz nicht.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (608 Beiträge) mehr...
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige

Der, der dem Vogelflug folgte

Otto Lilienthals Unfalltod hatte keine technischen Ursachen

Cover

Der halbe Hegemon

Rückkehr der "deutschen Frage" und die Lage der EU

Postmediale Wirklichkeiten Die Neurogesellschaft SETI
bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.
  • TELEPOLIS
  • >
  • >
  • Auf wissenschaftlicher Spurensuche nach dem Jenseits