Teenies, Opas, Obdachlose

11.09.2003

Die Klagen gegen P2P-Nutzer drohen für die RIAA zum PR-Debakel zu werden

Für die zwölfjährige Brianna Lahara war die Angelegenheit klar: Sie zahlte 29,95 für ihren Internetprovider, um sich Musik aus dem Netz zu laden. Ganz legal, wie sie dachte. Montag klingelten dann jedoch plötzlich Reporter an der Tür der Sozialwohnung ihrer Mutter in New York und erklärten, dass Brianna zu den 261 Tauschbörsen-Nutzern gehöre, die von der Recording Industry Association of America (RIAA) verklagt worden sind.

Jede Menge schlechte Presse

Brianna ist nicht die einzige Verklagte, die der RIAA eine Menge schlechter Presse bescheren könnte. USA Today sprach mit einer kalifornischen P2P-Nutzerin namens Ronna Leonard, die seit einem Unfall vor zwei Jahren arbeitsunfähig ist und kurz davor steht, ihren festen Wohnsitz zu verlieren. "Wenn sie mir die Klage zustellen wollen, sollten sie es bald tun, denn sonst ich weiß nicht, wie sie mich finden werden", so Leonard. Die Washington Post berichtet von Heather McGough, einer 23-jährigen, alleinerzeihenden Mutter aus Kalifornien, die zwei Kinder im Alter von zwei und fünf zu versorgen hat. McGough erklärt, ein Freund ihrer 14-jährigen Cousine habe Kazaa auf ihrem Rechner installiert. Dass sie damit auch zum Anbieter von Musik im weltgrößten P2P-Netz wurde, wusste sie nicht.

Die New York Daily News zitiert die 21-jährige Studentin Lauren Venezia mit den Worten: "Ich weiß nicht, wie viel Tragödien ich noch verkraften werde." Dem Artikel zufolge starb Laurens Vater erst kürzlich an Krebs. Die Associated Press spürte einen 71-jährigen Großvater auf, den die RIAA für die Tausch-Sünden seiner Enkelkinder in die Pflicht nehmen will. Die Los Angeles Times wusste von Patrick Little zu berichten, einen Studiomusiker, der sich sein täglich Brot mit Gitarrenaufnahmen verdient. IDG News wiederum verkündete, dass die Musikwirtschaft zwar von Musikern nimmt, ihnen aber nichts gibt - zumindest nicht in diesem Fall. Das durch Gerichtsverfahren und außergerichtliche Einigungen eingebrachte Geld soll nicht etwa den im einzelnen Fall betroffenen Musikern zukommen, sondern gleich wieder in neue Verfahren gesteckt werden.

Brianna Laharas neue Freunde

Nicht jedes dieser Verfahren wird so glücklich ausgehen wie das gegen Brianna Lahara. Die Schülerin hat im Internet bereits zahlreiche Unterstützer gefunden. So sammelt der Neuseeländer Richard Kell auf seiner Website Geld, um Birannas RIAA-Schulden zu begleichen. Bis zum Mittwoch Abend waren bereits knapp 1.600 Dollar zusammengekommen. Gleichzeitig hat die von Tauschbörsen-Firmen gegründete Lobbyorganisation P2P United angeboten, die Vergleichssumme komplett zu übernehmen. Online-Musikanbieter Musicrebellion.com schließlich nutzte die Gunst der Stunde für ein wenig Eigenwerbung und spendierte Brianna legale Downloads im Wert von 2.000 Dollar.

Eine unverhoffte Wendung hat die Klagekampagne am Dienstag auch für die RIAA genommen: Die Lobbyorganisation wurde in Kalifornien wegen unfairer und irreführender Geschäftspraktiken verklagt. Grund dafür ist ein Anfang der Woche vorgestelltes Amnestie-Programm, mit dem die Organisation Tauchbörsen-Nutzer zur Umkehr bewegen will (P2P heißt "Piracy to Pornography"). Wer sich zu seinen Download-Sünden bekennt, alle illegalen Kopien vernichtet und in Zukunft von P2P-Netzen Abstand nimmt, bekommt von der RIAA Straffreiheit zugesichert. Der Kläger Eric Parke argumentiert nun, dass die Lobbyorganisation gar keine Befugnisse hat, derartige Freibriefe auszustellen. Vertreten wird er vom Rechtsanwalt Ira Rothken, der bereits der Klage eines Konsumenten gegen kopiergeschützte Audio-CDs zum Erfolg verhalf (siehe auch: Trotz Kopierschutz anonym bleiben).

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (112 Beiträge) mehr...
Anzeige

Tauschen im Untergrund

Aus Angst vor den Klagen der Musikwirtschaft ziehen sich immer mehr P2P-Nutzer in schwer kontrollierbare Kleinstnetze zurück

Urheberrecht nebensächlich

35 Millionen US-Amerikaner benutzen Tauschbörsen, die meisten achten (noch) nicht auf das Urheberrecht

Privatkopie, Kopierschutz und die verworrene Rechtslage

Macht sich die Musikindustrie durch Kopierschutzvorrichtungen strafbar?

Spanische Software-Firmen wollen 4000 Nutzer von Tauschbörsen anklagen

Insgesamt seien 95.000 Tauschbörsennutzer erfasst, Kritiker werfen der von den Firmen beauftragten Rechtsanwaltskanzlei unbefugtes Eindringen in die Privatsphäre vor

RIAA droht mit Hunderten von Klagen gegen Tauschbörsennutzer

RIAA-Justiziar Mitch Glazier erläutert im Telepolis-Gespräch die Abschreckungsstrategie der Musikindustrie

Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
Cover

Medienkritik

Zu den Verwerfungen im journalistischen Feld

Machteliten

Von der großen Illusion des pluralistischen Liberalismus

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.