Die zentrale Herausforderung der bemannten Raumfahrt ist der Mars

Piero Messina, Leiter des Wettbewerbs "Students for Aurora" der Europäischen Weltraumorganisation über zukünftige Raumfahrtmissionen

Im Rahmen des im Jahr 2002 beschlossenen Aurora-Programms erarbeitet die ESA derzeit einen langfristigen Plan zur Erkundung des Sonnensystems. In dessen Mittelpunkt steht eine bemannte Mission zum Mars, die bis zum Jahr 2030 erfolgen könnte. Um Universitäten in diese Arbeit stärker einzubinden und insbesondere Studenten zur Entwicklung eigener, frischer Ideen zu ermutigen, wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben: In fünf Kategorien sollten Studententeams Raumfahrtmissionen entwerfen, die für eine Realisierung im Rahmen von Aurora geeignet sind. In Barcelona müssen die Teams, die es ins Finale geschafft haben, am 8. und 9. September nun einem fachkundigen Publikum Rede und Antwort stehen. Den Gewinnern winken Reisen zu ESA-Forschungszentren.

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Herr Messina, unter den 39 Teams, die sich am Wettbewerb beteiligt haben, ist nur eins aus Deutschland. Hat das mit dem Zögern der deutschen Regierung zu tun, sich an Aurora zu beteiligen?

Messina:

Nein, ich glaube nicht. Die anfängliche Zurückhaltung Deutschlands dem Aurora-Programm gegenüber war eher durch Geldknappheit begründet. Sie hatte nichts mit einer grundsätzlichen Ablehnung der Ziele zu tun. Bei deutschen Universitäten war das Interesse an Aurora von Anfang an sehr groß. Viele von ihnen beteiligen sich auch an dem Programm.

Wie ist der Wettbewerb bisher verlaufen?

Messina: Nachdem wir den Wettbewerb ausgeschrieben hatten, sollten sich zunächst Studententeams zusammenfinden und bis Ende März 2003 eine knappe Skizze ihres Projekts einreichen. Das taten etwas über 60 Teams aus allen Teilen Europas und aus Kanada. Aus diesen Projektskizzen konnten wir entnehmen, ob die Studenten das Aurora-Programm und das Ziel des Wettbewerbs verstanden hatten. Tatsächlich mussten wir nur ein Team ablehnen. Das lag nicht daran, dass das Projekt technisch nicht fundiert gewesen wäre. Aber es ging darin um einen Mikrosatelliten, der kaum Berührungspunkte mit Aurora aufwies.

Der nächste Schritt bestand dann darin, diese Skizzen weiter auszuarbeiten?

Messina: Dafür war bis Ende Juli Zeit. Insgesamt 39 Teams schafften auch diese Stufe. Deren Arbeiten, die maximal 20 Seiten umfassen durften, wurden von einer interdisziplinär besetzten Jury eine Woche lang geprüft. Die zeigte sich von der Qualität der meisten Arbeiten sehr beeindruckt. Insofern war es nicht leicht, für jede der fünf Wettbewerbskategorien drei Finalisten auszuwählen.

Einige dieser Kategorien wie Manned Missions oder Surface Robotics sind unmittelbar verständlich. Andere, wie Flagship Missions oder Arrow Missions, orientieren sich stärker an den Vorgaben des Aurora-Programms. Können Sie die kurz erklären?

Messina: Flagship Missions sind größere Missionen, die der Erkundung der Marsumgebung dienen. Dazu zählen zum Beispiel die astrobiologische Mission Exomars und die für 2011 geplante Probenrückholung von der Marsoberfläche. Arrow Missions sind kleinere Missionen, bei denen es vornehmlich um die Erprobung von Technologien geht. In der fünften Kategorie Enabling Technologies schließlich ging es um die Entwicklung neuer, für die Umsetzung des Aurora-Programms erforderlicher Technologien. Die meisten Teams beteiligten sich allerdings in der Kategorie Manned Missions.

Das war wahrscheinlich zu erwarten.

Messina: Nein, wir waren schon überrascht. Schließlich sind bemannte Weltraummissionen äußerst komplexe Unternehmen. Die Wettbewerbsbeiträge beschreiben denn auch zumeist keine kompletten Missionen, sondern beschäftigten sich mit Technologien oder Hardware, die bei bemannten Missionen zum Einsatz kommen können. Das Team von der International Space University in Straßburg zum Beispiel hat eine Zentrifuge entwickelt, die für die Astronauten künstliche Schwerkraft erzeugen soll. Es gab Diskussionen, ob solche Arbeiten nicht eher in die Kategorie Enabling Technologies gehört hätten. Für zukünftige Wettbewerbe werden wir das genauer spezifizieren müssen. Diesmal haben wir der starken Beteiligung und dem hohen Niveau der Beiträge in Human Missions Rechnung getragen, indem wir zwei zusätzliche Teams fürs Finale ausgewählt haben.

Es kommen also 17 Teams zur Endausscheidung nach Barcelona. Was erwartet sie dort?

Messina: In der Universidad Politécnica de Catalunya hat am 8. und 9. September jedes Team 20 Minuten Zeit, die eigene Arbeit zu präsentieren und Fragen des Publikums zu beantworten. In diesem Publikum werden auch Mitglieder des Aurora-Beirats sitzen, der sich am 10. September in Barcelona trifft. Der Vorsitzende des Beirats gehört außerdem zur Jury.

Ist das eine öffentliche Veranstaltung?

Messina: Ja. Wir haben allerdings keine Werbung dafür gemacht. Es ist schließlich die erste Veranstaltung dieser Art. So umfassend haben junge Leute in Europa nie zuvor ihre Ideen über die Raumfahrt der Zukunft präsentiert. Zwar gab es jetzt auch gerade den Wettbewerb Success 2002. Aber da waren die Studenten aufgerufen, ein Experiment für die Internationale Raumstation vorzuschlagen. Wir haben von unseren Teilnehmern einiges mehr erwartet.

In der Kategorie Manned Missions war es möglich, Missionen zum Mars, Mond oder zu Asteroiden zu entwickeln. Inwieweit wurde diese Vielfalt genutzt?

Messina: Es gab einzelne Arbeiten, die sich mit Missionen zum Mond und zu Asteroiden beschäftigt haben. In die Endausscheidung haben es aber nur Marsmissionen geschafft. Daneben gibt es Projekte wie die erwähnte Zentrifuge, die bei verschiedenen bemannten Missionen Anwendung finden könnten. Doch die zentrale Herausforderung für zukünftige bemannte Missionen ist eindeutig der Mars. Ein Team hat über Technologien zur Abwehr des aggressiven Marsstaubs nachgedacht, ein anderes über eine permanent bemannte Raumstation im Marsorbit.

Der Weg zum Mars könnte leichter zu bewältigen sein, wenn wir zunächst in Erdnähe eine Infrastruktur aufbauen, von der aus die Marsschiffe starten können. Dabei könnte der Mond eine Rolle als natürliche Raumstation spielen.

Messina: Das ist nicht unbedingt erforderlich. Sie kennen sicherlich die Überlegungen von Robert Zubrin, der mit seinem Mars Direct-Szenario gezeigt hat, dass bemannte Marsmissionen durchaus direkt von der Erde starten können, ohne die Notwendigkeit eines Zwischenstopps auf einer Raumstation. Das deckt sich weitgehend mit der Philosophie von Aurora.

In der Ausschreibung des Wettbewerbs wurden als Beispiel einige Missionen genannt, die im Rahmen von Aurora bereits als Flagship Missions definiert wurden. Haben die Studenten sich weitgehend an diesen Vorgaben orientiert oder gab es auch komplett neue Ideen?

Messina: Wirklich innovative Ideen waren die Ausnahme. Die Teams haben sich sehr stark auf die von der Nasa oder Aurora bereits entwickelten Konzepte bezogen. Den Aspekt der Innovation werden wir bei zukünftigen Wettbewerben stärker herausstellen müssen.

Die Nutzung von Ressourcen vor Ort zur Lebenserhaltung und Produktion von Treibstoff scheint sich als unverzichtbarer Bestandteil aller Missions-Szenarien herausgeschält zu haben. Gibt es andere unverzichtbare Elemente, über die sich alle einig sind?

Messina: Ich denke, es ist unstrittig, dass Roboter eine Schlüsselrolle bei der Erkundung des Mars und der Vorbereitung bemannter Missionen spielen werden. Sie werden den menschlichen Astronauten wichtige Partner sein. Wir hatten daher auch die Kategorie Surface Robotics im Wettbewerb.

Wo liegen unsere größten Defizite auf dem Weg zum Mars? Was müssen wir noch lernen, um bemannte Marsmissionen durchführen zu können?

Messina: Wir müssen vor allem noch viel mehr über den Mars lernen. Wir wissen zu wenig, um Astronauten dort einigermaßen Sicherheit gewährleisten zu können. Die Strahlung und andere Belastungen während Langzeitmissionen sind ebenfalls große Unbekannte. Weitere Erkundungen des Mars durch Roboter sind daher ebenso erforderlich wie Untersuchungen in marsähnlichen Umgebungen auf der Erde.

Wie sieht für Sie der Weg zum Mars aus? Welche Meilensteine sehen Sie?

Messina: Es ist genau der Zweck von Aurora, eine solche Karte zu erstellen. Wir haben uns als Datum einer bemannten Marsmission das Jahr 2030 gesetzt, es kann aber auch sein, dass es 2035 wird. Jetzt tragen wir zunächst einmal das nötige Wissen zusammen, um eine Grundlage für eine fundierte Entscheidung über eine Marsmission zu liefern. Eine solche Mission wird Europa nicht allein durchführen können. Daher muss auch die internationale Kooperation weiter entwickelt werden. Aurora soll sicherstellen, dass Europa bei einer solchen internationalen Marsmission eine Schlüsselrolle spielt und nicht mehr als Juniorpartner der großen Raumfahrtnationen auftreten muss.

Viele Menschen halten bemannte Raumfahrt nicht nur für überflüssig, sondern scheinen regelrecht Angst davor zu haben. Für wie begründet halten Sie das? Kann vom Mars eine Gefahr für unsere Zivilisation ausgehen?

Messina: Bei unserem heutigen Kenntnisstand sehe ich eine solche Gefahr nicht. Aber neue Erkenntnisse könnten diese Einschätzung jederzeit ändern. Mein Eindruck ist, dass unsere Gesellschaft eine geringe Bereitschaft zeigt, Risiken einzugehen. Raumfahrt ist zu einem überwiegend kommerziellen Unternehmen geworden, auf das man sich nur einlässt, wenn man einen finanziellen Profit davon erwartet. Dagegen müssen wir die Idee von der Erweiterung unserer Grenzen und unseres Wissens wieder stärker in den Vordergrund rücken und erklären, warum es wert ist, dafür Risiken auf sich zu nehmen.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15567/1.html
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