Imperium oder Hegemon?

14.09.2003

Um diese Semantik wird in den USA weiter gestritten

Befriedung und Wiederaufbau in Afghanistan und im Irak laufen alles andere als geschmiert. Statt Jubel, Dankbarkeit und Begeisterung schlagen den Befreiern Misstrauen und Hass entgegen. Das hatten sich die Bushies wahrlich leichter vorgestellt. Das Gute würde dem Bösen schon bald und von alleine folgen. So glaubte und hoffte man am Potomac. Doch am heimischen Schreibtisch sortiert sich die Welt bekanntlich anders als vor Ort. Auf dem realen Schlachtfeld, wo Klima, Kultur und Menschenkörper die Planspiele der Militärs verderben, lässt sich mit Figuren, Zahlen und Truppenverbänden nicht so locker operieren. Da hilft auch kein Denken in "Schwärmen". Und auch mit mehr Geld, mehr Truppen und mehr Personal, wie US-Falken gerade von der Regierung fordern (Do What It Takes In Iraq), wird sich das Problem so schnell nicht lösen lassen. Der Weltmacht wird nichts anderes übrig bleiben, als die Kriegsgegner mit ins Boot zu holen und der UN ein "gewisses Mitspracherecht" im Irak einzuräumen.

Zum Frohlocken besteht auf Seiten der Liliputaner allerdings kein Anlass. Wenn der Koloss jetzt mit sich handeln lässt, dann bedeutet das keinesfalls ein Einlenken der Weltmacht. Sie greift vielmehr zu Möglichkeit Zwei, die da heißt: Schaffen wir es nicht allein, laden wir die Lasten und Pflichten eben auf viele Schultern. Multilateralismus ist, das hat auch Shahsi Tharoor, rechte Hand von Kofi Annan, soeben in der jüngsten Ausgabe der "Foreign Affairs" klar gestellt, für die Weltmacht nur ein Mittel, nicht aber bereits das Ziel.

The United States 'making the dinner' and the Europeans 'doing the dishes'.

Diese Arbeitsverteilung gilt nach wie vor. Sie sollten die "Umfaller" in Moskau und Paris, Berlin und New York im Ohr haben, wenn sie sich, geschmeichelt von Gullivers Lockversuchen, bald an den Wiederaufbaukosten im Irak finanziell und personell beteiligen.

Anders als ein ehemaliger Strippenzieher im Bundeskanzleramt, bin ich nicht der Meinung, dass Alteuropa derzeit und überhaupt "ein strategisches Interesse an der Stabilität des Irak" hat. Seine Freiheit steht weder in Bagdad auf dem Spiel, noch wird sie am Hindukusch oder am Horn von Afrika verteidigt. Diesen Unsinn hat man sich von Gulliver aufschwatzen lassen. Mit dem Balkan und dem Pulverfass "Albanien-Mazedonien-Kosovo", mit der Osterweiterung und dem Drängen der Türkei nach Aufnahme in die EU ist Alteuropa auf Jahre hin beschäftigt. Will es diese Probleme einigermaßen meistern, dann kann es sich kaum leisten, Handlangerdienste für andere zu erfüllen. Die Konzentration und Bündelung von Kräften, nicht deren Zersplitterung, mehr Moderne als Postmoderne, muss darum die Devise sein. Sonst wird es dem alten Kontinent niemals gelingen, sich aus dem Windschatten des Kolosses zu lösen und eine nachhaltige Rolle in der Welt zu spielen. Das zähe Klammern an überholten Bündnissen, das manche Transatlantiker in diesen Monaten zeigen, ist Teil dieses Problems, nicht aber dessen Lösung.

Nach dem Angriff vom 11. September haben die USA ihren Kurs nicht grundlegend geändert, sondern nur modifiziert und das Tempo erhöht.

Die Haltung Gullivers hat sich im Prinzip nicht verändert. Da liegt Herr Bertram völlig falsch. Gewiss ist der Riese nervöser, dünnhäutiger und verwundbarer geworden. Im Bewusstsein, dass die Meere ihn nicht mehr schützen, reagiert er zunehmend gereizt und paranoid und versucht durch Kraftmeierei, Säbelrasseln und symbolträchtige Bilder von seiner inneren Schwäche abzulenken.

Darum verstehe ich auch nicht, warum ausgerechnet Deutschland mit "Amerika Analyse und Strategie teilen" soll und Europa nur an der Seite der USA Statur und Gewicht gewinnen kann (Apokalypse und Analyse). Vielmehr sollte man Gulliver die Suppe, die er so dumm war, sich selbst einzubrocken, auch selbst auslöffeln lassen. Der Misserfolg wird ihn nicht nur wieder zur Räson bringen, er wird danach auch eine kleine Erholungskur nötig haben. Die Chancen Alteuropas, zur Weltmacht ökonomisch, machtpolitisch und kulturell aufzuschließen, würden drastisch erhöht.

Die Debatte

Doch nicht um die Stupidität neurotischer Riesen oder das Auslöffeln von Suppen soll es an dieser Stelle gehen; auch nicht um das diplomatische Tauziehen um neue Resolutionen, Beteiligungen und Lastenverteilungen. Das verfolgt der interessierte Beobachter besser in der Tagesschau, in Spiegel Online oder in der FAZ. Worauf ich den Blick nochmals lenken möchte, ist vielmehr eine Debatte, die in den USA vor über einem Jahr begonnen hat und immer noch die klügsten Köpfe des Landes elektrisiert.

Losgetreten hatte sie einst, vor über einem Jahr, als die Planungen zum Irak-Feldzug gerade auf Hochtouren liefen, der Bostoner Politikprofessor Andrew Bacevich in der Sommerausgabe des "Wilson Quaterly" mit dem Essay "New Rome, New Jerusalem" und dem Buch "American Empire". Seitdem köchelt diese Debatte munter vor sich hin. Im Kern kreist sie um die Frage, welchen Rang die USA im internationalen Staatensystem einnehmen und wie ihre Position darin zu beurteilen ist.

Wir sind gekommen, um die Welt zu erlösen

Ist die Weltmacht wirklich ein Imperium und damit Erbe vergangener Imperien? Ist dieser "einzigartige" Nationalstaat vielleicht sogar ein "Imperium neuen Typs"? Oder gehen solche Einschätzungen an der Realität vorbei? Ist Amerika nicht doch nur ein globaler Hegemon, einer, der zwar Anspruch auf globale Führerschaft erhebt und die "künftige Weltordnung" nach gewissen Prinzipien (Demokratie, Menschenwürde, Freihandel ...) gestalten will, aber seine Getreuen nicht wie Vasallen oder Untertanen behandelt?

Die Kommentare und Stellungnahmen dazu sind inzwischen ins Unüberschaubare gewachsen. Kaum ein Friedensmeeting das sich nicht dieses Themas annimmt. Mitte Juli diesen Jahres hat das American Enterprise Institute (AEI), ein Think Tank der Neocons, nochmals nachgelegt, und den britischen Historiker Niall Ferguson und dem US-Falken Robert Kagan zum Schlagabtausch gebeten. In der Wochenendausgabe der außenpolitischen Theoriezeitschrift "The National Interest" ist sie in ihren Grundlinien dokumentiert.

Auf den ersten Blick mag ein solcher Streit wie einer um des Kaisers Bart erscheinen. Wie man das Kind tauft, ist für die Sache selbst ziemlich egal. Beleuchtet man die Argumente hingegen näher, dann liefern die unterschiedlichen Standpunkte höchst interessante Einblicke in das Denken zweier andersartig gelagerter politischer Kulturen. Sie zeigen, trotz der getauschten Höflichkeiten und betonten Gemeinsamkeiten, wie breit der Atlantik eigentlich ist, und zwar auch zwischen Personen und Völkern, die ein "special relationship" pflegen.

Imperium wider Willen

Für Niall Ferguson, britischer Historiker an der University of New York und Autor des im April dieses Jahres erschienenen Buches "Empire: The Rise and Demise of the British World Order and the Lessons for Global Power", der, nach eigenem Bekunden, "nicht vom Planeten Venus stammt", sind die USA längst ein Imperium. Auf nahezu 750 Militärbasen in 130 Staaten (die UN hat etwas mehr als 190 Mitglieder) habe das Land Verbände und Gerät stationiert. Fast ein Drittel des weltweiten Wirtschaftsausstoßes komme aus den USA, was dreimal größer sei als jener, den das britische Imperium zu seiner Glanzzeit hatte. Schließlich scharten Individuen und Völker sich um ihre Symbole und adaptierten ihre Lebensstile freiwillig.

Amerika ist ein Koloss auf tönernen Füßen.

Doch nicht dieser Tatbestand ist für den Alteuropäer mit Wohnsitz in New York das Problem, sondern vielmehr der Umstand, dass die Weltmacht sich diesen Realitäten nicht stellt. Gerade diese Verweigerungshaltung beschwört in den Augen des Briten jenen Ärger für das Land und die Welt herauf, den die Weltmacht eigentlich vermeiden will. An drei Punkten macht er diese Widerwilligkeit fest:

  1. Da sei zum einen die amerikanische Haltung, kurzatmige Politik zu betreiben.
    Man interveniere sehr schnell militärisch, ziehe sich dann aber nach kurzer Zeit wieder auf seine Insel zurück, weil man die Kosten und Pflichten einer mehrjährigen Besatzung scheut. Diese Behauptung stellt auch Michael Ignatieff, Professor für Menschenrechtspolitik an der Kennedy School of Government in Harvard, in seinem soeben bei EVA erschienenen Buch "Empire lite" auf. Danach sind die USA nur die "Billigversion" eines Imperiums, das durch sein Verhalten die Welt unsicher macht. Für das eroberte oder befreite Land sei eine solche Politik jedoch verheerend, weil es nach Abzug der Besatzungstruppen dem Schicksal widerstreitender Kräfte überlassen werde. Als Kenner des Britischen Empires müsste Ferguson aber wissen, dass solche Verhaltensweisen nichts Ungewöhnliches sind. Sie sind geradezu typisch für Seemächte.
  2. Da sei zum anderen die Neigung des Imperiums zum "Wal-Mart Prinzip".
    Militäroperationen dürfen möglichst wenig kosten. Den zweiten Golfkrieg finanzierten größtenteils Saudis und Kuwaitis, aber auch Japaner und Deutsche. Und auch der Irak-Krieg wurde mit einer, wie manche meinen, viel zu geringen Truppenzahl geführt. Zum Nulltarif seien Nation Building und Peacekeeping aber nicht zu haben. Dafür hat das Imperium aber auch willfährige Staaten und Nationen, die zum Beispiel in Kabul und Umgebung die "Drecksarbeit" erledigen. Trotzdem findet Ferguson es beschämend, dass die US-Regierung in eineinhalb Jahren nur fünf Millionen Dollar zur Stützung der Regierung Karsai zur Verfügung gestellt hat. Besorgt über anhaltende Kämpfe im Süden des Landes zwischen Taliban-Gruppen und US-Verbänden hat Donald Rumsfeld bei seinem Besuch in Kabul nun allerdings angekündigt, dass sich die Weltmacht dort stärker finanziell beteiligen will. Um welche Beträge es sich da handelt, darüber schwieg der Kriegsherr sich allerdings aus.
  3. Und da sei schließlich das Missverständnis, was ein Imperium zum Imperium mache.
    Ein Imperium definiert sich nicht ausschließlich durch den Besitz von Kolonien, die es kontrolliert und dann ausbeutet. Ein Imperium hat noch mehr Aufgaben. Es besitzt Verantwortlichkeiten für die Welt, beispielsweise die Verpflichtung, für Ordnung und Recht, Stabilität und Sicherheit in der Welt zu sorgen. Um dieser Rolle gerecht zu werden, aber auch, um seine Interessen durchzusetzen, brauche ein Imperium Verbündete und Partner. Weder mit Alleingängen noch durch Zwang seien solche Aufgaben zu meistern. Weshalb Imperien dauerhaft nur funktioniert hätten, wenn sie im Einvernehmen mit anderen gehandelt hätten.

Den Historiker verwundert es nicht, dass die Liste der historischen Fehlschläge der USA äußerst lang ist. In über hundert Jahren hätten die USA mindestens sechzehn Mal militärisch interveniert. Aber nur in vier Ländern (Deutschland, Japan, Panama und Grenada) dies mit der Installierung demokratischer Regimes erfolgreich abgeschlossen. Alle anderen Missionen hätten sich im Laufe der Zeit ins Gegenteil verkehrt oder sich gar zu Tragödien entwickelt, siehe Korea, Cuba, Vietnam und Nicaragua oder wie jetzt der Kosovo oder der Irak. Zwar pumpt die US-Regierung anders als früher weiter Milliarden von Dollars in den Irak. Doch muss es für den Irak ein Damoklesschwert sein, wenn die Bushies, wie angekündigt, ihre Truppen aus dem Irak abziehen, nachdem "freie Wahlen" stattgefunden haben.

Um nicht ähnliche Fehler wie andere Imperien zu begehen, sollten die USA von deren Erfahrungen lernen. Auch die Briten kamen einst nach Bagdad als Befreier. Und auch sie verstanden sich als Abgesandte der Zivilisation, die in bester Absicht Völker erziehen und zum Licht führen wollten. Viel von dieser Arroganz gegenüber anderen Kulturen, die Ferguson mit dem Begriff "imperialistischer Altruismus" etwas ungelenk beschreibt, ist auch der amerikanischen Kultur eigen. So reizend diese "aufopfernde Selbstlosigkeit" auch ist und so sehr diese Haltung der angelsächsischen Kultur auch entsprechen mag - nach Ansicht des Historikers steckt gerade in dieser Haltung möglicherweise auch sein Fall und Untergang.

Wovon man nicht sprechen sollte

Es überrascht nicht, dass Robert Kagan, Autor des Bestsellers "Macht und Ohnmacht", da interveniert. Nach Meinung des derzeit "sexiest transatlantic intellectual" (Radek Sikorsy) sind die USA nur der erfolgreichste "globale Hegemon", den die Welt bislang gesehen hat. Nicht an Herrschaft und Dominanz über andere Völker und Regionen seien die USA interessiert, sondern an der Politik der "offenen Tür". Auch Leninisten haben das immer wieder betont. Gewiss hätten sich die USA in der Vergangenheit wie Imperialisten verhalten. Besonders in der Zeit, als sie den eigenen Kontinent "ordneten" und den Sprung über die Meere wagten. Da handelten sie häufig wie das alte Rom, das Eroberte und Befreite durch Geld, Zwang oder Erpressung flugs zu ihren Vasallen, Untertanen und Bürgern machte.

Man sollte den Amerikanern eher erzählen, dass sie ein Mittleres Königreich sind als ein Imperium

Seit dem "Manifest Destiny", das Amerikanern zur gottergebenen Pflicht macht, die Menschheit zu republikanischen Idealen zu bekehren, und der Besetzung der Philippinen habe die US-Außenpolitik aber eine grundlegende Wende vollzogen. Im Mittelpunkt stünde jetzt eine Politik der "guten Werte". Sie gründe in dem Glauben, dass jede konzentrische Machterweiterung der USA ("embrace and extend") gut für Amerika und deshalb auch gut für die Welt sei.

Gerade weil die Weltmacht auf Herrschaft, Kolonien und Unterwerfung verzichte und sich nach kurzer Zeit wieder auf seine Insel zurückziehe, sei Amerikas Macht, Einfluss und Ansehen in der Welt gewachsen. "Freiwillige Bindung" bzw. "informelle Kontrolle" von Staaten und Regionen nennt man das in Washington gelegentlich. Dieser "moderne Imperialismus", wie das seinerzeit Carl Schmitt nicht ohne Bewunderung genannt hat, erlaubt den Ländern zwar souveräne Entscheidungen und eigenständiges Regieren, garantiert der Weltmacht aber ein Interventionsrecht, sollte eine ihr nicht genehme Regierung ans Ruder kommen. Auch beute die USA andere Völker und Nationen nicht aus. Im Gegenteil, sie mache all jene Länder, die sie befreit, demokratisiert und an den Weltmarkt angeschlossen hätten, reicher.

Darum würden die USA global auch akzeptiert, und nicht, wie einst die Sowjetunion, gefürchtet. Schließlich gehöre das Zeitalter der Imperien längst der Vergangenheit an. Zur Lösung der drängendsten Probleme der Welt trage die Bezeichnung "Imperium" nichts bei, weder zur Bekämpfung des Terrors noch für die Verhinderung der Proliferation von MVW. Besser wäre es, darum zu streiten, warum die Welt die USA brauchen und eine herausragende Rolle in der Welt einnehmen müssen.

Zum Schluss lässt Kagan dann doch die Katze aus dem Sack. Amerika sei traditionell ein isolationistisches Land, eine Insel der Seligen, deren Bürger kein Interesse an Außenpolitik haben. Der Begriff Imperium verschrecke US-Bürger und treibe sie ins Lager der Isolationisten. Weil sie weder Geld dafür locker machten noch hinter diesem Banner hermarschierten, sei es besser, davon zu schweigen statt sie mit dem Gerede vom "Imperium" zu verunsichern.

Wer will, kann hier etwas von jenem exoterisch-esoterischen Wissen vernehmen, das Leo Strauss gelehrt hat und dessen aufmerksamer und gelehriger Schüler Robert Kagan gewesen ist. Bittere Wahrheiten vertragen nur die Eingeweihten, zum Beispiel solche wie die edlen und treuherzigen Geldgeber vom AEI. Ihnen kann man solche Realitäten jederzeit zumuten. Dem Normalbürger dagegen nicht. Ihm bleiben CNN oder FOX News, die das Land auf Heldentum und Opferbereitschaft einschwören.

Einig sind sich Kagan und Ferguson allerdings, dass die Außenpolitik der USA mehr Beständigkeit braucht. Mit der jahrzehntelang gepflegten Sprunghaftigkeit und Ad-hoc Politik ist den weltpolitischen Problemen nicht beizukommen.

Diesen Streit zu schlichten, fällt schon deswegen schwer, weil diese Fremdbeobachtung im Lichte unterschiedlicher Enkulturation erfolgt. Hier der Brite, der in New York lebt, aber mit alteuropäischem Wissen auf Amerika blickt; dort der Amerikaner, der wiederum in Brüssel arbeitet, aber vom Feldherrnhügel aus auf Alteuropa herabschaut. Natürlich kann man das amerikanische Empire mit früheren Weltreichen vergleichen, die auf Kolonien, Eroberungen oder der Bürde des Weißen Mannes aufgebaut waren. Sicher ist aber auch, dass wir es hier mit einem "Imperium neuen Typs" zu tun haben, einem "Imperium ohne Kolonien" (M. Ignatieff), dessen Ornamente freie Märkte, Menschenrechte und Demokratie sind, und durch die furchtbarste militärische Macht erzwungen werden, die die Welt jemals gekannt hat.

Zentraleuropa diskutiert

Längst hat dieser Diskurs auch Alteuropa erreicht und den dortigen Büchermarkt überschwemmt. Die Bücherläden quellen förmlich über mit Büchern, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Die Spreu vom Weizen zu trennen, fällt da nicht immer leicht. Soeben ist bei DVA ein Reader ("Empire Amerika", hg. von Ulrich Speck und Natan Snzaider) erschienen, der deswegen erwähnenswert ist, weil er den Austausch zwischen Mars- und Venusbewohnern sucht. Diskurse dieser Art gibt es noch viel zu wenige. Jedoch vermisst man darin die Stimmen jener, die das transatlantische Verhältnis für gescheitert halten und bereits nach neuen oder dritten Wegen suchen. Auf Schloss Elmau soll dazu im Herbst ein begleitendes Symposion stattfinden.

Amerika wird zum neuen Rom, weil es die Zivilisation des Abendlandes schützt und gemeinsam mit Europa bewahrt.

Schließlich ist vor ein paar Wochen bei Klett-Cotta Peter Benders Vergleich "Weltmacht Amerika. Das Neue Rom" erschienen. In seinem kurzweiligen Parforceritt durch über zweitausendjährige Geschichte pickt sich der achtzigjährige Historiker und Publizist jeweils jenes Jahrhundert heraus, das den Aufstieg Roms und Amerikas zur Weltmacht markiert: die Punischen Kriege einerseits sowie die Zeit der Weltkriege andererseits.

Bei seiner Parallelerzählung kann der Autor viele treffende und überraschende Analogien zwischen beiden Imperien ausfindig machen. Beispielsweise wie die Geografie (insuläre Lage) auf die Mentalitäten Einfluss nimmt und das Handeln beeinflusst. Sodann die konsequente Politik, mit der jeder Gegner vom eigenem Territorium ferngehalten wird, oder die Widerwilligkeit, mit der Rom und Washington in diese Rolle gedrängt werden. Schließlich auch das überzogene Sicherheitsbedürfnis, mit dem Kriege an die Peripherie getragen werden.

Trotz mancher hübscher Vergleiche: der Angriff auf Pearl Harbour mit Hannibals Zerstörung der spanischen Stadt Sagunt; die Zerstörung Karthagos mit dem Angriff auf Bagdad; das Verhältnis zwischen Römern und Griechen mit dem zwischen Amerikanern und Europäern, bleibt der Leser nach der Lektüre irgendwie unbefriedigt zurück. Nicht nur, weil viele Schilderungen ihm bekannt vorkommen und nicht über das Niveau hinausreichen, das er vom Geschichtsunterricht der gymnasialen Mittel- und Oberstufe her kennt. Sondern auch, weil die Ereignisse häufig plakativ aneinandergereiht oder nebeneinander aufgelistet werden.

Zwar versucht der Autor beim parallelen Erzählen immer wieder innezuhalten und auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Imperien hinzuweisen. Einen Strukturvergleich in Sachen Kultur, Moral und Mentalität stellt er jedoch nicht an, sodass der Leser eine Antwort, worin denn nun die Eigenart und das Neue am "Neuen Rom" bestehen soll, nicht erhält. Andererseits fehlt häufig der Platz und der Mut zum Detail bzw. zur genauen Recherche und Analyse.

Der Kellogg-Pakt, durch den der Krieg auf Druck der USA zwar international geächtet, aber als internationaler Konflikt weiter erlaubt bleibt, findet nur in einer Fußnote Erwähnung. Auf dieser Internationalisierung von Konflikten, die in humanitäre Interventionen münden, gründet aber zum Großteil die Außenpolitik des US-Imperiums im letzten Jahrhundert. Washington kann das tun, weil es ihre nationalen Anliegen für Angelegenheiten der ganzen Welt hält. Das eigene Interesse zu universalisieren und zur Herzensangelegenheit aller zu machen, ist wirklich neu und dem alten Rom fremd.

Obwohl der Historiker Wertungen tunlichst vermeidet, hat man mitunter doch den Eindruck, dass die Darstellung jenen moralischen Korrektheiten westdeutscher Geschichtsbetrachtung folgt, deren normative Grundlagen Karl-Heinz Bohrer in seinen Gadamer-Vorlesungen attackiert hat. Auch dieser Mitschnitt ("Exstasen der Zeit") ist soeben in Buchform bei Hanser erschienen.

Der Teufel mag wissen, warum das Buch auf Platz drei der September Sachbuch-Bestenliste des SWF und der SZ gelandet ist. Das Buch ist durchaus zu empfehlen, es liest sich ganz flott und eignet sich auch, wie ich versichern kann, als Strandlektüre. Diesen Rang hat es aber gewiss nicht verdient. Vielleicht hat der Titel und das schöne Cover Eindruck auf den einen oder anderen Juroren gemacht. Gelesen haben sie es jedenfalls nicht. Aber da sind sie bekanntlich nicht allein. Das machen gelegentlich auch Weltphilosophen, die Verlagen Bücher empfehlen, die sie nur vom Hörensagen kennen.

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