Der elektronische Spion im Auto

Florian Rötzer 10.09.2003

Unfalldatenschreiber oder die Blackbox für das Auto werden billiger und besser - und sie eröffnen neue Überwachungsmöglichkeiten

Die Freiheit auf den Straßen könnte bald mit dem weiteren Einzug der Elektronik in den Autos und den dadurch eröffneten Überwachungsmöglichkeiten vorbei sein. Maut- und Navigationssysteme stellen eine Eingangsschneise dar, erweiterte Unfalldatenschreiber bzw. -speicher (UDS) oder Fahrdatenschreiber (FDS) für Autos eine andere. Die Kosten sinken für die automobile Blackbox, die möglicherweise riskantes Fahren eindämmen können, die aber auch die Überwachungsmöglichkeiten auf die Straße ausdehnen. Zu Beginn dieses Jahres hatte sich eine Mehrheit der Teilnehmer des 41. Verkehrsgerichtstags in Goslar für die obligatorische Einführung einer derartigen Blackbox für das Auto ausgesprochen.

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Mit einem gebräuchlichen UDS für Automobile werden fortlaufend bestimmte Fahrdaten wie Geschwindigkeit, Längs- und Querbeschleunigung sowie Richtungsänderungen, Überholmanöver, Schleudern, Kurvenfahrten und Stoßvorgänge, Betätigung der Bremsen, des Blinkers oder des Lichts aufgezeichnet und wieder überschrieben. Unfälle und kritische Fahrmanöver werden automatisch gespeichert, wobei ein bestimmter Zeitraum vor und nach dem Vorfall festgehalten wird, beispielsweise die letzten 30 Sekunden vor einer Kollision und die erste 15 Sekunden nach diesem. Man kann den Speicher löschen oder die Daten eines Vorgangs abspeichern.

Eingesetzt werden die Unfallschreiber in Deutschland bislang vorwiegend in Fahrzeugflotten. Sie dienen nicht nur zur Rekonstruktion eines Unfalls und zur Klärung der Schuldfrage, sondern sollen auch riskante Fahrweisen verhindern und eine defensive Fahrweise fördern. Mit steigendem Speicherplatz, Lokalisierung über GPS und Echtzeit-Übertragung der Daten könnten Fahrer aber in Zukunft auch jeder Zeit kontrolliert werden. Trotz der Forderungen nach einem obligatorischen Einbau von UDS in allen Fahrzeugen sind die damit verbundenen juristischen und gesellschaftlichen Probleme noch nirgendwo geklärt.

Das trifft auch in den USA zu, wo die National Highway Transportation Safety Adiministration (NHTSA) ebenfalls für den obligatorischen Einbau in allen Fahrzeugen eintritt. Ohne dass dies allgemein bekannt ist, wurden in den USA allerdings bereits die meisten Neuwagen damit ausgerüstet. Zwischen 25 und 40 Millionen Fahrzeuge sind bereits mit einem UDS oder EDR (event data recorder) ausgestattet. GM beispielsweise hat bereits seit 1974 für die mit Airbags ausgestatteten Fahrzeuge entsprechende Geräte eingebaut, die nicht nur zum richtigen Zeitpunkt die Airbags auslösen, sondern auch Unfalldaten speichern. Airbags sind sozusagen noch immer die Tür, durch die UDS mit verbesserten Kapazitäten auch in Privatfahrzeugen ohne Wissen der Besitzer eingeschleust werden.

Mit einem Preis von etwa 500 Euro beispielsweise für den UDS 2.0 von VDO-Kienzle ist der Preis noch relativ teuer. Daher sind bislang in Deutschland nur etwa 30.000 Autos damit ausgerüstet. In den USA hingegen bietet die Firma Road Safety International mit dem RS-1000, auch Safeforce genannt, nun eine billigere Version eines Fahrdatenschreibers oder einer Blackbox an, womit das Fahrverhalten direkt beeinflusst werden kann.

Nach den angestellten Fahrern von Firmen und Behörden sind jungendliche Anfänger das erste Einsatzziel der Blackbox, mit der nicht nur Daten wie Benutzung des Sicherheitsgurts, Geschwindigkeit, scharfe Bremsvorgänge, Gaspedalstellung oder schnelles Kurvenfahren registriert und auf den PC über eine Speicherkarte ausgelesen werden können. Die unter dem Fahrersitz angebrachte Black Box gibt einen lauten Warnton ab, wenn der Fahrer zu schnell fährt oder sich anderweitig riskant verhält. Korrigiert er sein Verhalten nicht innerhalb von 10 Sekunden, wird der Warnton kontinuierlich. Und die Daten werden natürlich aufgezeichnet.

It is like being able to sit next to your driver, every second they drive. For the first time, you have control over how your teen is driving, even when you are not there!

Doch schon in wenigen Monaten will Road Safety International für 200 Dollar für die Blackbox auch ein GPS-System anbieten, so dass sich auch sehen lässt, wohin der Kontrollierte gefahren ist. Und nächstes Jahr will man dann mit einem Kommunikationsmodul den Eltern die Möglichkeit bieten, online in Echtzeit verfolgen zu können, wo ihre Sprösslinge sich gerade befinden und wie sie fahren. Möglich wäre auch, den Einbau einer solchen Blackbox für bestimmte Gruppen von Fahrern vorzuschreiben, also beispielsweise für Anfänger oder für auffällige Fahrer.

In diesem Fall also sollen Jugendliche oder Heranwachsende zu Pionieren der Blackbox für die automobile Kontrolle werden und damit die Türe für weitere Überwachungsmöglichkeiten aufstoßen, die auch sonst dank der Technik in alle Bereiche der Gesellschaft einziehen. Problematisch ist aber auch schon bei den einfachen Unfalldatenschreibern, wem die Daten gehören und wer auf sie zugreifen darf. Rechtlich darf ein Betroffener normalerweise nicht dazu gezwungen werden, sich durch Daten aus der eigenen Black Box selbst zu beschuldigen, genauere gesetzliche Regelungen aber gibt es noch nicht.

In den USA müssen noch nicht einmal die Käufer von neuen Fahrzeugen informiert werden, dass diese mit einem UDS ausgestattet sind. Nach einer Umfrage im Jahr 2002 haben zwei Drittel der Autokäufer keine Ahnung. In Kalifornien liegt, wie die Washington Post berichtet dem noch im Amt befindlichen Gouverneur ein vom Parlament einstimmig angenommenes Gesetz vor, das die Fahrzeughersteller zur Mitteilung verpflichtet, ob ihre Wagen eine Blackbox besitzen und welche Daten von ihr aufgezeichnet werden. Das Gesetz regelt auch, dass die Daten dem Fahrzeugbesitzer gehören und nur mit dessen Genehmigung, durch eine richterliche Anordnung oder für Sicherheitsstudien, bei denen die Fahrzeughalter anonym bleiben, einsehbar wären.

Interessiert sind an den Daten nicht nur Hersteller und Polizei, sondern auch die Versicherungen. Für diese hat Injury Sciences im letzten Jahr ein Webportal eröffnet, damit schnell erfasst werden kann, welche Autos mit einem UDS ausgestattet sind und welche Daten sie erfassen. Zudem werden Links zu Firmen angeboten, die die Daten auslesen und analysieren können.

http://www.heise.de/tp/artikel/15/15598/1.html
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